Die Corona-Pandemie hat mehr als deutlich gezeigt, dass sich Schule verändern muss. Wie dieser Prozess gelingen kann, zeigt das Netzwerk #wirfürschule und stellt ganz klare Forderungen an die Politik.

Text: Kirsten Hemmerde

Im Rahmen eines Hackathons haben sich 2.500 Schüler, Eltern, Politiker und Bildungsexperten bereits zum zweiten Mal Gedanken um die Schulzukunft gemacht. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. 500 Beiträge gab es allein zum Zielbild für die Schule von Morgen.

In der Kategorie Good Practices wurden 36 Beispiele für zukunftsweisenden Unterricht eingereicht, die schon heute von Schulen umgesetzt werden. In der dritten Beteiligungsmöglichkeit entwickelten die Teilnehmer 50 konkrete Vorschläge, wie die Bildung in Schulen optimaler gestalten werden kann.

Projektleiterin Janina Wiedenbach stellt Ziele, Ergebnisse und überraschende Einsichten im exklusiven Luna-Interview vor.

Frau Wiedenbach, was war das Ziel des #wirfürschule Hackathons 2021?

Schule und Bildung sind ein Thema, das unsere Gesellschaft bewegt wie kaum ein anderes. Wie sieht die Schule von Morgen aus, was und wie sollten Kinder in Zukunft lernen? Was muss ein zukunftsfähiges Bildungssystem im 21. Jahrhundert leisten beziehungsweise welche Kompetenzen sollte es vermitteln?

Solche und ähnliche Fragen stellen sich nicht nur Politiker:innen und Pädagog:innen, sondern auch immer mehr Eltern und Schüler:innen. Grund genug, sie in einem offenen Diskussionsforum konzentriert zu diskutieren und vor allem neue Lösungen zu finden – dem #wirfürschule Hackathon, der im letzten Jahr erfolgreich Premiere feierte und in diesem Jahr unter dem Motto „Lasst uns Zukunft in die Schule bringen“ in die zweite Runde ging.

In der Pandemie ist besonders deutlich geworden, dass viele Schulen zukunftsfähiger werden müssen. In der Kategorie „Good Practices“ haben sich Schulen beworben, die schon jetzt moderne Formate und Methoden umsetzen. Welche Einreichung hat Sie hier besonders beeindruckt?

Für uns waren alle Einreichungen beeindruckend. Bei den Good Practices reichten die Ideen von der Praktikumswoche zur Berufsorientierung über das Konzept einer Sommerschule – samt Zeltlager als außerschulischem Lernort – bis hin zu der Erkenntnis, dass die wahre Kunst des Lernens nicht nur in der Anspannung, sondern auch im Loslassen besteht: Warum nicht also einen regelmäßigen freien Wochentag einrichten, einen sogenannten FREIDAY, an dem sich Lehrer:innen und Schüler:innen nicht auf den obligatorischen Lernstoff konzentrieren, sondern den Blick gemeinsam über den Tellerrand richten?

Unsere Jury konnte sich ebenfalls kaum entscheiden, befand 20 Projekte unter den Einreichungen als besondere Highlights. Darunter die folgenden vier Projekte als Beispiele:

  • Mit dem „Public Climate School (PCS) – Schulprogramm“ will das Welfen-Gymnasium Ravensburg via hybridem Live-Unterricht Klimabildung in der Schule verankern.
  • Teilen und weitere FutureSkills werden in der 8-teilige MeetUp-Reihe „Zukunftskompetenzen der Schule“ an der Don-Bosco-Schule Rostock vermittelt.
  • „SchülerInnen helfen SchülerInnen am MBG“ des Max-Born-Gymnasiums Germering möchte Lernlücken auf einer „lehrerfreien“ Plattform von qualifizierten Mentoren und Mentorinnen der Schule schließen.
  • Das Ehrenbürg-Gymnasium Forchheim gründete im Lockdown eine Zukunftswerkstatt „17 Ziele BNE – Praktikumswoche zur Berufsorientierung“, die Lernende jahrgangsübergreifend einlädt, sich mit den 17 Nachhaltigkeitszielen und Fragen zur Berufsorientierung auseinanderzusetzen.
Schule der Zukunft
Weniger Frontalunterricht, mehr Projektarbeit wünschen sich Schülerinnen und Schüler.

Was können andere Schulen von den Good Practices lernen?

Wir wünschen uns alle mehr Freiraum in den Schulen und die Good Practices beweisen, dass es teilweise mehr Spielraum gibt als oft vermutet und es manchmal eher eine Frage der Haltung ist. Die Good Practices zeigen, dass sich auch oft mit wenig Zeit und Ressourcen tolle Dinge umsetzen lassen.

Es braucht sicherlich Mut zur Veränderung und den Willen, auch mal was Neues ausprobieren zu wollen. Es hilft daher einfach mal anzufangen und zu machen, weniger zu diskutieren und aus den Ergebnissen zu lernen.

Die Beteiligung der Schulgemeinschaft an solchen Projekten fördert insgesamt das Gemeinschaftsgefühl und Kompetenzentwicklung. Wir lernen auf dem Weg alle voneinander, wenn wir uns darauf einlassen. Das ist unserer wichtigsten Anliegen: als Gemeinschaft voneinander lernen und miteinander wachsen.

Was genau hat Sie an der Diskussion über die Schule von Morgen überrascht?

Uns hat in der Diskussion weniger überrascht, sondern mehr gefreut, wie sehr die unterschiedlichen Akteure innerhalb unserer Gesellschaft bereit sind, als Gemeinschaft an der Bildungstransformation mitzuwirken und sich dies auch schon wünschen.

Die Teilnehmer:innen des Zukunftsrats und des Hackathons bestanden aus sehr unterschiedlichen Personen, mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Meinungen. Einige waren etwas vorsichtiger mit ihren Ideen und wollten die Veränderung lieber Schritt für Schritt angehen, andere waren radikaler und wollten sofort revolutionäre Veränderungen.

Das Learning aus solchen Veranstaltungen ist vor allem, dass es nicht um Perfektion, sondern um die bestmögliche und – noch wichtiger – machbare Umsetzung für alle geht.

Dank unserer Community können wir einen ersten sehr guten Vorschlag im Herbst der Kultusministerkonferenz vorstellen, der die Basis für eine stetige Weiterentwicklung geschaffen hat. Wer sich unser Zielbild nochmals genau anschauen möchte findet es auf unserer Website unter wirfuerschule.de/zielbild/.

Schule soll Spaß machen! Bild: Getty

Konkrete Umsetzungsmaßnahmen für eine moderne Schule standen im Mittelpunkt der dritten Beteiligungsmöglichkeit. Welche Ideen haben die Schüler, wo lagen die Schwerpunkte ihrer Wünsche?

Im Vordergrund standen besonders bei den Schüler:innen mehr Mitspracherecht und Selbstbestimmung. Sie wünschen sich mehr Projektarbeiten und weniger Frontalunterricht, wollen mehr Praxisbezug und Themenschwerpunkte, die sie inhaltlich auch wirklich interessieren und sie besser aufs Leben nach der Schule vorbereiten. Sie wollen Spaß in der Schule haben, Lernen soll Freude machen.

Was wünschen Sie sich von Schulträgern, Politik und auch der Wirtschaft für die Zukunft der Schulen in Deutschland?

Bildung geht uns alle etwas an und wir können viel voneinander lernen. Daher sollen sich auch alle Akteure daran beteiligen (dürfen). Es geht um die Zukunft unserer Kinder, um unsere gemeinsame Zukunft. Wir merken, dass Akteure aus der gesamten Gesellschaft eine Veränderung wollen und die Dringlichkeit erkannt haben. Wir müssen jetzt etwas tun. Wir brauchen eine gemeinsame Diskussion. Und hierfür wollen wir ein Forum schaffen. Wir möchten diese Akteure zusammenbringen und so eine Brücke zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik schlagen.

Dafür brauchen wir alle Beteiligten, auch die Wirtschaft. Wir können nur als Gesamtheit eine Veränderung bewirken. Es ist für uns paradox, dass Schule auf das Arbeitsleben vorbereiten soll und trotzdem erst in wenigen Fällen zusammengearbeitet wird oder teilweise sogar ein eher negatives Bild bei Beteiligungen erweckt.

Das Bildungssystem kann viel von der Wirtschaft lernen, wir sollten die Wirtschaft nicht länger ausgrenzen, sondern einen Weg finden, diese wichtigen Akteure sinnstiftend zu integrieren. Wir wünschen uns, dass Politik und Verwaltung das Potenzial der gesellschaftlichen Partizipation noch stärker nutzen. Gerne unterstützen wir dabei.

 

Janina Wiedenbach ist Projektleiterin des Hackathons #wirfürschule und Mitglied des Netzwerks. Hier erfahren Sie noch mehr über die Aktion wirfuerschule.de

 

 

 

 

 

 

Bilder: Gettyimages, privat