Gerade heute tun sich viele Eltern schwer, ihre Kinder loszulassen. Stichwort: Helikoptereltern. Wir haben mit den Psychologinnen und Autorinnen Stefanie Stahl und Julia Tomuschat darüber gesprochen, wie der Spagat zwischen Liebe und Loslassen gelingen kann.

Der Titel Ihres Buches „Nestwärme, die Flügel verleiht“ klingt auf den ersten Blick paradox. Ein warmes, gemütliches Nest möchte man doch am liebsten gar nicht verlassen. Trotzdem ermutigen Sie Eltern, ihren Kindern mehr Freiräume zu lassen. Wie soll das aussehen?

>„Ein kuscheliges Nest möchte man nicht verlassen“, denken wir, aber eigentlich ist genau das Gegenteil richtig. Schenken unsere Eltern uns ausreichend Liebe und Zuneigung, bauen wir eine gute Bindung auf. Die Bindung ist die Basis dafür, dass wir flügge werden und das elterliche Nest verlassen können. Schließlich haben wir auch ein angeborenes Bedürfnis nach Freiheit und Selbstständigkeit. Viele Kinder sind heutzutage überbehütet, ihre autonome Entwicklung wird hierdurch eingeschränkt. Wenn die Eltern ihren Kindern ein sicheres Bindungsgefühl vermitteln, dann vertrauen sie eben auch darauf, dass ihre Kinder altersangemessene Herausforderungen ohne ihre Hilfe bewältigen, und dieses Zutrauen stärkt das Selbstwertgefühl und die Autonomie der Kinder.

Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz ist für jede Beziehung eine Herausforderung. Welche Rolle spielen die Bindungsstile der Eltern?

Die eigenen Bindungsstile spielen eine wichtige Rolle. Wenn ein Elternteil selbst eine unsichere Bindung aus seiner Kindheit erworben hat und dies nicht ausreichend reflektiert, dann kann es passieren, dass er seinem eigenen Kind auch zu wenig Geborgenheit vermittelt. Oder sein eigenes Defizit überkompensiert und sein Kind zu stark an sich bindet und überbehütet. Stichwort „Helikoptereltern“, die nur um ihr Kind kreisen. Von unseren Eltern haben wir gelernt, wie Beziehung geht. Deshalb regen wir in unserem Buch dazu an, immer wieder zu reflektieren: Welche Erfahrungen habe ich als Kind gemacht? Konnten meine Eltern meine Bedürfnisse nach Nähe und Zuneigung erfüllen? Und haben sie mich dabei unterstützt, eigenständig zu sein und auf eigenen Beinen zu stehen?

Sie unterscheiden zwischen autonomen und angepassten Eltern. Können Sie das bitte einmal kurz erklären?

Viele Menschen sind innerlich nicht ganz in der Balance zwischen Bindung und Autonomie. Menschen, deren innere Balance zugunsten der Bindung gestört ist, sind häufig überangepasst, weil sie so danach streben, angenommen zu sein. Auf der Elternebene bezeichnen wir diesen Typ als angepasst.

Angepasste Eltern haben eine tiefe Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit. Das hat viele schöne Facetten. Vor allem kleinere Kinder brauchen ja viel Nähe. Aber die Gefahr besteht, dass sie ihr Kind zu eng an sich binden. Angepasste Eltern tun sich tendenziell schwer damit, ihr Kind als eigenständigen, von ihnen getrennten Menschen wahrzunehmen, was dazu führen kann, dass sie das Kind verwöhnen, überbehüten und ihm zu wenig Freiräume zugestehen. Bei angepassten Eltern ist das Nähebedürfnis überbetont.

Autonome Eltern sind zugunsten der Autonomie aus dem inneren Gleichgewicht, sie brauchen viel eigene Freiheit. Sie können es deshalb gut aushalten, wenn ihr Kind eigene Wege geht. Das ist die positive Seite. Allerdings fühlen sich autonome Eltern im durchgetakteten Familienalltag manchmal in die Enge getrieben. Gerade mit kleinen Kindern oder Babys gibt es ja wenig Freiräume. Deshalb ist es für autonome Eltern besonders wichtig, dass sie sich Auszeiten zugestehen.

Oft hat man heutzutage das Gefühl, Eltern möchten eher die besten Freunde ihrer Kinder sein als Erziehungsberechtigte. Teilen Sie diese Beobachtung?

Jein. Im Gegensatz zu früheren Erziehungsstilen, wo es ein klares Oben und Unten gab und die Kinder gehorchen mussten, bemühen sich heute die meisten Eltern darum, eine kooperative Beziehung zu den Kindern herzustellen. Soziologen beobachten einen Wandel von der autoritären Erziehung hin zur Verhandlungsfamilie, wo Kinder bei Entscheidungen gehört und beteiligt werden. Und das ist ja zunächst einmal ein Fortschritt! Manchmal schießen die Eltern bei ihrem Bemühen um Partnerschaftlichkeit allerdings über das Ziel hinaus. Dann verlassen die Eltern die Elternebene und es wird unter Umständen zu freundschaftlich. So etwas passiert vor allem den angepassten Eltern.

Warum ist es für die Eltern-Kind-Beziehung nicht förderlich, sie allzu freundschaftlich zu gestalten? Wo brauchen Kinder klare Grenzen?

Schwierig wird es, wenn Eltern innerlich zu sehr mit ihren Kindern verschmelzen. Dann fällt es den Eltern schwer, sich abzugrenzen und auch einmal Nein zu sagen. Aber Kinder brauchen Grenzen, um sich weiterzuentwickeln.

Wir meinen, dass Grenzen die Autonomie, also die Freiheit, erst ermöglichen. Das klingt zunächst paradox, aber ein Beispiel mag das illustrieren: Ich kann meinen sechsjährigen Sohn nur dann alleine (autonom) zum Bäcker schicken, um für die Familie Brötchen zu holen, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass er anschließend nach Hause kommt und nicht etwa auf den Spielplatz geht oder seinen Freund besucht.

Kinder Freiräume

Kinder sollen früh gefördert werden, Eltern sollen sich bemühen: Das klingt nach Druck von allen Seiten. Wie können sich Eltern denn überhaupt noch entspannen?

Sich im Dschungel der Ansprüche und Anforderungen an moderne Elternschaft zu behaupten ist ganz schön schwer. Da ist es hilfreich, wenn wir unseren eigenen roten Faden kennen und uns fragen: Was ist uns eigentlich in der Erziehung unserer Kinder wichtig? Was sind unsere Erziehungsideale?

Wenn ich das weiß, habe ich eine Entscheidungsgrundlage und kann den ein oder anderen übertriebenen Anspruch auch besser abwehren. In unserem Buch geht es ja nicht nur um Bindung und Autonomie, sondern damit einhergehend auch um das Selbstwertgefühl der Eltern. Auch dieses versuchen wir zu stärken: Je selbstsicherer ich mich als Elternteil fühle, desto freier und gelassener kann ich entscheiden, was meine eigenen Werte in der Erziehung sind. Hierdurch lasse ich mich von äußeren Erwartungshaltungen nicht so schnell in die Enge treiben.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wie schaffen es Eltern, ihre Ängste nicht auf ihre Kinder zu übertragen, sondern ihnen trotzdem ein Gefühl von Sicherheit zu geben?

Eigentlich haben fast alle Eltern Angst um ihre Kinder. Eine Mutter hat uns gesagt, dass die Angst um ihre Tochter für sie ab dem ersten Tag dazugehört hat, wie eine Begleitmusik zur Elternschaft. Das geht vielen Eltern so. Jetzt entsteht natürlich die Frage: Was machen wir mit dieser Angst? Wenn wir sie ungefiltert an unsere Kinder weitergeben, verängstigen wir sie. Die Angst braucht also ein Gegengewicht und das ist das Vertrauen ins Leben. Die kölsche Weisheit „Et hätt noch immer jot jejange“ drückt das ganz wunderbar aus.

Dieses Vertrauen ins Leben hilft uns, unsere Kinder weniger ängstlich zu betrachten. Zudem kann auch eine rationale Betrachtung der eigenen Angst weiterhelfen. Der Verstand weiß nämlich meistens gut zu unterscheiden, welche Ängste angemessen und welche übertrieben sind. Ansonsten kann hier auch das Gespräch mit Freunden oder Fachleuten helfen, zu einer realistischen Einschätzung zu kommen. Übertriebene Ängste sollten keinesfalls auf das Kind projiziert werden, sondern „therapiert“ werden.

Die Kleinkinder- und Grundschulzeit läuft in vielen Familien noch relativ harmonisch ab. Oft kommt der Bruch mit der Pubertät. Dann fangen Kinder an, flügge zu werden und das warme Nest zu verlassen. Können Sie Tipps für diese Phase geben? Was hilft Eltern – und Kindern?

Im Grunde genommen geht es auch in der Pubertät wieder um Bindung und Autonomie. Eltern müssen die Bande lockern, aber auch nicht zu früh. Deshalb heißt der erste Tipp: „Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem pubertierenden Sohn/Ihrer pubertierenden Tochter.“ Darüber hinaus heißt es: „Nerven behalten!“ Das gelingt umso leichter, je stabiler der eigene Selbstwert ist. Dann müssen wir die pubertären Auswüchse nicht persönlich nehmen. Vielen Eltern hilft es in dieser Zeit, sich daran zu erinnern, dass man ja eine gute Beziehung hatte.

Mit anderen Worten: Eltern sollten darauf vertrauen, dass die Beziehung, die sie im Vorfeld aufgebaut haben, trägt. Und irgendwann kann man mit den Kindern wieder ganz normal reden. Versprochen!

Also ist Loslassen doch, auch aus Ihrer persönlichen Erfahrung, der einzige Weg? Wie kann man das Loslassen üben?

Eigentlich fängt das Loslassen schon sehr früh an. Spätestens wenn das Kind in die Kita kommt, müssen die Eltern sich verabschieden und ein Stück loslassen. Die Notwendigkeit loszulassen steigert sich dann über die nächsten Jahre mit Einschulung und Pubertät bis zum Tag des Auszugs von zu Hause. Loslassen geht immer mit Trauerarbeit einher. Wir kommen nicht darum herum – und je bewusster wir uns dem Schmerz stellen, umso versöhnter können wir damit sein, dass unser Kind seine eigenen Wege geht.

Die Autorinnen

Bilder: Gettyimages