Text: Win Schumacher
Zwischen Gipfeln und Greifvögeln – die Sierra Nevada erleben
Ist es tatsächlich ein Bartgeier, der da entlang der verschneiten Bergkette kreist? Oder doch ein Steinadler? Angestrengt blickt Ben durch sein Fernglas, bis es ihm Hanna ungeduldig aus der Hand nimmt. Die 7-jährigen Zwillinge haben gerade erst eine Gruppe Andalusischer Steinböcke beobachtet, die nicht weit von ihrem Wanderweg an einem Steilhang grasten. „Sie kommen langsam näher!“ hatte Ben aufgeregt ausgerufen. Jetzt aber hat der große kreisende Vogel ganz ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Nationalpark Sierra Nevada – Natur, Wanderwege und Wildtiere
„Der Bartgeier war in der Sierra Nevada bereits in den 80er Jahren komplett verschwunden“, erklärt Pablo Galdo, „erst in den letzten Jahren können wir in Andalusien erste Erfolge bei der Wiederansiedlung verzeichnen.“ Die bedrohte Art wird durch eine komplizierte und langwierige Freilandaufzucht von in Gefangenschaft geschlüpften Küken mühsam wieder auf ein Leben in ihrer alten Heimat vorbereitet. Galdo hat das Projekt als Mitarbeiter des Nationalparks von Anfang an begleitet. Inzwischen fliegen wieder etwa 15 der bedrohten Tiere über dem Sierra Nevada. Mit fast drei Metern Flügelspannweite gehören sie zu den größten Greifvögeln der Welt und immer mehr Touristen halten im höchsten Gebirge auf der Iberischen Halbinsel nach ihnen Ausschau. Auch Ben und Hanna wollen nun einen Blick von den seltenen Vögeln erhaschen.

Wandern, baden oder doch lieber Skifahren?
Eigentlich hatten sich die Zwillinge nur überreden lassen, mit zu der Wanderung zu kommen, weil es dann am Nachmittag gleich mit dem Skilift ins Wintersportgebiet gehen sollte. Schon klar: Papa wollte natürlich Bergwandern und danach eigentlich lieber an den Strand. Jetzt aber ist die Familie versöhnt und überhaupt: Wanderungen in Andalusiens Sierra Nevada ist auch für Kinder spannender als eigentlich gedacht. Während die Abhänge auf über 2500 Metern in den Wintermonaten Skifahrer und Snowboarder locken, lässt es sich in den niedrigeren Lagen meist noch immer sehr gut wandern und nach einigen der seltenen Tierarten Andalusiens Ausschau halten. „Gibt es hier nicht auch Schlangenadler?“, will Hanna wissen.

Berge, Schnee und Strand – perfekte Auswahl für Familien
Für Familien, die sich nur schwer einigen können, ob es im Winterurlaub lieber zum Skifahren, oder ganz weit weg an einen sonnigen Strand gehen soll, hat Spaniens Süden die perfekte Lösung. In der Sierra Nevada, dem südlichsten Hochgebirge Europas, ragen die Berggipfel fast 3500 Meter auf. Von Ende November bis Anfang Mai bieten sie meist ideale Bedingungen für Wintersportler. Nur eineinhalb bis zwei Stunden von den Skiliften entfernt liegen bereits die ersten Mittelmeerstrände der Costa Tropical und der Costa del Sol. Morgens zum Skifahren oder Snowboarden, nachmittags zum Sonnenbaden ans Meer – Andalusien macht’s möglich.

Ganz ohne Frage: Spaniens Süden ist immer und das ganze Jahr für Familien eine Reise wert. Im Sommer ist es hier nur oft unerträglich heiß und an der Küste überall notorisch überfüllt. Auch im Frühling und Herbst wird es an den Stränden kaum weniger voll und auch durch Andalusiens berühmte Unesco-Weltkulturerbe-Stätten drängen sich dann noch immer die Touristen. Sich durch die Alhambra oder die Altstädte von Córdoba und Sevilla als Teil einer endlosen Menschentraube zu zwängen, raubt diesen historischen Orten von Weltrang jedoch viel von ihrem wahrhaft magischen Glanz. Im Winter aber ist Andalusiens Zauber überall zurück.

Alhambra und Granada – ein maurisches Weltkulturerbe
„Gingen die Sultane auch Skifahren?“ und „Hatten sie Löwen als Haustiere?“ – Ein Besuch der Alhambra in Granada lässt nicht nur bei Erwachsenen der Fantasie freien Lauf. Für Kinder ist die prachtvolle Festungsanlage mit ihren kühnen Palästen, verschwiegenen Gärten, märchenhaften Spiegelungen in verwunschenen Wasserbecken und fantastischen Brunnen eine Welt der Wunder. Erste neugierige Fragen zu Kunst, Architektur und Religion – bei einem Rundgang durch die Welterbestätte kommen sie bei den Kleinen fast natürlich auf. Und wecken ihre Neugier auf weitere Geheimnisse der Geschichte Spaniens. In Andalusien liegt ein Anlass zur Schatzsuche nie fern.

Es gibt viel zu entdecken, auch fernab der bekannten Städte
Dabei sind Granada, Córdoba und Sevilla längst nicht die einzigen andalusischen Städte, die sich für eine Erkundung lohnen. Auch Úbeda und Baeza gehören zum Welterbe und begeistern mit ihren Renaissance-Fassaden und Kirchen aus dem 16. Jahrhundert. Jede für sich belebt ihre Straßen im Dezember mit ihren eigenen Weihnachtstraditionen. Vor allem Málaga lockt im Februar auch mit bunten Umzügen und ausgelassener Feierstimmung zum Karneval. Wer Rummel eher scheut, mag lieber die Kalifenstadt Medina Azahara besuchen. Die Ruinen hat man im Winter als Besucher oft ganz für sich allein.

Weit tiefer taucht man in die Geschichte Spaniens um die Dolmenstätte von Antequera und in den Höhlen von Nerja, La Pileta und Los Letreros ein. Die jahrtausendealten Felsmalereien, die hier entdeckt wurden, sind auch für Kinder faszinierend. Indes begeistern Andalusiens Nationalparks und zahlreichen Schutzgebiete auch Familien, die sich vor allem für die einzigartige Fauna und Flora Spaniens interessieren. In den Sümpfen, Lagunen, Pinienwäldern und Dünenlandschaften des Doñana-Nationalparks kann man riesige Flamingoschwärme und mit sehr viel Glück auch Iberische Luchse beobachten. In der Sierra de las Nieves oder der Sierra Cazorla leben neben Steinböcken auch Gänsegeier und Ginsterkatzen.

Malaga und Marbella – hier kann man auch im Winter noch im Meer baden
Nach dem Stadtrundgang oder der Wanderung lockt der Strand. Wenn schon nicht zum Baden, so begeistert ein Ausflug zum Sandburgenbauen und Muschelsuchen in jedem Fall auch im Winter die Kleinsten. Vor allem in der Region um Marbella an der Costa del Sol herrscht selbst von Dezember bis Februar meist ein angenehmes Mikroklima. Abgeschirmt von dem dahinter aufragenden Gebirge der Sierra Blanca, genießt der Küstenort etwa eine Autostunde südwestlich von der andalusischen Hauptstadt Málaga bis zu 320 Sonnentage im Jahr. Selbst in den Wintermonaten erwischt er meist nicht mehr als 5 bis 7 Regentage im Monat. An sonnigen Tagen klettert das Thermometer bisweilen auch im Winter auf über 20 Grad.

Dem Winter in Deutschland entfliehen und Sonne tanken
Marbella war Anfang des 20. Jahrhunderts ein unbedeutendes Fischerdorf, das in den 30er Jahren aufgrund seiner angenehmen Temperaturen im Winter zunächst vom spanischen Adel entdeckt wurde. Ihm folgte in den 60er und 70er Jahren der internationale Jetset. Brigitte Bardot, Ava Gardner, Frank Sinatra und Sean Connery gehörten zu den zahlreichen illustren Gästen, die Marbella bald den Ruf eines Rückzugorts der Reichen und Schönen einbrachten. Heute nutzen Familien aus ganz Europa die Costa del Sol für eine Winterflucht. Anders als an vielen anderen Orten haben die meisten Hotels in Marbella das ganze Jahr über geöffnet und einige wie das Puente Romano bieten auch in den Wintermonaten einen Kids Club und besondere Aktivitäten für Kinder an.
Flamenco begeistert auch die kleinen Urlauber
„Es verwundert niemanden, dass der Flamenco hier im Süden Spaniens geboren wurde“, sagt Christina Pagés, „nirgendwo sonst ist das Vermächtnis von Al Andalus noch heute so deutlich spürbar.“ Die Tänzerin hat gerade gemeinsam mit ihrer Gruppe ihr Publikum ganz für Andalusiens wohl berühmtestes kulturelles Erbe begeistert.

In einem Tablao, einem historischen Flamenco-Lokal, in der Altstadt Marbellas nahe des weiß getünchten Santo-Cristo-Kirchleins hallt der Applaus der Besucher an diesem Abend noch lange nach. Ben und Hanna sind wie die anderen Zuschauer ganz vom bebenden Tremolo der Gitarren und der atemlosen Abfolge der Tanzschritte verzaubert. Die Leidenschaft der Künstlerinnen und Musiker macht eindringlich erlebbar, dass Flamenco für viele Andalusier viel mehr ist als eine Tanzaufführung für Touristen. „Für uns ist es eine Lebensform, ja, eine Religion“, sagt Pagés, die in Granada mit Flamenco groß geworden ist. „Es liegt uns einfach im Blut und wir möchten, dass unsere Gäste etwas von seiner Kraft mitnehmen.“
Dass eine Winterflucht nach Andalusien bleibende Erinnerungen für die ganze Familie hinterlässt, steht fest. Natürlich möchte Hanna nun irgendwann auch einmal Flamencotänzerin werden. Und Ben? „Beim nächsten Mal möchte auch ich endlich einmal Snowboard fahren. Und am Strand eine riesige Burg bauen – so eine wie die Alhambra“.

Unsere Tipps für eine Andalusienreise mit Familie
ANREISE:
Ryanair, Eurowings oder Easyjet fliegen mehrmals die Woche auch im Winter von vielen deutschen Flughäfen nach Malaga.
Übernachten:
Das Puente Romano in Marbella hat sich ganz auf Familien spezialisiert. Während sich die Kleinsten im Kids Club austoben, können die Eltern sich im entspannten Beach Club Chiringuito, im mediterranen Gaia oder im vornehmen Nobu-Restaurant verwöhnen lassen. www.puenteromano.com
Mit urgemütlichen Zimmern, eigener Wellness-Landschaft und beheiztem Outdoor-Pool ist das Hotel Maribel die perfekte Unterkunft für Familien im beliebtesten Wintersport-Ort der Sierra Nevada.

Sehenswürdigkeiten in Andalusien
Nationalpark Sierra Nevada
Der Nationalpark hat keine festen Öffnungszeiten und ist frei zugänglich. Allerdings haben die Besucherzentren saisonabhängige Öffnungszeiten, die ihr am besten vor Ort erfragen könnt oder auf der Website des Parks.
Alhambra
Die Alhambra gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist mit Palästen, Alcazaba-Festung und Generalife-Gärten eines der meistbesuchten Monumente Spaniens. Die Alhambra ist ganzjährig geöffnet und schließt nur an wenigen Feiertagen komplett. Es gibt übrigens auch Nachtführungen mit eigenen Zeiten, für die man sich extra anmelden kann. Diese sind ein ganz besonderes Erlebnis. Wenn ihr innerhalb der Hauptsaison und mit Kindern reist, dann ist ein Ticketkauf vorab fast schon Pflicht, um die langen Warteschlangen zu vermeiden. Die Tageskasse öffnet ca. 30 Minuten vor dem ersten offiziellen Einlass.
Höhlen von Nerja (Cueva de Nerja)
Je nach Jahreszeit variieren die Öffnungszeiten der imposanten Tropfsteinhöhlen. Am besten prüft ihr sie vor eurem Besuch aktuell auf der Website.
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Bildquelle: Gettyimages, Unsplash, Ram Malis, Jack Hary, PR









