Die neuen Stars im Kinderzimmer heißen Kim Taehyung, Min Yoon-gi oder Changbin und haben alle eines gemeinsam: Sie singen koreanisch. Das versteht hierzulande zwar kaum jemand, wird aber dennoch millionenfach gehört und geklickt.

Das Phänomen K-Pop

Kinder an der Schwelle zur Pubertät sind – wie man häufig noch aus eigener Erfahrung weiß – immer ein bisschen eigen. Aber während man selbst mit Vorliebe langhaarige Rockstars anhimmelte, sind die Idole von heute Boy- und Girlgroups, die höchstens 21 Jahre alt sind und dann nochmal fünf Jahre jünger aussehen. Die Rede ist von K-Pop.

Laut dem Forbes Magazin werden koreanische Bands wie BTS oder Exo inzwischen 20-mal so oft erwähnt wie die amerikanischen Weltstars Justin Bieber und Taylor Swift. Und das nicht nur von Fans aus dem eigenen Land, sondern vor allem von Begeisterten aus Japan, den USA und auch Europa. Die Korea Foundation, die zum koreanischen Ministerium für internationale Beziehungen gehört, gibt an, dass sich die K-Pop-Fanbase mittlerweile auf über 113 Länder erstreckt.

Wie groß der Hype wirklich ist, erfährt man spätestens, wenn man versucht, Konzertkarten für BTS zu ergattern. Die sieben Jungs schafften es (vor Corona), dass die Mercedes Benz Halle in Berlin innerhalb von neun Minuten ausverkauft war. Und das bei einem Ticketpreis von 240 Euro. Als in Südkorea bei McDonalds das BTS-Menü lanciert wurde, standen begeisterte Fans Schlange, um aus BTS-gebrandeten Pappschachteln Chicken McNuggets zu essen. Geehrt wurde die Band auch, als sie bei den diesjährigen Grammy-Awards ihren Hit „Dynamite“ präsentieren durfte und unter anderem in der Today Show zu Gast war.

K-Pop Band
Die K-Pop-Band BTS bei den Grammy Awards im März 2021, wo sie als erste südkoreanische Band ihren nominierten Song „Dynamite“ präsentieren konnten.

Das Internet macht die K-Pop-Stars groß

Ein wichtiger Faktor bei der Verbreitung von K-Pop spielt natürlich das Internet. Die K-Pop-Stars, ebenso wie ihre meist noch sehr jungen Fans, gehören zur ersten Generation, die mit einer Vielzahl von sozialen Netzwerken aufwächst. Der Konsum von Instagram und der, vor allem bei Unter-12-Jährigen beliebten, App TikTok gehört zum Alltag bei Teenagern und ist gleichzeitig einer der wichtigsten Kanäle zur Verbreitung von K-Pop.

Via Social Media und Livestreams sind die K-Pop-Stars hier fast immer online, kommunizieren mit ihren Followern und gewähren Einblicke in ihren privaten Alltag. Die Fans wiederum schwärmen von diesem engen Kontakt und „Zusammenhalt“ und fühlen sich mit ihren Idolen direkt verbunden. Das Kreieren von Geschichten und einer künstlichen Fannähe funktioniert im K-Pop-Business nahezu perfekt. 

K-Pop BTS
BTS funktionieren auch als Merchandise-Maschine: der Spielwarenkonzern Mattel hat die Spielfigurenserie lanciert.

Jeder Auftritt wird bis ins Detail perfektioniert

Damit das auch alles reibungslos funktioniert, wird von den K-Pop-Stars ständige Perfektion verlangt. Die meist noch sehr jungen Mädchen und Jungs sind eigentlich immer makellos hübsch und perfekt gekleidet. Dabei darf es gerne mal schrill und auffallend sein, aber nie zu sexy, nie aufreizend oder gar provokativ. Exzessiver Alkoholgenuss, Partys oder sogar Liebesbeziehungen werden vertraglich verboten, denn das macht die Stars für ihre Fans interessanter.

Und auch musikalisch bewegt sich das K-Pop-Genre auf der sicheren Seite. Die Musik ist geprägt von eingängigen Pop-Melodien gemischt mit ein wenig Hip-Hop. Durch Datenanalysen produzieren die Plattenfirmen so genau auf das Konsumverhalten der Zielgruppen abgestimmte Songs, Hochglanz-Musikvideos und ausgefeilte Tanz-Choreografien. Und damit Fans auch auf der ganzen Welt mitsingen können, sind die Musiklyrics eigentlich nie nur koreanisch, sondern haben zumindest englische Refrains.

K-Pop Bolbbalgan4
Bolbbalgan4 präsentieren ihren Song „Bom“ bei der Verleihung der Gaon Chart Music Awards

Die Schattenseite des K-Pop

Dass so viel Perfektion nicht funktionieren kann, ist eigentlich klar. Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, dass Plattenverträge oft auch eine Klausel zu Schönheitsoperationen beinhalten. Die doppelte Lidfalte und gebleichte Zähne sind bereits obligatorisch – aber auch ansonsten wird bei den Jungstars gerne alles noch einmal von Kopf bis Fuß ausgebessert, bis der Hochglanz-Look steht.

In sogenannten Pop-Akademien werden Anwärter acht Stunden täglich für die nächste Boy- oder Girlband ausgebildet. Auf dem Stundenplan stehen hier neben Tanz- und Gesangstraining ebenso Kurse zum richtigen Umgang mit Fans und Medien sowie Fremdsprachen wie Englisch und Japanisch. Oft gibt es in den Akademien sogenannte Ranking-Systeme. Was nichts anderes heißt, als dass nur die besten „Schüler“ einer Klasse am Ende zu einer neuen Gruppe geformt werden, die dann von der Plattenfirma systematisch vermarktet wird.

Die Welt wächst zusammen

Der Erfolg von K-Pop bei Kindern und Jugendlichen zeigt, wie eng die Welt inzwischen durch das Internet zusammengewachsen ist. Die neuen Idole in den Kinderzimmern  kommen längst nicht mehr ausschließlich aus englischsprachigen Ländern, und Musiktrends sind nicht mehr so einheitlich wie noch vor wenigen Jahren.

Das Hyundai Research Institute hat 2018 herausgefunden, dass allein 796.000 Besucherinnen und Besucher jährlich nur wegen der K-Pop-Band BTS nach Südkorea kamen und Land und Kultur entdecken wollten. Und auch an den Volkshochschulen werden immer mehr Sprachkurse für Koreanisch angeboten. Letzteres ist ein Trend, der natürlich von der koreanischen Entertainment-Industrie längst erkannt wurde. Das Label Big Entertainment startete ein Programm mit dem Namen „Learn Korean with BTS“. Hier sollen die Boygroup-Stars höchstpersönlich mithilfe von Bildern und Videos Fans in ihrer Muttersprache unterrichten. Noch mehr Nähe geht nicht. Und es zeigt, dass die Welt, in der Kinder heute leben, viel kleiner und endlich auch vielfältiger geworden ist.

 

Bilder: Aufmacherbild: K-Popband ITZY, Gettyimages (3), PR (1)