Es ist ein Widerspruch in sich: Wir Eltern sollen unserem Nachwuchs etwas beibringen, was wir selbst nicht gut finden. Denn beim Thema Warten sind sich Große und Kleine in der Abneigung ziemlich einig. Warum es trotzdem wichtig ist, den Kindern das Warten nahe zu bringen, wie sie in ihrer späteren Entwicklung davon profitieren und was die vielbeschriebene Resilienz damit zu tun hat, lest ihr hier.

Alle sitzen am Tisch, das Essen wird ausgeteilt. Jetzt heißt es Geduld haben, denn es darf erst gegessen werden, wenn alle etwas haben und ein kleiner Spruch aufgesagt wurde. So sieht es mittags in den meisten Kindergärten aus. Was die Erzieherinnen den Kleinen damit beibringen (außer natürlich guten Manieren) ist Selbstkontrolle.

Auch wenn der Hunger groß ist, jedes Kind muss den Impuls sich schnell etwas in den Mund zu stecken so lange unterdrücken, bis alle so weit sind. Selbstkontrolle ist eine Fähigkeit, die sinnvoll und wichtig ist. Experten wissen: Wer sich in bestimmten Situationen kontrollieren kann, kriegt sein ganzes Leben besser in den Griff.

Warten lernen und Resilienz

Herausgefunden hat man das im sogenannten Marshmallow-Test. Dabei wurden Kinder vor die Wahl gestellt: Sie durften entweder ein Stück Marshmallow sofort essen oder liegen lassen und eine Weile warten. Schafften sie das, gab es zur Belohnung ein zweites Stück dazu.

Dieses Experiment initiierte der New Yorker Psychologe Walter Mischel in den 1960er-Jahren mit circa 500 Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren.
Viele Jahre später stellte Mischel Nachforschungen an, was aus seinen kleinen Probanten geworden war. Das Ergebnis war ebenso einleuchtend wie vorhersehbar: Diejenigen, die auf eine größere Belohnung hatten warten können, waren als Erwachsene entschlossener und als Folge davon auch erfolgreicher. Außerdem bescheinigte Mischel ihnen nach seinen Untersuchungen eine höhere soziale Kompetenz, ein realistisches Einordnen von Rückschlägen und eine geringe Suchtgefährdung. Warten ist also eine wichtige Fähigkeit, die unseren Kinder viel mehr beibringen kann als nur Geduld.

So können Kinder das Warten lernen

Jetzt aber bitte, mit Blick auf den eigenen, ungeduldigen Nachwuchs, nicht gleich panisch werden. Was Entwicklungspsychologen nämlich auch sagen ist, dass Kinder das Warten lernen können.

Das kann man schon Kleinkindern angewöhnen. Sobald Kinder anfangen zu krabbeln, erweitert sich ihr Radius. Das heißt aber auch, sie können überall hin und nach Sachen greifen die mitunter ungeeignet für sie sind. Gefährliche Treppen sind ein Anziehungspunkt für viele kleine Kinder, denn Klettern macht den Kleinen Spaß. Zudem haben sie einen ganz natürlichen Bewegungsdrang und sind neugierig.

„Nein!“ wird in dieser Entwicklungsphase zu einem wichtigen und oft gebrauchten Wort – und natürlich verstehen Kinder egal wie jung sie sind sofort, was es bedeutet. Jetzt ist Konsequenz bei den Eltern gefragt. Wenn die Treppe verboten bleibt, dann fordert das von begeisterten Krabblern schon eine gewisse Frusttoleranz. Ablenken durch Spielzeug oder durch Trösten hilft bei kleinen Wutanfällen wahrscheinlich nur bedingt, ist aber immer einen Versuch wert.

Wer jetzt Nerven bewahrt und liebevoll immer wieder darauf beharrt, dass die Treppe nicht erlaubtes Gebiet ist, der hat viel gewonnen. Das Kind lernt dabei nämlich, mit der eigenen Frustration fertig zu werden und dass nicht jeder Impuls (Ich will da jetzt hin krabbeln!) erfüllt werden kann. Die Treppe ist dabei übrigens austauschbar mit gefährlichen Gegenständen oder ähnlichen Dingen, an die das Kleinkind nicht ran soll.

Mit dieser liebevollen Konsequenz fördern Eltern die Resilienz der Kinder. Diese ist, aufgebaut in mehreren Kernkompetenzen, später wichtig um in schwierigen Situationen positiv zu bleiben und Probleme zu meistern.

Einfache Regeln und geduldige Eltern

Bei Kleinkindern gilt bei den ersten Erziehungsschritten: Je einfacher die Regel, umso leichter wird sie verstanden und befolgt. Kinder ab einem Alter von drei Jahren können dagegen schon komplexere Zusammenhänge verstehen.

Was im Kindergarten so schön beim Mittagstisch geübt wird, das Warten bis alle so weit sind und gemeinsam essen, kann Zuhause konsequent fortgesetzt werden. Die Familie sitzt beim Abendbrot und natürlich will ein Kleinkind lieber aufstehen und herum toben, sobald es satt ist. Jetzt kann man erklären, wie schön es ist noch einen Augenblick zusammen sitzen zu bleiben. Fällt schwer, aber die tägliche Wiederholung hilft, die Regel zu verstehen und umzusetzen. Wenn es danach von Mama oder Papa ein Lob gibt, weil so geduldig durchgehalten wurde, klappt es beim nächsten Mal bestimmt noch ein klein wenig länger.

So lange können Kinder wirklich warten

Trotzdem sollten Eltern beim Thema Warten von ihren Kindern nicht zu viel erwarten. Das Zeitempfinden ist bei den Kleinen ganz anders gelagert als bei Erwachsenen und eine Minute ist für einen Dreijährigen gefühlt so lange wie für uns 5 Minuten.

Beim Marshmallow-Test des Psychologen Walter Mischel hielten die geduldigeren Kinder übrigens ungefähr 15 Minuten durch. Laut Erfahrung von Psychologen können 18 Monate alte Kinder gerade mal 30 Sekunden warten, 2 bis 2,5-Jährige schaffen es schon volle zwei Minuten und mit 3 bis 5 Jahre alten Kindern kann man 15 Minuten Wartezeit erreichen, wenn es gut läuft.

Bild: Danielle MacInnes; @unsplash