Die Corona-Pandemie stellte Familien auch 2021 vor große Herausforderungen. Wie gehen Eltern und Kinder mit der Krise um? Wie wirkt sie sich auf Körper und Psyche aus? Was hilft, um wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen? Wir haben mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Annalena Thomas gesprochen.

Die meisten Menschen empfanden das Jahr 2020 mit der Corona-Krise vor allem als eines: Anstrengend. Das war schon für uns Erwachsene so. Aber wie sieht es mit den Kindern aus? Wie haben Sie Kinder und Jugendliche in Ihrer Praxis erlebt?

Das vorherrschende Gefühl ist Erschöpfung, und zwar bei Eltern wie bei Kindern. Das ist nicht nur eine körperliche Erschöpfung, sondern auch eine seelische. Die Corona-Pandemie hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Menschen sind anpassungsfähig und können sich auf Stress und veränderte Situationen einstellen. Aber diese Anpassung ist angelegt für einen Sprint. Corona hat sich als Iron Man herausgestellt. Die Perspektive fehlt, es ist bislang kein Ende in Sicht. Das löst Gefühle wie Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit aus.

Und daher rührt auch die seelische Erschöpfung, neben den erhöhten Anforderungen im Alltag. Man kann sich das vorstellen wie auf Treibsand zu gehen und gleichzeitig viele Bälle in der Luft jonglieren zu müssen, in der Bemühung, dass man weder sinkt noch die Bälle runterfallen. Durchzuhalten, ohne zu wissen, wie lange, ist wahnsinnig anstrengend.

Was beschäftigt die Kinder am meisten? Ist es Angst vor Krankheit? Ansteckung? Angst um die Eltern oder um die Großeltern?

Ich erlebe die Kinder gestresst und überfordert. Viele fühlen sich unter Druck, gerade die Schulkinder. Sie haben Angst, nicht alles zu schaffen, nicht mehr richtig mitzukommen, in den Noten abzurutschen. Die Anforderungen sind enorm, und das Homeschooling hat bei vielen Kindern den Druck und Stress noch erhöht. Bei älteren Kindern sind das die drängendsten Probleme: Wie schaffe ich die Schule? Wie geht es danach weiter? Bei all der Unsicherheit gerade sind Pläne für die eigene Zukunft und auch die Perspektive einfach schlagartig weggefallen. Diese ist aber ein wichtiger Teil, um uns im Hier und Heute motivieren zu können oder Durststrecken durchzuhalten. Manche Kinder haben eher Ängste, sich und andere anzustecken, oder eben auch Angst um Oma und Opa oder die Eltern.

Mit welchen körperlichen Symptomen reagieren Kinder auf die Krise?

Körper und Seele hängen eng zusammen. Je kleiner die Kinder, desto stärker treten häufig psychosomatische Symptome auf. Was ich erlebe ist eine zunehmende Gereiztheit und Genervtheit. Viele fühlen sich dünnhäutig, könnten „aus der Haut fahren“. Hinzu kommen Symptome wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Einschlaf- oder Durchschlafprobleme und motorische Unruhe.

Was ist die größte Herausforderung für Kinder? Ist es das Tragen der Maske, die vielen neuen Regeln, die es einzuhalten gilt? Oder sind es die Kontaktbeschränkungen, die ihnen schwer fallen? 

Das Schwierige ist, dass durch die vielen Regeln und Einschränkungen die Lockerheit und Leichtigkeit fehlt, die Kinder als Ausgleich dringend brauchen. Das Spielen nach der Schule, Freunde treffen in der Freizeit, lachen, sich umarmen, zu mehreren zusammen sein – das ist ja alles durch Corona ganz stark eingeschränkt bzw. unmöglich. Der seelische Ausgleich fehlt.

Menschen sind soziale Wesen. Kinder brauchen ein Miteinander. Gemeinsam kochen, essen, spielen, sich erfahren – das ist existentiell. Kinder bekommen dadurch eine Idee, wer sie sind. Sie brauchen das Miteinander, um ihren Platz in der Welt zu finden. Dass das so ins Hintertreffen gerät, ist eigentlich das Schlimmste. Das Tragen der Maske ist eher eine Gewohnheitssache. Kinder sind in solchen Dingen sehr anpassungsfähig. Mehr als wir Erwachsen. Obwohl ich schon auch erlebe, dass Kinder über die Masken klagen. Besonders, wenn sie in der Schule lange getragen werden müssen. Sie bekommen schlecht Luft, das Sichtfeld ist eingeschränkt. Besonders bei Kindern, die eine Brille tragen, beschlägt die, dann es ist noch unangenehmer mit der Maske.

Kurze Zeit war die „Ein-Freund-Regel“ im Gespräch, bei der Kinder nur noch einen Freund zum Spielen hätten treffen dürfen. Jetzt dürfen Haushalte aktuell nur eine weiter Person empfangen. Was halten Sie aus psychologischer Sicht davon?

Ich halte das für sehr schwierig. Zum Glück war das relativ schnell wieder vom Tisch. Denn die Ein-Freund-Regelung hätte Kinder in enorme Konflikte gebracht und noch mehr seelischen Stress erzeugt. Welchen Freund soll ich aussuchen? Was, wenn keiner mich treffen will? Oder einer dann beleidigt ist oder sich zurückgesetzt fühlt? Man muss sich das mal in der Praxis vorstellen. Auch für Erwachsene wäre das absurd. Kinder geraten aber noch leichter in Loyalitätskonflikte und entwickeln ihr Selbstbewusstsein und ihren Selbstwert zu einem großen Teil durch Beziehungen. Es ist ohnehin schon schwierig genug, dass wir unsere sozialen Kontakte so stark einschränken müssen, auch wenn es notwendig ist. Aber diese Regelung wäre wirklich schädlich.

Als besonders belastend beschreiben Eltern vor allem die Phase des Lockdowns, in denen die Schulen geschlossen waren und die Kinder Homeschooling hatten. Wie war das für die Kinder? Wie entstand das Gefühl der Überforderung – auf beiden Seiten?

Für Eltern und Kinder kam das Homeschooling von einem Tag auf den anderen. Darauf konnten sie sich viel zu wenig vorbereiten, es war für alle etwas komplett Neues. Dazu kam bei vielen Erwachsenen noch das Homeoffice. Gerade viele Frauen fühlten sich für alles zuständig: Job, Familie, Homeschooling, Haushalt. Die klare Abgrenzung zwischen Schule, Arbeit und Freizeit fiel weg, weil auf einmal die ganze Familie zuhause saß. Es kam zu einer Rollendiffussion: Eltern sollten Lehrer sein, gleichzeitig ist der Rahmen zuhause ein ganz anderer als in der Schule. Zudem ist die Schulzeit lange her, wie soll man diese Dinge, den Lernstoff da noch auf dem Kasten haben – geschweige denn, ihn an seine Kinder angemessen vermitteln können? Das war für alle eine Überforderung. Wie wahnsinnig anstrengend und herausfordernd diese Phase für Eltern und Kinder war, wurde viel zu wenig öffentlich und nachhaltig thematisiert?

Was können Eltern tun, um ihren Kindern durch die Corona-Krise, die ja leider noch nicht vorüber ist, zu helfen? Was gibt es für konkrete Tipps?

Ich denke, ganz wichtig ist es vor allem, nachsichtig mit sich selber zu sein. Diese Krise ist für uns alle eine große Herausforderung. Da kann nicht alles gut sein – und muss es auch nicht. An konkreten Tipps gibt es einige Dinge, die helfen können, zum Beispiel:

1. Sorgenfreie Plätze schaffen:

Das heißt, es gibt zuhause eine Zeit und einen Platz, in der und an dem es keine Nachrichten gibt, am besten auch kein Handy und keinen Fernseher. Sondern Ruhe, Zeit zum Malen, Basteln, Spielen, Lesen. Kuscheln auf dem Sofa, zum gemeinsam Entspannen. Das ist ganz wichtig. Ebenso wie rausgehen an die frische Luft. Spazierengehen ist lange als altmodisch wahrgenommen worden, aber gerade das Gehen ist gut für unser Gehirn. Links, rechts, die Schritte sprechen beide Gehirnhälften an, man kommt zur Ruhe.

2. Atemübungen, Bewegung oder kleine Yogaeinheiten:

Einfach mal tief durchatmen. Gemeinsam ein paar kleine Yogaübungen machen oder auch einfach hüpfen, sich einmal durchschütteln, die Arme kreisen lassen. Kleine Bewegungseinheiten zwischendurch bringen sehr viel. Man muss ja nicht gleich eine Stunde Joggen oder Yoga machen, das erzeugt nur wieder Druck. Immer mal wieder zehn Minuten zwischendurch sind auch wirksam.

3. Achtsam sein und im Moment bleiben:

Wenn wir uns ständig Sorgen machen, was morgen kommt oder was noch alles auf der To-Do-Liste steht, geraten wir in einen permanenten Stresszustand, das Gehirn schüttet ständig Cortisol aus. Dagegen hilft es, bewusst im Moment zu bleiben. Gerade esse ich in Ruhe, danach kommen erst die Hausaufgaben. Schritt für Schritt. Heute ist heute. Das kann man üben, und es hilft enorm. Auch den Blick auf kleine, schöne Dinge zu richten, ist entspannend. Beim Spazierengehen mal die Blätter an den Bäumen oder auf dem Boden betrachten, den Abendhimmel anschauen, die Wolken. Riechen, wie der Kuchen duftet, wenn er aus dem Backofen kommt. Das sind kleine Dinge, die eine große Wirkung haben.Und Dankbarkeit dafür zu spüren.

4. Verletzlichkeit zulassen:

Es ist völlig okay, in dieser Krise auch öfter zu weinen, sich mal richtig auszuheulen und alles, was einen so drückt rauszulassen. Und zwar ohne sich dafür zu schämen. Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Verletzlichkeit und Mitgefühl sind ganz wichtig. Jeder Mensch hat Emotionen wie Wut, Trauer, Angst, Freude, Ekel. Wir dürfen unsere Gefühle haben und auch zeigen, bei Menschen, bei denen es sich für uns stimmig anfühlt. Auch Lachen hilft übrigens sehr. Vor allem gemeinsam. Es gibt ja auch nach wie vor lustige Dinge im Leben, nicht alles ist nur schwer.

5. Sich bewusst machen, dass es viel anstrengender ist, als man denkt:

Die große Erschöpfung, die alle verspüren, ist völlig normal. Es ist okay, müde zu sein, sich mehr ausruhen oder schlafen zu wollen. Die Corona-Krise ist ein Iron Man, da darf man auch erschöpft sein. Den Druck dadurch etwas herauszunehmen und nicht permanent zu denken, funktionieren zu müssen, ist ganz wichtig.

Und was hilft Ihnen persönlich, um bei allen schlechten Nachrichten und Horrorszenarien und wieder zu entspannen?

Mir persönlich helfen Yoga und Atemübungen, aber auch regelmäßige Spaziergänge. Ich gehe mehrmals am Tag eine kleine Runde.Und ich versuche immer wieder, tief in dieses menschliche Mitgefühl zu kommen und mir zu sagen: Diese Krise ist für uns alle schwierig.

 

Zur Person: Annalena Thomas ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit eigener Praxis, Yogalehrerin und Gründerin der Plattform blossoomm.com. Schwerpunkt ihrer therapeutischen Arbeit ist es, Kinder und Jugendliche in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, zu inspirieren und zu ermutigen. Mit ihrer 2019 gegründeten Plattform blossoomm.com wendet sie sich besonders an Mädchen und junge Frauen. Annalena Thomas lebt und arbeitet in Hamburg. Weitere Infos unter: annalenathomas.de

Bilder: Gettyimages, privat