Lüge oder nur blühende Fantasie. Bei Kindern verlaufen die Grenzen oft fließend. Wir haben uns von einer Psychologin erklären lassen, was hinter den Flunkereien steckt und warum sie für die Entwicklung so wichtig sind.

Liebe Frau Meier-Batrakow, Kinder haben eine große Fantasie, die bereits im Kleinkindalter in Rollenspielen ausgelebt wird. Würden Sie sagen, dass das Schwindeln zur Fantasie der Kinder dazu gehört?

Katharina Meier-Batrakow: Bei Kleinkindern (unter drei bis vier Jahren) vermischen sich häufig noch Wahrnehmung, Fantasie und Realität, demnach kann man in diesem Alter auch noch gar nicht so recht vom „Schwindeln“ oder absichtlichen Lügen sprechen. Vieles, was Kinder erzählen (und was wir für eine Lüge halten), ist für sie wahr und real.

Zudem sind die Gedächtnisleistungen noch nicht ausgereift, sodass ein Kleinkind auf die Frage „Hast du deine Zähne schon geputzt?“ aus Überzeugung und fehlendem Erinnerungsvermögen mit „Ja“ antworten könnte, obwohl es die Zähne tatsächlich gar nicht geputzt hat. „Lügen“ in diesem Alter sind also in der Regel keine absichtlichen Täuschungsversuche. Auch das Erfinden von surrealen Geschichten und Fantasiefreunden („magisches Denken“) ist ein normaler Entwicklungsprozess, den ich aber nicht als Lügen in unserem Verständnis bezeichnen würde.

In welchem Alter fangen Kinder tendenziell zu schwindeln an und lügen bewusst?

Zum Lügen braucht es eine Vielzahl an unterschiedlichen Fähigkeiten, etwa sprachliches Ausdrucksvermögen, die Fähigkeit, nachvollziehbare Erzählungen zu produzieren, den zuvor erwähnten Unterschied zwischen Realität und Fantasie ziehen zu können, das Wissen darüber, was überhaupt als glaubwürdig angenommen wird, und Inhalte im Gedächtnis behalten zu können.

Sehr wichtig ist auch die Fähigkeit, über die Gedanken und Gefühle anderer Menschen nachzudenken, also was denkt mein Gegenüber womöglich, was weiß diese Person und was fühlt sie. In dieser Zeit lernen Kinder oder machen die Erfahrung, dass man mit Lügen oder Flunkern eben diese Gedanken, Gefühle und Handlungen anderer Menschen beeinflussen kann.Man merkt, ich könnte noch weiter aufzählen … Es wird aber schon deutlich, dass Kinder dies alles zu unterschiedlichen Zeitpunkten erlernen oder beherrschen. Die Entwicklung ist auf jeden Fall individuell. Grob gesagt trifft dies für Kinder von vier bis sechs Jahren zu, wenn es darum geht, bewusst zu lügen.

Kinder Lügen
Schwindeln erfordert Empathie und Kreativität, sagt die Psychologin.

Gibt es eine Veranlagung zum Lügen?

Nein, eine direkte Veranlagung zum Lügen gibt es nicht, dies ist ein Entwicklungs- und Lernprozess. Indirekt können Merkmale wie Intelligenz, verbale Fähigkeiten und Kreativität, die es zum Lügen braucht, über die Erbanlagen weitergegeben werden – aber auch dies nur in Teilen.

Warum und wann schwindeln Kinder, was steckt dahinter?

Es kann ganz verschiedene Gründe geben. Kern ist die zuvor erwähnte Erfahrung, dass man selbst die Gedanken, Gefühle, Handlungen und Reaktionen anderer Personen verändern oder beeinflussen kann. Anfangs schwindeln kleine Kinder, um negative Konsequenzen, also Ärger oder Strafen, zu vermeiden oder um etwas geheim zu halten, und später im Schulalter auch, um etwa einen persönlichen Vorteil zu erlangen oder Anerkennung zu bekommen. Auch können Kinder lügen oder täuschen aus Rücksicht auf die Gefühle anderer. Des Weiteren werden Lügen in Situationen genutzt, wo Kinder sich für etwas schämen oder überfordert sind.

Natürlich gibt es bei Kindern auch die beliebten Lügen, um jemanden zu ärgern oder zu „veräppeln“. In welchen Situationen Kinder zu Lügen greifen, hängt zudem von ihren Lernerfahrungen, besonders im frühen familiären Rahmen, und den kulturellen Normen ab. Gehört es sich in der Familie zu flunkern, um beispielsweise ein ungeliebtes Geschenk wertzuschätzen? Ist es in der Kultur üblich zu lügen, um die Gefühle anderer nicht zu verletzen? Lügen die Eltern häufig ihre Kinder an, um Konflikten aus dem Weg zu gehen? Welche Beobachtungen in Bezug auf Lügen und Geheimniswahrung machen die Kinder bei ihren engen Bezugspersonen?

Wie können Eltern eine Grundlage schaffen, die den Kindern klar vermittelt, dass sie nicht lügen müssen?

Vermutlich ist es ein zu hoch gestecktes Ziel zu meinen, Kinder würden niemals (ihre Eltern an-)lügen, wenn gewisse Punkte erfüllt sind. Lügen und ihre Konsequenzen sind (Lern-)Erfahrungen, die Kinder in ihrer Entwicklung durchleben. Grundsätzlich ist es jedoch hilfreich, ein vertrauensvolles Miteinander und Ehrlichkeit zu fördern und vorzuleben. Das heißt zunächst, seinen eigenen Umgang mit der (Un-)Wahrheit zu reflektieren und das vielleicht auch mal im Beisein des Kindes: Wenn Sie gelogen haben, entschuldigen Sie sich bei Ihrem Kind und erklären Sie, warum Sie es gemacht haben und wie Sie es anders hätten lösen können. Da Kinder sehr viel am Modell lernen, sind Eltern quasi die Vorbilder in puncto lügen. Zudem sollte man Kinder auch nicht dazu anstiften, für einen selbst zu lügen à la „Sag Papa bitte nicht, dass …“. Generell trägt auch eine friedliche, gewaltfreie Erziehung zu weniger Lügen bei, denn Kinder, die bei „Fehlverhalten“ Angst vor Strafen oder Ärger haben, lügen häufiger.

Wie reagiert man als Eltern richtig, wenn man das Kind beim Schwindeln ertappt?

Hat das Kind gelogen und Sie haben es herausgefunden, sehen Sie von Ärger, Strafen und Drohungen ab. Kinder, die für ein falsches Verhalten bestraft werden und Angst vor negativen Konsequenzen haben, lügen mehr. Sprechen Sie in diesem Fall mit Ihrem Kind darüber, warum es gelogen hat, oder fragen Sie noch mal genauer nach: „Sagst du das jetzt, weil du wirklich die Zähne geputzt hast oder meinst du, Mama wird sauer, wenn du nicht die Wahrheit sagst?“, „Was würdest du sagen, wenn ich dir verspreche, nicht sauer zu sein?“

Heimlich unter der Bettdecke noch chatten… Würde euer Kind das ehrlich zugeben?

Prinzipiell lohnt es sich, gemeinsam zu überlegen, wie man in Zukunft mit ähnlichen Situationen umgehen kann, etwa: „Du hast gelogen, weil du keine Lust hattest, die Hausaufgaben zu machen und lieber rausgehen wolltest, richtig?“ – „Ja.“ – „Wie wäre es, wenn du mir beim nächsten Mal Bescheid gibst, dass du eine Pause brauchst? Dann schauen wir gemeinsam, wie wir deine Schulaufgaben besser oder anders aufteilen können.“

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen, könnten Sie auch erfragen, was es befürchtet, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Auch hier bedingt die Fantasie der Kinder manchmal, dass eine übertriebene Konsequenz erwartet wird, die dann von uns als Eltern relativiert werden kann. Wichtig: dem Kind Hilfe anbieten, um aus einer Lüge herauszukommen, Unterstützung bei der Klärung anbieten, immer auf der Seite des Kindes bleiben.

Welche Reaktion ist falsch?

Quasi der Umkehrschluss aus dem vorherigen Ansatz: Strafen, Schimpfen und Drohen bestätigen das Kind in seiner Angst, die Wahrheit zu sagen. Auch sollte man Konflikte rund um das Lügen nicht im Beisein von Freunden oder fremden Personen besprechen, sondern besser in einer vertrauensvollen Umgebung.

Ich finde es zudem wichtig, die Kinder nicht abzuwerten aufgrund des gezeigten Verhaltens („immer machst du / nie kannst du / ich bin enttäuscht von dir …“), darunter könnte der Selbstwert leiden. Wenn man sich wünscht, dass das Kind die Wahrheit sagt und einem vertraut, sollte natürlich auf ein nicht gewünschtes Verhalten kein Wutanfall oder Emotionsausbruch folgen, denn dann fällt es schwer, die Wahrheit zu sagen.

Jeder erwachsene Mensch lügt mehrmals am Tag. Natürlich nicht immer vorsätzlich. Ab wann müssen sich Eltern Sorgen machen und klare Grenzen bei ihren Kindern setzen?

In der Regel ist es ja so, dass Kinder die Erfahrung machen, dass Lügen zwar in irgendeiner Weise einen Vorteil verschaffen, aber genauso auch Nachteile mit sich bringen können. Dazu gehören beispielsweise Vertrauensverlust und (negative) Konsequenzen, die eben die Vorteile der Lüge aufheben. So reguliert sich in der Regel das Ausmaß der Lügen durch das soziale Miteinander.

Daher sollten wir als Eltern zunächst cool bleiben und das Lügen nicht als Zeichen einer schlechten Erziehung oder als negative Charaktereigenschaft werten, sondern uns vielmehr fragen, weshalb unser Kind die Nachteile der Täuschung auf sich nimmt. Strafen, Drohen oder anderweitige negative Konsequenzen sind an dieser Stelle nicht angebracht. Die Konsequenzen sollten sich nicht auf das Lügen an sich beziehen, sondern auf die Ursache für das Lügen. Beispiel: Kleinkinder, die ständig lügen, wenn es ums Zähneputzen oder Haarewaschen geht, brauchen womöglich mehr elterliche Führung und Unterstützung bei diesen Tätigkeiten. Genauso könnte es sein, dass Schulkinder mit ihren Hausaufgaben überfordert sind und auch hier Hilfe benötigen.

Wenn ein Kind trotz vertrauensvoller Beziehungen und offener Kommunikationsmöglichkeiten immer wieder lügt oder Lügen genutzt werden, um anderen Menschen zu schaden, Straftaten zu begehen und/oder zusätzlich andere Verhaltensweisen beobachtet werden, die für das Kind untypisch sind, sollten Eltern dies als Signal werten und sich mit Erziehern, Lehrern oder Beratungsstellen sowie mit einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten austauschen.

Katharina Meier-Batrakow 

ist M. Sc. Psychologin und Schlafberaterin und hat sich darauf spezialisiert, das Erleben und Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu verstehen. Darüber schreibt sie auch in ihrem Blog „Kinderpsychologie“.

 

 

 

Bilder: Gettyimages, Privat (1)