Kindheit im Jahr 2050: Wie werden Kinder sich kleiden?

Redaktion

Welche Mode für Kinder wird in der Zukunft vorherrschend sein? Gibt es dann noch Trends? Und bleibt die Kleidung Ausdruck der eigenen Persönlichkeit? Diese Fragen haben wir Fredericke Winkler gestellt. Die studierte Modedesignerin und Dozentin an Modehochschulen beschäftigt sich mit Trends und berät Start-ups.

Frau Winkler, wie wird sich der Nachwuchs im Jahr 2050 kleiden?

Bei der Frage muss man immer im Kopf behalten, dass die Kaufentscheider für Kidswear bis zu einem gewissen Alter in der Regel Erwachsene sind: die Mutter, nach wie vor selten der Vater, dann schon eher die Oma. Kinderkleidung orientiert sich an den Moden dieser Zielgruppen, Abweichungen bestätigen dabei die Regel. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern, weil Kinderkleidung bezüglich Trends eher rückwärts-
gewandt ist: Die Eltern durchleben ihre eigene Kindheit.

Wird Mode überhaupt noch ein relevantes Thema sein oder sind es eher Probleme wie Rohstoffmangel?

Das ist eine moralisch schwerwiegende Frage, die sich nicht nur auf Kleidung, sondern auf den allgemeinen Konsumstil bezieht. Der Mensch wird nie aufhören zu konsumieren, jedoch werden sich die Parameter ändern: Umweltschutz, Ressourcenknappheit und soziale Bedingungen werden unweigerlich eine immer größere Rolle spielen.

Smarte Technologien gewinnen zunehmend an Bedeutung in der Mode. Was wird sich in diesem Bereich tun?

Eltern sind sehr vorsichtig in puncto smarter Textilien für Kinder. Vermutlich, weil man neue Technologien und ihre möglichen Risiken nicht leichthin verstehen kann. Zur Zeit ist eine klare Präferenz von Naturfasern zu erkennen. Dies wird sich jedoch mit der Akzeptanz neuer Technologien in Zukunft stark und schnell verändern, wie man schon im Outdoorbereich oder bei Kinderschuhen sieht. Themen werden sein: Entertainment, Schutz, Hygiene, Gesundheit und Langlebigkeit.

Innovation oder Design: Was spielt zukünftig eine größere Rolle?

Klar kommen blinkende und tönende Kleider super bei den Kindern an. Eltern überzeugt womöglich mehr die Hitze und Kälte dämmende Jacke, das Schmutz abweisende oder antibakterielle Gewebe oder die Hose, die unzerstörbar zu sein scheint. Ein wichtiger Punkt ist die ökologische Qualität des Materials. Die technologische Entwicklung bewegt sich aber nicht nur im Bereich der Kleidung selbst, sondern auch im Service: etwa durch Systeme zur Vermessung von Kinderfüßen beim Schuhkauf, das 3-D-Drucken der Sohlen oder die Lieferung am selben Tag. Trotzdem wird Design immer notwendig sein, um Funktion und Form auf eine Art zusammenzubringen, die den Konsumenten emotional anspricht.

Schon jetzt ist in vielen Bereichen des Lebens eine Rückbesinnung zu beobachten: Tradition statt Fortschritt, Manufakturherstellung statt Massenproduktion. Setzt sich diese Tendenz durch?

Jeder Trend generiert einen Gegentrend. Somit sind alte Handwerkstechniken und Naturfasern ein großes Thema. Interessant dabei ist, dass diese Fertigungsschwerpunkte immer stärker von der Technologisierung abhängig werden. Das Handwerk braucht ein Netzwerk, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und die Bioqualität von Baumwolle lässt sich nur dann garantieren, wenn in komplexe Systeme investiert wird, die diese nachweisen. Allein die vielen internetbasierten Kommunikationsmaßnahmen der Slow-Fashion-Bewegung machen ihr Bestehen überhaupt erst möglich.

Was möchte wohl der Nachwuchs selbst in Zukunft anziehen?

Kinder beginnen schon sehr früh, ihre zarte Identität an äußeren Merkmalen auszuprobieren. Daher halte ich es für ganz wichtig, ihnen so früh wie möglich den Raum zu geben, sich durch Kleidung auszudrücken – auch wenn es für stilbewusste Eltern manchmal schwer sein kann, mit dem Resultat zu leben. Denn Kinder können regelrechte Elstern sein: Sie lieben alles, was blinkt, glitzert und leuchtet. Je mehr künftig in dieser Richtung möglich ist, desto mehr werden Kinder das auch einfordern. Meine Jungs, sechs und acht Jahre alt, würden aktuell am liebsten in Superheldenkostüm und mit Leuchtschwert in der Hand aus dem Haus gehen. Also muss ich in Kauf nehmen, dass das ein oder andere Merchandise-Kleinod seinen Weg in unseren Haushalt gefunden hat.
Unser Umgang mit Kindern wird die Mode stark beeinflussen, denn wir respektieren mehr und mehr die Persönlichkeitsrechte unserer Zöglinge, was sich auch auf ihr Kleidungsverhalten auswirken kann. Unsere Kinder werden keine unbequemen Kleider mehr akzeptieren und sich im Sinne der Abgrenzung Phasen erlauben wie „Ich trage nur Rot!“. Das ist wunderbar und die Mode sollte das unterstützen, denn was ist Mode – egal wann –, wenn nicht das perfekte Mittel, um sich und seinen gegenwärtigen Wesenszustand auszudrücken?

Illustration: Daphne Braun