Kinder bewegen sich von Natur aus gern – aber nicht unbedingt beim Schulsport. Woran liegt es, dass gerade diese Schulstunden vielfach unbeliebt sind? Und müsste das Schulsporttrauma, das völkerballgeplagte Elterngenerationen haben, nicht längst der Vergangenheit angehören?

Wir haben einen Profi dazu interviewt, wie guter Schulsport aussehen soll und warum sich unsere Kinder generell zu wenig bewegen.

Frau Dr. Guardiera, Sie unterrichten zukünftige Sportlehrkräfte an der renommierten Sporthochschule Köln. Was sind eigentlich die erzieherischen Grundlagen für den Schulsport?

Dr. Petra Guardiera: Ich kann in erster Linie für das Bundesland Nordrhein-Westfalen sprechen, wo wir tatsächlich einen erzieherischen Schulsport verfolgen. Hier steht also nicht nur die reine Vermittlung von Sportarten im Vordergrund, sondern es werden auch pädagogische Anliegen transportiert. Um das an einem Beispiel etwas anschaulicher zu machen: Eines der pädagogischen Ziele heißt „Etwas wagen und verantworten“. Dabei geht es darum, Mut und Angst mit den Schülerinnen und Schülern zu thematisieren.

Also: Ich habe Angst, die Kletterwand bis ganz nach oben zu klettern oder aus dem Handstützüberschlag über den Kasten zu springen. Es wird besprochen, was Ängste sind, woher sie kommen, wie man ihnen begegnen kann. Aber auch wie es ist, sie zu überwinden, über seine Grenzen hinauszugehen und dafür wiederum die Verantwortung zu übernehmen.

Aber nach dem, was ich im Bekanntenkreis höre, hat sich noch nicht viel im Sportunterricht geändert. Oft wird sogar noch in Mannschaften gewählt, wobei die Schwächeren natürlich immer den Kürzeren ziehen, was wie ein Freischein zum Mobbing ist! Sind das nur Einzelfälle?

Also meines Erachtens sind das nur Momentaufnahmen. Ich komme selbst aus dem Schuldienst und habe mein Referendariat zu Beginn der 2000er gemacht, und schon da war lange klar, dass das Wählen in Mannschaften keine Option ist. Das ist nichts, was wir unseren Studierenden mit auf den Weg geben wollen. Im Gegenteil: Wir möchten das unbedingt aufbrechen!

Man darf allerdings nicht vergessen: Viele unserer Studierenden bringen eine eigene Sportlerbiografie mit. Das unterscheidet sie von anderen Lehramtsstudenten. Vielleicht kennen einige unserer Studierenden das Wählen in Mannschaften noch aus ihrem eigenen Sportalltag und es ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Aber wir arbeiten daran, dass sich solche Gewohnheiten nicht in den beruflichen Alltag übertragen. Niemand verfolgt im Sportunterricht das Ziel, jemanden über das Wählen bloßzustellen. Das ist ein Problem, das allen bekannt ist.

Völkerball stand kürzlich ebenfalls in der Kritik. Es sei Mobbing im Sport. Wurde das bei Ihnen diskutiert?

Ja, das wurde diskutiert. Völkerball ist grundsätzlich ein Spiel wie viele andere auch. Die Spielidee ist, Punkte zu erzielen, indem man den Gegner abwirft. Aber natürlich ist die Frage, wie das Spiel im Unterricht inszeniert wird. Wenn ich mit meinen Schülerinnen und Schülern unreflektiert Völkerball spiele und es dazu kommt, dass die immer gleichen Kinder vermehrt abgeworfen, in die Ecke gedrängt und zu „Abwurfopfern“ werden, dann darf ich das als Lehrkraft nicht so laufen lassen.

In dieser Situation sind meine pädagogischen Fähigkeiten gefragt, um einer möglichen Mobbing-Problematik frühzeitig vorzubeugen. Es gibt heute ganz viele Varianten von Völkerball, die genau diese Problematik aufbrechen und allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, sinnvoll am Spielgeschehen teilzuhaben.

Sport wäre doch eigentlich eine gute Möglichkeit, den Mannschaftsgedanken zu fördern, Fair Play zu üben und jeglichen Mobbingtendenzen ganz bewusst entgegenzuwirken. Wird das im Sportunterricht aktiv gefördert?

Ja natürlich, es gibt beispielsweise Spielvermittlungsmodelle, die besonders an kooperativen Prozessen der Spielgestaltung ausgerichtet sind. Ein solches Modell ist etwa „Teaching Games for Understanding“. Aber auch im Rahmen der eingangs benannten pädagogischen Anliegen eines erziehenden Sportunterrichts geht es ausdrücklich darum zu kooperieren, um die Wette zu kämpfen und sich mit seinen Mannschaftskollegen zu verständigen. Es ist im Sportunterricht ganz wesentlich, mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, wie wichtig Kooperation ist, um als Mannschaft gemeinsam zum Ziel zu kommen.

Viele dieser Punkte sind in unserem Lehrplan fest verankert, und wir arbeiten mit unseren Studierenden daran, dass sie auch im Sportunterricht im Vordergrund stehen.

Kommen wir zu einem Problem, das die neuen Schülergenerationen generell betrifft. Die Kinder bewegen sich zu wenig. Wie viele Stunden Sport würden Sie sich in der Schule wünschen?

Das ist meine persönliche Meinung, aber es gibt auch Studien dazu, die die tägliche Sportstunde befürworten. Dem würde ich mich anschließen. Ein tägliches Bewegungsangebot für Schülerinnen und Schüler ist sinnvoll, auch weil Schule sich verändert hat. Schülerinnen und Schüler sind oft bis spät am Nachmittag in der Schule, und es würde sich beispielsweise anbieten, die tägliche Sportstunde zu verankern, um den Schulalltag zu rhythmisieren.

Was sollte ein guter Sportlehrer Ihrer Meinung nach mitbringen, damit das Schulsporttrauma endlich der Vergangenheit angehört?

Er oder sie sollte die Fähigkeit mitbringen, aus der Rolle des Sportlers herauszutreten und die Rolle des Sportlehrers einzunehmen. Diejenigen, die sich für ein Sportstudium entscheiden, sind die Sportaffinen. Also genau diejenigen, die auch als erste in eine Mannschaft gewählt worden wären.

Wir versuchen in der Lehrerausbildung ganz intensiv an diesem Perspektivwechsel zu arbeiten. Dabei gehen wir darauf ein, dass die Lerngruppen, die ein Sportlehrer im Unterricht vorfindet, heterogen sind. Ein Sportlehrer muss versuchen, mit dieser Vielfalt umzugehen. Gerade Schülerinnen und Schüler, die nicht vom Sport begeistert sind oder schon Misserfolge verbucht haben, sich nicht viel zutrauen oder sich selbst für unsportlich halten, müssen im Sportunterricht die Möglichkeit bekommen, das Sporttreiben beziehungsweise das Sich-Bewegen doch als etwas Sinnvolles zu erleben. Ich muss ein Angebot machen, das diese Schülerinnen und Schüler wieder zum Sporttreiben motiviert. Das schaffe ich nur, indem ich mit ihnen über ihr sportliches Tun spreche, versuche, die Problematik zu erkennen und sie am Ende nicht schlicht zu sportlichen Höchstleistungen zwinge.

Zur Person:

Dr. Petra Guardiera ist Oberstudienrätin an der Sporthochschule Köln. Sie leitet den Studiengang Bildungswissenschaften in der Abteilung Schulsport und Schulentwicklung und bildet Lehramtsstudierende aus.

 

 

Mit welchem Spielzeug ihr eure Kinder zuhause zu mehr Bewegung animieren könnt, erfahrt ihr hier.

Bilder: Gettyimages, privat (1)