Sobald Kinder ein eigenes Smartphone besitzen, besteht die Gefahr des Cybermobbings. Dr. Catarina Kratzer leitet das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik in Köln und gehört international zu den führenden Experten im Bereich Cyberpsychologie. Wir wollten von ihr wissen, was Erwachsene tun können, um Kinder vor digitalen Attacken zu schützen und wo Betroffene Hilfe finden.

Text: Stefanie Rüggeberg

Auf den Punkt gebracht, Frau Katzer: Wo wird aus einem doofen Kommentar bei Facebook oder in der WhatsApp-Gruppe Cybermobbing?

Dr. Catarina Katzer: Ein einzelner Kommentar ist noch kein Cybermobbing – das fängt eher da an, wo sich Ton und Intensität über einen längeren Zeitraum langsam steigern. Erst ein paar Sticheleien, dann kommt Gedisse: „Schaut mal, die/der benimmt sich komisch/ist blöd/trägt bescheuerte Klamotten.“ Später folgen oft peinliche Fotos oder Videos, mit denen das Mädchen oder der Junge vor einer größeren Gruppe wie der Schulklasse lächerlich gemacht wird. Cybermobbing bedeutet, jemanden digital gezielt fertigzumachen.

Was macht diese Form des Mobbings so besonders tückisch?

Die extreme Öffentlichkeit: Plötzlich erfahren 2.000 Leute in der Facebook-Gruppe, dass jemand angeblich Bettnässer ist – was einen im Internet noch Jahre später verfolgen kann. Und es gibt keinen Schutzraum mehr, weil heute die Täter rund um die Uhr über das Smartphone selbst zu Hause ins Kinderzimmer kommen.

Welche Altersgruppe ist bei Kindern und Jugendlichen am meisten betroffen?

Cybermobbing trifft vor allem 13- bis 17-Jährige. Hier sind es 30 Prozent der Mädchen und Jungen. Das hat 2020 die Studie „Cyberlife III“ vom Bündnis gegen Cybermobbing, das ich mitbegründet habe, gezeigt. Aber da Medien immer früher genutzt werden, beginnt das inzwischen schon viel früher. 25 Prozent der Grundschullehrer gaben bei der Befragung an, dass sie Fälle kennen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hatten viele Kinder monatelang nur noch virtuellen Kontakt mit Gleichaltrigen. Hat das die Lage verschärft?

Absolut. Ende 2020 war die Zahl der betroffenen Schüler zwischen 8 und 21 Jahren im Vergleich zu 2017 um 36 Prozent gestiegen. Das heißt, rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche sind jetzt Opfer von Cybermobbing. Das sind 500.000 mehr als noch drei Jahre zuvor.

Welche Auswirkungen hat Cybermobbing bei den Attackierten und wie äußern sich diese?

Es ist eine traumatische Erfahrung. Jedes vierte Opfer denkt sogar an Selbstmord. Viele verletzen sich als Folge selbst oder missbrauchen Medikamente. Je jünger die Kinder sind, desto nachhaltiger schädigt Cybermobbing ihre Persönlichkeitsentwicklung. Vor allem das Vertrauen in Menschen lässt extrem nach. Weil sie zum Beispiel mit einem vermeintlichen Freund Informationen geteilt haben und der diese weitergeschickt hat, als er sauer war. Viele Opfer vertrauen anderen noch Jahre später nur schwer, selbst wenn sie längst erwachsen und in einer Beziehung sind.

Schon mit sechs Jahren haben heute einige Kinder eigene Smartphones, mit zehn sind es dann 75 Prozent. Inwieweit können Eltern ihre Kinder überhaupt noch vor Cybermobbing bewahren, wenn Sie ihnen so früh ein Smartphone erlauben?

Zumindest sollten sie dafür sorgen, dem Sohn oder der Tochter das Ding nicht bloß in die Hand zu drücken. Es ist wichtig, genau zu besprechen, wie Kinder es nutzen, mit welchen persönlichen Informationen oder Fotos sie im Internet vorsichtig umgehen sollen, welche sozialen Netzwerke und damit verbundenen Risiken es gibt. Gerade bei jungen Kindern sollte eine Software installiert werden, mit der die tägliche Nutzung auf circa 30 Minuten begrenzt wird. Es geht also um einen verantwortungsvollen und kontrollierten Umgang mit dem Smartphone. Dazu gehört, dass die Eltern bei allen digitalen Themen auf dem Laufenden bleiben, sobald ihr Kind auf dem Tablet, Laptop oder Telefon regelmäßig Zugang zum Internet hat. Sie müssen wissen, welche Apps gut sind, welche Online-Spiele und Influencer es gibt. Eltern dürfen bei der digitalen Begleitung nicht faul sein.

Ein Schutzschild gegen Cybermobbing ist das alles natürlich nicht.

Das stimmt. Doch je besser das Kind auf die digitale Welt und ihre Gefahren vorbereitet wird, desto besser kann es damit umgehen. Das mindert das Risiko, Opfer, aber auch Täter zu werden.

Haben Opfer typische Merkmale – oder ist es reiner Zufall, wen es trifft?

Es gibt durchaus bestimmte Risikofaktoren. Es trifft oft die Kinder, die eher still, nicht so cool oder mutig sind. Außenseiter werden oft Opfer. Und Täter picken sich gerne jemanden heraus, der durch Äußerlichkeiten wie weniger hippe Klamotten oder eine rundere Figur auffällt. Abgesehen von Online-Spielen, wo Cybermobbing ein anonymes Problem ist, kennen die meisten Opfer ihre Täter persönlich, meistens über die Schule.

Gibt es so etwas wie ein typisches Täter-Profil?

Aggression ist für sie etwas Normales. Sie finden, dass das Opfer es verdient hat. Mit Gewalt in Filmen oder Computerspielen haben Täter häufig Erfahrung. Aber eine der tückischsten Seiten des Cybermobbings ist: Ein Teil der Opfer wird auch zu Tätern und manche Täter werden zu Opfern. Sehr bedenklich finde ich die Entwicklung, dass die Täter heute öfter gar kein richtiges Motiv benennen können. Nur Sachen wie „Ich hatte gerade schlechte Laune“, „Ich habe mich gelangweilt“ oder sogar „Cybermobbing ist cool“.

Sind Mädchen andere Opfer oder Täter als Jungen?

Als Täter beleidigen Mädchen mehr und verbreiten bevorzugt Lügen. Jungen attackieren ihr Opfer lieber mit peinlichen Fotos oder Videos. Als Opfer wiederum sind Jungen eher diejenigen, die sich wehren und Hilfe holen. Viele Mädchen dagegen schämen sich, wenn sie zur Zielscheibe werden, verstecken sich und glauben, sie hätten etwas falsch gemacht.

Wenn das Kind nichts sagt, erfährt lange niemand von seinen Sorgen. An welchen Signalen erkennen Eltern, dass etwas nicht stimmt?

Auffällig ist immer, wenn ein Kind sich plötzlich verändert: Es geht nicht mehr gern zur Schule, hat unerklärliches Magendrücken, ist auf einmal entweder extrem ruhig oder aggressiv, seine Freunde kommen nicht mehr zu Besuch. Das Smartphone, mit dem es früher begeistert gechattet hat, wird kaum noch benutzt. Das alles muss nicht heißen, dass das Kind Opfer von Cyber-mobbing ist, die Verhaltensveränderungen können genauso völlig andere Gründe haben. Aber man sollte auf jeden Fall genauer hinschauen, was da los ist.

Wie sollten Eltern hier vorgehen, wenn ihr Kind bei einem Gespräch aus Scham abblockt? Löchern und Drängen ist da ja eher kontraproduktiv.

Oft hilft es schon, sich von außen ein Bild zu machen. Indem man mal mit dem Klassenlehrer redet, den besten Freund oder dessen Eltern fragt, ob irgendwas los ist. Erhärtet sich der Verdacht, dass Cybermobbing im Spiel sein könnte, kann man dem Kind behutsam Türen öffnen. Zum Beispiel, indem ältere Geschwister eingebunden werden und dem jüngeren mal halbwegs beiläufig ein paar Seiten im Internet zeigen, auf denen es sich informieren kann. Oder die Eltern erzählen was von der interessanten Beratungsstelle Juuuport, über die sie gelesen haben. Die empfehle ich tatsächlich. Hier beraten Jugendliche andere Kinder und Jugendliche, die Probleme im Netz haben.

Wenn das Kind ihnen schließlich sein Herz ausschüttet, haben Vater und Mutter womöglich den Impuls, sich den oder die Mobber vorzuknöpfen. Was ist die bessere Strategie?

Nur, wenn die Eltern des Opfers den Cybermobber persönlich gut kennen, können sie hier in den Konflikt reingehen. Und selbst dann sollte das eigene Kind erst gefragt werden: Welchen Plan entwickeln wir jetzt? Manche Kinder wollen gar nicht, dass der Fall so breitgetreten wird. Das muss man respektieren. Deshalb ist es besser, nicht überzureagieren und in Ruhe durchzusprechen, welche Schritte jetzt folgen: Wollen wir zu einer Beratungsstelle wie „Save me online“ gehen? Kann die Schule einen Dialog zwischen Täter und Opfer herstellen? Was machen wir, wenn die Schule das Problem herunterspielt? Immer hilfreich ist es, alles mit einem Experten zu bereden. Der findet sich beispielsweise über die Jugendberatungsstellen der Städte oder Kinderschutzzentren. Ebenfalls wichtig: das Cybermobbing den betroffenen sozialen Netzwerken zu melden und alle Beweise zu sammeln, falls die Familie sich noch entschließen sollte, die Polizei zu informieren. Denn streng genommen sind bereits Verleumdungen eine Straftat.

Auch ohne Anzeige kann die Polizei eine gute Adresse sein, um Hilfe und Beratung zu bekommen oder sogar einen Workshop zu Cybermobbing in der Schule zu organisieren. Warum kann so eine Veranstaltung viel bringen?

Weil ein Workshop hilft, die digitale Empathie zu fördern. Oft erzählen Täter „Ich habe das nur schnell eingetippt, mir war gar nicht klar, dass das so verletzt“. Sie sehen ihr Opfer ja nicht, das schiebt die Empathie weit weg. Wenn Kinder und Jugendliche erfahren und sehen, was Cybermobbing anrichtet, wird es physisch greifbar. Das ist eine heilsame Erfahrung.

Wie realistisch ist es, dass sich ein Fall von digitaler Gewalt zwischen Schulkameraden so weit klären lässt, dass beide Seiten wieder normal zusammen zum Unterricht gehen können?

Das kommt sehr stark auf die Schule an. Es gibt leider Schulen, die engagieren sich so wenig, dass am Ende der Täter bleibt und das Opfer geht. Umgekehrt hilft es enorm, wenn die Schule ein schlechtes Klima für Täter schafft und klarmacht: Bei uns wird Cybermobbing nicht toleriert! Wenn sie noch dazu die Opfer unterstützt oder Cybermentoren einsetzt, die jederzeit ansprechbar sind, fühlen sich die traumatisierten Kinder wieder sicher.

Wann ist es besser, die Schule zu wechseln?

Wenn das Kind sich dort einfach nicht mehr wohl und unterstützt fühlt und sich diesen Wechsel wünscht. Entscheidend ist hier, ihm zu vermitteln: „Es ist überhaupt kein Versagen, wenn du lieber eine neue Schule besuchen willst. Du gehst, weil du dich wieder richtig wohlfühlen willst.“

Der Weg zurück zur Normalität ist vermutlich der schwerste Teil. Womit helfen Eltern ihren Kindern auf diesem Weg am meisten?

Das ist ein Spagat. Einerseits will die Familie das Thema endlich hinter sich lassen. Andererseits ist es nicht gut so zu tun, als wäre nie etwas passiert. Auch hier kann es deshalb sehr sinnvoll sein, sich von einem Experten psychologisch beraten zu lassen. Darüber hinaus helfen dem Kind jetzt Eltern, die ihm neues Selbstvertrauen vermitteln. Da reicht es oft schon, in der Freizeit als Familie viel zusammen zu machen, das gibt dem Kind viel Halt und Sicherheit. Außerdem wirkt – so banal das klingt – ein Tier Wunder. Sich darum zu kümmern, stärkt das Selbstbewusstsein von Kindern. Das kann ein eigenes sein, aber genauso ein Hund, der im Tierheim ehrenamtlich betreut wird.

Was ist das wichtigste Gefühl, das man seinem Kind vermitteln sollte, um es wieder aufzubauen?

Es aus der Opferrolle zu befreien. Deshalb ist es wichtig, dem Kind immer wieder zu sagen und zu zeigen: „An dir ist überhaupt nichts falsch. Was mit dir passiert ist, war schlimm, aber das hat nichts mit dir als Mensch zu tun. Cybermobbing passiert leider ganz vielen.“

Gerade weil Opfer und Täter öfters die Rollen tauschen – wie gehen Eltern am besten damit um, wenn sie mitbekommen, dass ihr Kind beim Cybermobbing selbst der Aggressor ist?

Das ist für Eltern ebenfalls sehr schmerzlich. Viele wollen das erst einmal nicht wahrhaben und sagen „So etwas tut mein Kind doch nicht!“ Die betroffenen Eltern müssen sich klarmachen, dass die Tat ihres Kindes nicht ihr Versagen ist. Oft sind es Nachahmungstaten oder Gruppendynamiken, das hat mit Erziehung wenig zu tun. Entscheidend ist jetzt, dass die Eltern die Sache nicht herunterspielen, sondern sich damit auseinandersetzen. Zum Beispiel, indem sie mit der Schule und den Eltern des Opfers sprechen. Denn nicht nur die Opfer, auch die Täter müssen bei Cybermobbing gerettet werden.

Vor wem genau?

Vor sich selbst. Täter haben ebenfalls eine schlechte Entwicklungsprognose. Bei Konfliktlösung versagen sie später regelmäßig, in Beziehungen ebenso, sie kämpfen noch lange mit Aggressionen. Deshalb ist es für sie fatal, wenn sie ihr Verhalten verinnerlichen. Sie brauchen Hilfe.

Nun muss der Kampf gegen Cybermobbing eigentlich beginnen, bevor ein Kind zum Opfer oder Täter wird. Bei zwei Millionen Betroffenen scheint es bei der Prävention in Deutschland ja nur schleppend zu laufen.

Da sind wir tatsächlich weit abgeschlagen und machen viel zu wenig. Was wir bräuchten wäre ein Präventionsmanagement ab der Grundschule. Nicht nur ab und zu mal einen Infotag zum Cybermobbing. Sondern zum Beispiel einen Online-Kummer-Briefkasten oder feste Cybermentoren an den Schulen, die regelmäßig durch die Klassen gehen und aufklären. In den Niederlanden oder Norwegen zum Beispiel sind solche Präventionsmaßnahmen seit einigen Jahren Pflicht. Was dazu führt, dass etwa in den Niederlanden in der achten und neunten Klasse nur noch 15 Prozent der Schüler von Cybermobbing betroffen sind. Bei uns sind es in der Altersgruppe 25 Prozent. Ohne klare und verbindliche Regeln wird Deutschland hier nicht aufholen können.

Zur Person:

CybermobbingDr. Catarina Katzer ist Volkswirtschaftlerin und Sozialpsychologin. Sie leitet das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik in Köln und gehört international zu den
führenden Experten im Bereich Cyberpsychologie. Sie berät Unternehmen, Regierungs- und Bildungsinstitutionen im In- und Ausland. Von ihr sind die Bücher „Cybermobbing – Wenn das Internet zur Waffe wird“ (2013) und „Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert“ (2016) erschienen.

Bilder: Gettyimages (2), privat