Beim Thema Essen gibt es oft Diskussionen, besonders wenn es um Süßigkeiten geht. Wie man gesunde Esser erzieht, was Verbote bringen und warum die Tiefkühlpizza aussterben wird, haben wir mit dem Ernährungspsychologen Christian Klotter besprochen.

Das Thema Essen ist gerade wenn man Kinder hat sehr emotional besetzt. Warum haben Eltern immer Angst, dass ihre Kinder sich zu wenig gesund ernähren? Gibt es dazu Studien?

Christoph Klotter: Dazu gibt es keine Studien aber es ist ein allgemeiner Trend, dass die sogenannten Millenials, also die nach 1980 Geborenen, gesundheitsbewusster und qualitätsorientierter sind. Die „Bessergestellten“ demonstrieren heute ihren Status dadurch, dass sie versuchen, ihre Kinder gesünder zu ernähren. Das ist eine Abgrenzung nach unten. Die sozial Gefährdeten essen Fleisch bis sie satt werden, und sind zudem froh, wenn sie bis zum Monatsende überhaupt genug zu essen haben. Die Bessergestellten setzen auf Bioprodukte und auf Gesundes und grenzen sich dadurch ab.

Das geht zurück auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu der erklärte, dass es hier eine soziale Distinktion gibt. Über Essen etikettieren wir unseren sozialen Status. Und weil seit ein paar Jahrzehnten alle genug Fleisch zu essen haben, da das Fleisch so billig geworden ist, schwenken die sozial Bessergestellten nun um auf Veganismus und Vegetarismus, um sich von der Masse abzugrenzen.

Gibt es eine Erklärung für die Fixiertheit der Eltern auf das Essen, das ihre Kinder zu sich nehmen?

Es ist unserer Kultur geschuldet, dass wir gute Eltern sein wollen – und wir sind gute Eltern, wenn wir unsere Kinder gesund ernähren. Früher hatten Eltern ihre Kinder ausreichend zu ernähren. In der Wohlstandsgesellschaft ist diese Vorgabe durch die gesunde Ernährung ersetzt worden.

Liegt der Grund dafür auch in einer gewissen Orientierungslosigkeit. Früher hat die Kirche mit ihren Fastenzeiten den Ernährungsplan vorgegeben, heute fehlt so ein moralisches Grundgerüst.

Ja natürlich. Es gab früher 141 Fastentage im Jahr, die von der Kirche vorgegeben wurden. Die hat man zwar nicht immer eingehalten, aber mit dem Schwinden des christlichen Glaubens in den letzten Jahrhunderten muss das spirituelle Bedürfnis einen anderen Ort finden. Das 20. Jahrhundert hat die politischen Utopien religiös besetzt. Diese Utopien sind alle gescheitert mit Hunderten und Millionen von Toten – aber der Wunsch nach einer Religiosität ist geblieben.

Heute ist das Essen religiös besetzt. Darum erwarten wir heute von einem guten Essen oder von einem gesunden Essen wenn schon nicht die Unsterblichkeit, so doch zumindest ein vorbildliches langes glückliches Leben.

Erklärt das auch den Wunsch nach Selbstoptimierung übers Essen?

Ja, und das Ganze ist tatsächlich religiös kontaminiert. Essen muss heute Erlösung versprechen. Es gilt: „Du bist, was du isst.“

Warum nimmt Essen in unserer Gesellschaft heute so einen hohen Stellenwert ein und warum ist es den Menschen so wichtig, zu thematisieren, was sie warum essen?

Lange Zeit war Essen hauptsächlich traditionsgebunden. Aber heute ist Essen zu einem Ausdruck des Lebensstils geworden. Ich präsentiere damit meine Werte und Überzeugungen, ich inszeniere meine Identität. Wenn Sie es böse formulieren wollten, könnten Sie auch sagen: Essen ist Teil des Selbstmarketings geworden. Früher war die Ernährung schichtabhängig. Inzwischen ist sie das zwar weniger, aber immer noch inszenieren sich die „Bessergestellten“ über gesundes Essen inszenieren.

Mit Kindern zusammen zu kochen oder das Essen auszuwählen, ist grundlegend für eine spätere gesunde Ernährung | Bild: Getty

Kann ich meine Kinder denn überhaupt zu gesunden Essern erziehen?

Ja, in dem Augenblick in dem sie beteiligt werden. Wenn Essen ein partizipativer Prozess ist, dann kann das gelingen.

Sie sagen Zucker sei überlebenswichtig für die Menschheit gewesen, allerdings kam er ja lange nicht in raffinierter Form vor. Heute ist alles überzuckert, vom Kinderjoghurt über Cornflakes… Wie kann ich meine Kinder klug an das Thema Süßigkeiten heranführen?

Es ist eine genetische Programmierung, dass wir Zucker lieben. Zum einen heißt Zucker, etwas ist nicht giftig. Und Zucker ist – wie Fett – energiedicht. Wir haben einen genetischen Überlebensdrang der sagt: Iss möglichst viel, wenn es verfügbar ist und möglichst viel Süßes und Fettes, weil das viel Energie gibt. Ohne diese angefutterten Zucker- und Fettreserven hätte die Spezies Mensch die immer wieder auftretenden Phasen des Hungers nicht überstanden. Zucker ist also das Symbol des Überlebens, wie Fett übrigens auch.

Man sollte Kindern Süßigkeiten nicht verwehren, sondern einen regulierten Umgang damit einüben. Süßes kann durchaus auch einmal eine Belohnung sein. Man sollte als Eltern gelassen sein bei dem Thema und nicht hysterisch. Wenn man den Kindern Zucker als Lebensmittel verbietet, wird das Verlangen danach gesteigert. Das Verbotene ist das Erstrebenswerte. Das Verbot schafft erst das Begehren.

Das kennen wir ja aus unserer eigenen Kindheit…

Genau! Deshalb ist die Regulation ganz wichtig. Und was die überzuckerten Lebensmittel für Kinder betrifft – das  ändert sich gerade dramatisch. Bei der letzten Internationalen Süßigkeitenmesse in Köln, da gab es kaum noch eine Süßigkeit die nicht mit „proteinreich“ oder „zuckerreduziert“ beworben wurde. Sie müssen nur an die Müslis von Dr. Oetker denken: das bestverkaufte ist inzwischen das mit dem geringsten Zuckergehalt.

Es gibt eine unglaubliche Transformation, was die Industrie betrifft, was den Handel betrifft, aber auch die Verbraucher. Die Industrie weiß genau, wenn sie hier nicht reduziert und sich nicht anpasst, verliert sie ihre Kundschaft. Das ist ein radikaler Wandel. Es wird sich noch einiges ändern. Zum Beispiel gab es auch einen Vortrag darüber, dass es in 20 Jahren keine Tiefkühlkost mehr geben wird, einfach weil es nicht ökologisch ist. Die Tiefkühltruhen gehören der Vergangenheit an. Sie können sich nicht vorstellen, wie in der Lebensmittelindustrie über Nachhaltigkeit nachgedacht wird. Das Hauptthema in der Lebensmittelindustrie ist im Moment Nachhaltigkeit.

Das macht Hoffnung, oder?

Ja, das macht Hoffnung und es macht auch Sinn. Denn überspitzt formuliert: Die Käufer der Tiefkühlpizza sterben aus. Die Millenials sind nicht mehr bereit Tiefkühlpizza zu kaufen, sondern machen sie lieber selbst. Der Anteil der qualitätsbewussten Esser steigt massiv. Er lag vor einigen Jahren bei fünf Prozent und liegt mittlerweile bei 20 Prozent – und er wird weiter steigen. Supermarktketten wie Aldi und Co. mussten Bioprodukte in ihr Sortiment aufnehmen, weil sie sonst nicht mehr marktfähig gewesen wären. Aldi ist inzwischen der größte Anbieter von Biolebensmitteln in Deutschland.

Ist denn der Umgang mit Lebensmitteln oder ob zuhause gekocht wird wichtig für die Prägung des späteren Essverhaltens?

Ja, absolut. Es gibt eine Langzeitstudie dazu die besagt, wenn Drei- bis Vierjährige an der Auswahl und der Zubereitung von Lebensmitteln beteiligt werden, ernähren sie sich 20 Jahre später als junge Erwachsene besser. Das hat grundlegende Effekte.

Also ist es sinnvoll gemeinsam mit den Kindern etwas zuzubereiten, das ihnen auch schmeckt, und sei es Pizza oder Hamburger? Es muss demnach nicht zwingend etwas Gesundes sein?

Nein, die Hauptsache ist, dass sie beteiligt werden und im Supermarkt mit auswählen dürfen. Wichtig ist, dass sie gefragt werden: Was wollen wir heute abend essen? Und dass sie bei der Zubereitung mithelfen können – dann sind sie kompetente „Ernährungswissenschaftler“.

Und woran liegt es, dass so viele Kinder immer noch nicht wissen wo die Milch herkommt, oder wie ein Brokkoli aussieht?

Das kann man aus meiner Sicht ganz einfach erklären: Vor 100 Jahren waren in Deutschland über 80 Prozent der Menschen Bauern, und jetzt sind es weniger als 5 Prozent und es werden immer weniger – mit abnehmender Tendenz. Es hat eine Entfremdung stattgefunden von der Wertschöpfungskette der Lebensmittel, weil wir sie nicht mehr selbst herstellen. Daraus folgt, dass wir Kinder aktiv an die Nahrungsmittelproduktion heranführen müssen. Man kann zum Beispiel ein paar Hochbeete auf der Terrasse anlegen, einen Bauernhof besichtigen… Das ist extrem wichtig.

Auch auf kleinem Raum können Kinder Gemüse anpflanzen | Bild: Getty

Wollen Sie damit sagen, jedes Kind sollte am besten einmal selber eine Karotte aus der Erde gezogen haben…?

Exakt. In meiner Kindheit empfand ich dabei ein absolutes Glücksgefühl. Das war ein wunderbarer Augenblick. Und genau das müssen wir sozusagen wieder herstellen. Aber ein Hochbeet auf dem Balkon reicht dazu völlig aus.

Wie halten Sie es mit Ihren eigenen Kindern, wenn Sie so viel über Essen und Psychologie des Essens nachdenken.

Ich rate zur Gelassenheit. Wenn schönes Wetter ist, dann gehen wir ein Eis essen und da denke ich nicht darüber nach, ob das nun Zucker ist oder nicht. Gelassenheit ist wichtig, und auch eine gewisse Beweglichkeit und möglichst keine Fundamentalisierung. Natürlich sage ich zu meinen Kindern auch, dass sie nicht nur Zucker essen können.

Hat es denn negative Auswirkungen auf die Kinder wenn Eltern beim Essen sehr restriktiv sind? Entwickeln sich Kinder dann schlimmsten Fall genau in die andere Richtung?

Ja, das Verbot löst das genaue Gegenteil aus, dazu gibt es auch empirische Studien. Wenn ich einem Kind verbiete Zucker zu essen und es ist zum Beispiel auf einem Kindergeburtstag wo es Kuchen gibt, dann isst es so viel bis es Erbrechen muss. Das Verbot löst den Widerstand aus und es kommt zum Exzess. Das ist aber keine Regulation wie sie sich Eltern wünschen. Wichtig ist, den Kindern eine Selbstregulation zu vermitteln. Ich kann das aus meinem privaten Bereich erzählen: Ich war vor einigen Tagen mit meinen Kindern Eis essen und nach einiger Zeit hatten sie einfach genug und haben den Rest des Eises weggeworfen. Das ist Selbstregulation. Wenn wir ihnen das verbieten würde, würden sie alles aufessen.

Das heißt, die Selbstregulation ist da bei den Kindern als natürliche Funktion?

Ja, sie ist da – wenn man nicht zu sehr eingreift.

 

Zur Person: 

C KlotterChristoph Klotter ist Ernährungspsychologe und Psychotherapeut. Seit 2001 lehrt er an der Hochschule Fulda im Fachbereich Ökotrophologie und hat mehrere Studien zum Thema Adipositas veröffentlicht. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

 

Bilder: Gettyimages (4), privat (1)