Wann öffnen die Kitas und Schulen endlich wieder? Die Initiative „Familien in der Krise“ fordert von den Politikern klare Richtlinien für baldige Öffnungen und eine begleitende Teststrategie. Wir haben mit einer der Initiatorinnen, Heike Riedmann, über strukturelle Probleme im Schulwesen, überforderte Eltern und fehlende Konzepte für digitales Lernen gesprochen.

Frau Riedmann, was halten Sie von den Beschlüssen, die Schulen bis mindestens Mitte Februar wenn nicht sogar Ende Februar geschlossen zu halten?

Wir haben die Beschlüsse in unseren Social Media Kanälen gepostet und gleichzeitig gefragt, warum Kirchen geöffnet bleiben können und diese nur den Appell bekommen haben, auf Abstandsregeln zu achten. Wir haben daraufhin innerhalb von nur einer halben Stunde 300 Nachrichten von sehr verzweifelten Eltern bekommen. Die können einfach nicht mehr!

Wie haben sich die Eltern Ihnen gegenüber geäußert?

Da kamen vielfältige Berichte über Kinder, die verzweifelt sind, weil sie ihre Freunde nicht mehr treffen können, weil sie Omas und Opas nicht sehen können, da sie keine Ansteckung riskieren wollen, Kinder die zuhause nicht gut lernen können und die sich immer weiter zurückziehen.

Wir von „Familien in der Krise“ müssen ganz klar sagen: Wir sehen wieder keine Priorisierung von Kindern und Familien in diesem zweiten Lockdown. Wir alle haben die letzten zehn Monate wirklich gut und solidarisch durchgehalten und man hatte uns versprochen: Kinder kommen zuletzt dran. Und trotzdem wurden Schulen und Kitas wieder gleichzeitig mit anderen Einrichtungen geschlossen.

Familien Krise
Viele Eltern fühlen sich mit Homeschooling und Homeoffice überfordert.

Wie sehen Ihre Forderungen an die Entscheider aus?

Für uns ist es wichtig, dass man die Bildung der Kinder sichert. Und Bildung bedeutet mehr als nur Lernstoff abarbeiten. Was den Grundschulbereich betrifft setzen wir auf eine flächendeckende Teststrategie mit der man absichern kann, dass sich in Einrichtungen und Schulen keine Cluster bilden können und das Ausbruchsgeschehen von Anfang an niedrig gehalten werden kann.

Außerdem hätte man schon längst Mittel einsetzen können, um zusätzliches Personal, zum Beispiel LehramstudentInnen und ReferendarInnen für Schulen zu akquirieren, die unterstützen, damit Klassen geteilt unterrichtet werden können. Wir haben auch Vorschläge gemacht zu Raumkonzepten, dass beispielsweise Klassenzimmer in jetzt geschlossenen weiterführenden Schulen oder anderen Gebäuden von Grundschulklassen genutzt werden, um Distanz im Unterricht zu ermöglichen.

Gerade bei Grundschulkindern sehen wir einen großen Bildungsverlust, weil in dieser Altersgruppe ganzheitliches Lernen im Distanzunterricht einfach nicht gewährleistet werden kann. Da hätten wir uns einen wirklich gut ausgearbeiteten Maßnahmenkatalog gewünscht von den Entscheidern. Denn für uns ist wichtig, dass zuerst das Leben der Erwachsenen weiter eingeschränkt werden sollte, bevor es die Kinder trifft.

Das Ganze passiert auch aus Angst vor der neuen, mutierten Virusvariante. Bekommen die Maßnahmen dadurch für Sie mehr Sinn?

Wir können natürlich nachvollziehen, dass die Angst groß ist. Auch wir müssen unsere Forderungen ständig an die aktuellen Geschehnisse anpassen. Aber wir fragen uns auch, wie lange der aktuelle Zustand noch andauern wird und unter welchen Voraussetzungen Bildung sichergestellt werden kann. Uns fehlen die Perspektiven.

Ein paar Wochen ließen sich noch im März 2020 für viele Familien mit Homeschooling überbrücken. Mittlerweile ist die Situation anders. Aber auch das galt damals nicht für alle Familien. Denn es gibt Kinder, die zuhause keine Ressourcen haben, die nicht von Eltern beim Lernen begleitet werden können, Kinder, die Gewalt erfahren. Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass es eine Vielzahl an Maßnahmen gibt auf die man zurückgreifen könnte, bevor man eine Schule dauerhaft schließt.

Könnten Sie da konkrete Vorschläge nennen?

Ja, wir hatten zum Beispiel eine Teststrategie mit Schnelltests ausgearbeitet. Das ist eine Maßnahme, die wir uns als allererstes wünschen würden. Verbunden mit einem flächendeckenden, begleitenden Monitoring in Kitas und Schulen, um eine bessere Datenlage bekommen und Fragen klären zu können wie: Wer trägt die Viren in die Schulen rein? Wie verbreiten die sich? Wir wissen immer noch viel zu wenig darüber.

Stellt sich Ihnen die Frage, warum man Lehrer nicht schneller impft?

Ja, auch das wäre eine Möglichkeit, aber solange wir über Impfstoff diskutieren, der nicht für alle Personengruppen ausreicht, ist es eine hochethische Frage wer ihn bekommt und wer nicht. Denn solange dieser nicht ausreichend vorhanden ist, sprechen wir darüber, wem wir den Impfstoff stattdessen wegnehmen.

Haben Sie Rückmeldung von Eltern darüber, wie bei ihnen das Distanzlernen klappt?

Ja, da haben wir in der breiten Masse alles dabei an Erfahrungen. Wir haben Eltern, die uns berichten, dass sie zu gewissen Uhrzeiten zu einem Parkplatz oder einer Mehrzweckhalle kommen müssen, um Stapel von Arbeitsblättern für die Kinder abzuholen. Dann haben wir andere Eltern, die uns erzählen, dass ihre Kinder bestimmte Klassenkameraden gar nicht mehr gesehen haben, man weiß gar nicht, was mit diesen Kindern gerade los ist, weil es keinerlei Rückmeldung von ihnen gibt. Dann haben wir andere, die Zuhause sitzen mit Kindern, die Förderbedarf haben, den die Eltern aber gar nicht leisten können.

Aus Bayern bekommen wir vermehrt mit, dass die Lernplattform Mebis überhaupt nicht ausgelegt ist für den Zugriff von so vielen Menschen. Und auch, dass die Kinder die Plattform im Grundschulalter einfach nicht selbständig bedienen können, weil die Nutzerfreundlichkeit nicht gegeben ist.

Familien Homeschooling
Digitale Lern- und Lehrkonzepte fehlen in Deutschland.

Eltern haben in den letzten 10 Monaten Unglaubliches geleistet. Jeder, der einen Job parallel zu bewältigen hat, weiß was das bedeutet. Man wird keinem gerecht und auch das ist wieder das Problem der Kinder, die einfach irgendwo in „der Ecke abgestellt werden“. Laut Berichten nehmen Suchtkrankheiten bei Kindern zu, von Magersucht über Internetsucht, einfach weil es für alle eine unglaubliche Drucksituation ist. Es gibt viele Eltern, die bei Hotlines anrufen, weil sie diesem Druck nicht mehr standhalten können. Sie sind verzweifelt, weil einfach die Perspektive fehlt.

Was würden Sie sich wünschen? Dass das Schulsystem zentral geregelt wird, denn auch das stellt sich ja als ein strukturelles Problem heraus: Warum brauchen wir zum Beispiel 16 unterschiedliche Lernplattformen?

Natürlich wissen wir, worin das föderale System begründet ist und auch was die Vorteile sind, aber im Moment fragt man sich schon, ob das noch zeitgemäß ist. Eltern sind teilweise so verzweifelt, dass sie ernsthaft überlegen in ein anderes Bundesland umzuziehen, weil dort die Kita oder die Schule früher wieder öffnet. Man blickt neidvoll auf Frankreich, dort haben die Schulen geöffnet und der Schutz betrifft vermehrt die Risikogruppen, auch in der Schweiz haben die Schulen geöffnet. Hier in NRW wurde die Entscheidung an die Eltern weitergegeben, ob ihr Kind die Tageseinrichtung besuchen soll oder nicht, verbunden mit dem starken Appell, das nicht zu tun, wenn man eine andere Lösung hat.

In Berlin sind Eltern komplett verzweifelt, weil der Kitabesuch wieder einmal an der Systemrelevanz der Eltern festgemacht wird und niemand versteht, warum Not, die eigentlich von Kindern ausgeht, am Beruf der Eltern festgemacht wird. Nehmen wir doch einmal ein einfaches Beispiel: Wenn eine Mutter einen Säugling zuhause hat und eventuell noch ein dreijähriges Kind, dann kann Not auch einfach bedeuten, dass sie im Wochenbett liegen muss.

Was wir uns wünschen, sind einheitliche Regelungen bundesweit, damit diese Ungerechtigkeiten von Bundesland zu Bundesland nicht mehr aufkommen. Und wir wünschen uns klare Pläne: Was passiert bei welcher Inzidenz? Das gibt Eltern die Möglichkeit, sich langfristig auf die Situation einstellen zu können. Kinder brauchen Verlässlichkeit und Struktur. Das ist im Moment einfach nicht gegeben.

Was sagen Sie dazu, dass Bildung und Bildungspolitik in Deutschland so weit unten stehen im Ranking?

Das ist unglaublich, darum kann ich nur wieder betonen: Das ist kein Problem der aktuellen Krise, sondern ein strukturelles Problem.

Aber wäre es nicht Zeit für einen Umbruch, auch in Sachen digitales Lernen?

Natürlich. Als Medienpädagogin wundere ich mich immer noch darüber, dass viele glauben, Digitalität bedeutet zum Beispiel ein Lernvideo anzusehen. Dabei sollte das Lernziel nicht das Konsumieren sein, sondern, was kann ich mit digitalen Medien machen, also selbst gestalten, kreativ sein, meine Phantasie einsetzen, vielleicht auch einmal Rätsel auf verschiedene Arten lösen. Wir würden uns unbedingt wünschen, dass digitales Lernen besser im Lehrplan eingebunden wird.

Aber auch die Fachkräfte müssen lernen, wie man mit diesen Medien umgeht. Hier haben die Regierung und auch die einzelnen Landesregierungen ganz viel versäumt. Es gibt keine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte, wie sollen sie auf dieser Basis qualitativ hochwertig von heute auf morgen digital unterrichten?

An vielen Schulen haben die Lehrer nicht einmal ein schuleigenes Laptop geschweige denn eine Emailadresse…

Das ist unfassbar, auch dass so viele Behörden immer noch nicht digital aufgestellt sind. In meiner Firma hat es eine Woche gedauert, bis wir mit voller Ausrüstung ins Homeoffice wechseln konnten. Da fragt man sich: Wie hoch können die bürokratischen Hürden sein, dass man diese in zehn Monaten nicht überwinden kann?

Wie kam die Idee zu der Initiative „Familien in der Krise“ und wird es diese auch nach der Corona-Phase geben?

Wir wollen weiter als gemeinnütziger Verein tätig sein und an unseren Themen arbeiten, dazu fusionieren wir gerade mit „Kinder brauchen Kinder“.

Die Idee zu „Familien in der Krise“ haben wir während des ersten Lockdowns aufgegriffen, als sich viele verzweifelte Eltern in den sozialen Medien geäußert haben. Wir haben uns vernetzt mit Eltern aus NRW und Hessen. Aber es war schnell klar, dass unserem Anliegen ein strukturelles Problem zugrunde liegt und wir langfristige Lösungen für Familien brauchen. Mittlerweile gibt es „Familien in der Krise“ in acht Bundesländern. Eltern können bei uns einfach ehrenamtlich mitmachen, wenn sie ebenfalls hinter dem Ziel stehen, dass wir u.a. eine zeitgemäßere Bildungs- und Familienpolitik brauchen.

Wir sind natürlich nicht gewählte Vertretungen, sprechen darum auch nicht für alle Eltern und Familien – aber wir sprechen Eltern und Familien an, die sich wünschen, dass Kinder wieder mehr im Fokus stehen.

Frau Riedmann, danke für das Gespräch.

 

Bilder: Gettyimages