Als Eltern will man bei der Erziehung alles richtig machen – aber wie? Kaum ein Thema beschäftigt Eltern heute so sehr wie die Frage, was Kinder wirklich brauchen, um gut durchs Leben zu kommen. Und kaum ein Thema wird so sehr von Trends, Social-Media-Posts und widersprüchlichen Ratschlägen überflutet.
Tillmann Prüfer, Journalist, Vater von vier Töchtern und Leiter des Familienressorts der Zeit, hat sich die Mühe gemacht, das Wichtigste aus Wissenschaft und Erziehungsforschung heraus zu filtern – und dabei so manchen vermeintlichen Goldstandard und feste Überzeugungen ins Wanken gebracht. Im Interview mit Luna spricht er über evidenzbasierte Erziehung, die Macht der Gene, warum Regeln oft weniger bringen als gedacht – und was Eltern nicht verpassen sollten in der Zeit, die ihnen mit ihren Kindern bleibt.
Lieber Herr Prüfer, Sie haben gerade einen Erziehungsratgeber veröffentlicht mit dem Titel: “Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen”. Was war der Grund und was hat sich verändert in Sachen Erziehung in den letzten Jahren?
Tillmann Prüfer: Eine positive Tendenz ist, dass sich Menschen wesentlich mehr Gedanken zum Thema machen – auch Väter. Als ich Vater geworden bin mit 25 Jahren, war ich natürlich neugierig und habe andere Väter gefragt, was da auf mich zukommt. Ich war erstaunt, wie wenig das Thema Männer und Väter überhaupt interessiert hat. “Vater sein, das siehst du dann schon, das geht ganz einfach, mach einfach dein Ding”, so oder so ähnlich waren die Antworten. Das ist inzwischen viel besser geworden und auch Väter interessieren und engagieren sich mehr.
Allerdings kann man auch feststellen, dass Eltern heute sehr verunsichert sind. Und das führt zu Stress. Doch was Kinder am wenigsten brauchen können, sind gestresste Eltern. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Um einen evidenzbasierten Kompass zu liefern, der auf einfache Fragen möglichst einfache Antworten liefert und mir als Elternteil eine Orientierung gibt.

Viele Eltern beziehen ihre Erziehungstipps vor allem aus den sozialen Medien. Wie sehen Sie diese Tendenz? Es kann ja ständig alles kommentiert und kritisiert werden …
Ja, wir sehen uns als Eltern heute ständig kommentiert und beobachtet. Wir werden pausenlos beeinflusst und unter einer Art Spannung gehalten. Wenn ich in meine Timeline schaue, dann finde ich dort Posts mit Themen wie “3 Sätze, die du deinem Kind nie sagen darfst, sonst schädigst du seine Seele”, oder “Mit diesen 10 Sätzen stärkst du dein Kind fürs Leben”. Wenn man das so hört, hat es eine gewisse Plausibilität. Natürlich ist es nicht gut, wenn ich etwas sage, was das Selbstbewusstsein meines Kindes verletzt. Aber betrachtet auf dieses Lebensprojekt, das wir mit unseren Kindern haben, sagt so etwas natürlich überhaupt nichts aus. Das hat überhaupt keinen oder wenn, dann vielleicht einen minimalen Einfluss auf die langfristige Entwicklung.
Und man weiß nicht immer, wer hinter einem Post steht und welche Referenz der- oder diejenige hat …
Ja, wir sehen nicht die Evidenz dahinter oder ob es diese überhaupt gibt. Man braucht Menschen, die all die Erkenntnisse und Studien die es zu Erziehung und Erziehungswissenschaften gibt, einordnen können. Das habe ich in meinem aktuellen Buch versucht.
Was waren die überraschendsten Erkenntnisse aus der Recherche für Ihr Buch?
Die überraschendste Erkenntnis war, dass selbst Dinge, die wir als verbrieftes Wissen ansehen wesentlich schlechter belegt sind, als wir denken. Das heißt nicht, dass das alles falsch oder gefährlich ist. Wenn wir zum Beispiel die Frage der Bindung angehen. Das ist ein Thema, das viele junge Eltern extrem unter Druck setzt, weil sie denken mit allem, was ich jetzt mit diesem kleinen Kind mache, ob ich es stille oder nicht, wie lange ich stille, ob es im Kinderwagen mit mir Augenkontakt hat, ob ich auf mein Handy gucke in seiner Gegenwart … all das zahlt angeblich auf die Bindung ein. Und wenn ich diese Bindung in den ersten drei Jahren nicht gut genug angegangen bin, dann hat mein Kind ein Leben lang damit Probleme, selbst ordentliche Beziehungen aufzubauen. Tatsächlich sind solche extremen Auswirkungen eher alltäglicher Nachlässigkeiten wissenschaftlich nicht belegt.

Was heißt das für Eltern?
Es heißt, dass wir im Grunde nicht wissen, ob es dieses magische Band zwischen Mutter und Kind oder Vater und Kind in der Form gibt und woraus es konkret besteht oder wann und wie es sich bildet. Es ist eine reine Modellvorstellung, die teilweise mit Studien getestet und belegt wurde, die man heute nicht mehr als methodisch sauber ansehen würde.
Das heißt nicht, dass dort keinerlei sinnvolle Forschung gemacht worden ist. Und es sollte mir auch nicht egal sein, wie oft und wie ich mit meinem Kind spreche, es ansehe und mit ihm in den Austausch gehe. Aber es ist auch nicht so, dass wir hier von den Newtonschen Gesetzen sprechen, die unverrückbar sind.
Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen um das zu verdeutlichen?
Ja gerne. Als wir unsere zweite Tochter bekommen haben, war gerade ein Schlaftraining populär: “Jedes Kind kann schlafen lernen”, das kennt man vielleicht noch. Also kaufte ich mir das Buch und habe es ausprobiert, weil alles, was darin stand, sehr plausibel klang. Und es hat funktioniert. Fünf Jahre später galt Schlaftraining nach dieser Methode als psychische Gewalt am Kind. Auf die Entwicklung meines Kindes hatte das Ganze jedoch keinen signifikanten Einfluss. Nur ich als Vater hatte Stress – und natürlich haben wir mit unseren anderen Kindern kein Schlaftraining nach dieser Methode mehr gemacht.
Es gibt also vieles in der Erziehung von dem wir denken, es ist richtig und belegt, aber eigentlich ist es das gar nicht?
Genau, sogar Dinge von denen wir glauben es sei der Goldstandard, sind oft nur eine Vermutung. Das müssen wir uns immer vergegenwärtigen, wenn wir über Erziehung sprechen. Wir wissen vieles nicht. Denn wir sind komplizierte Gebilde, Kinder sind komplizierte Gebilde, die ganze Umwelt, in der wir leben, ist kompliziert und für das meiste gibt es einfach keine Generalrezepte oder -anleitungen. Es wird uns nur immer suggeriert, denn viele Menschen verdienen ihr Geld damit uns das einzureden.
Das heißt alle fünf Jahre gibt es einen Erziehungstrend, dann passiert etwas Neues und wir denken wieder um?
Wichtiger als Trends zu folgen, ist doch sich zu überlegen: Was möchte ich meinem Kind mitgeben? Was soll es von mir lernen? Wenn ich mir zum Beispiel wünsche, mein Kind soll selbstständig werden und außerdem gut mit anderen Menschen umgehen können. Danach stellt sich die Frage: Wann soll mein Kind das von mir lernen? Ich finde es gut, wenn Eltern genau das machen. Alles was bei dem Thema mit Marketing besetzt ist, ob das nun “Gentle Parenting”, “Spiritual Parenting” oder ganz anders heißt, ist erst einmal nebensächlich.
Man hat ja auch nicht ewig Zeit, die Kinder zu erziehen. Nüchtern betrachtet ist der Slot relativ kurz, oder?
Ja, das muss man sich als Eltern auch immer wieder vergegenwärtigen: Man sitzt da einem Menschen gegenüber, der eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen Willen hat – auch wenn der kleine Mensch das vielleicht am Anfang nicht so gut ausdrücken kann, aber es ist beides da. Und Eltern werden schon bald die Erfahrung machen, dass Erziehung nicht ganz so gentle oder spirituell ist, sondern in erster Linie ein Aushandlungsprozess. Das Kind muss die eigene Erziehung ja auch mitmachen.
Interessant ist auch, wie groß unser Einfluss überhaupt ist als Eltern. Was können wir mit Erziehung bewirken?
Tatsächlich geht man davon aus, dass etwa 50 Prozent der Unterschiede in den Persönlichkeitsmerkmalen genetisch bedingt sind. Wir haben also einen Menschen vor uns, der schon einen eigenen Charakter hat, der Talente und Schwächen hat, die wir ihm nicht beigebracht haben, sondern die bereits da waren. Und es gibt auch noch andere Menschen, die auf unser Kind Einfluss nehmen.
Wenn wir also davon ausgehen, dass wir etwa 25 Prozent durch Erziehung beeinflussen können in der Zeit, in der das Kind intensiv mit uns lebt, dann ist das schon viel. Kinder verstehen schnell und viel. Aber in ihrem Leben sind nicht nur wir Eltern wichtig. Auch andere Menschen prägen es. Zudem: je weiter die Zeit, die man mit seinen Eltern verbracht hat, zurückliegt, desto weniger Bedeutung haben diese als Einflussfaktoren.
Das heißt doch eigentlich, man kann sich viele Erziehungsregeln die man im Alltag so von sich gibt als Eltern weitgehend sparen, oder?
Kinder lernen nicht dadurch, dass wir ihnen sagen “Mach das so oder mach das so”. Sie lernen indem sie uns beobachten. Für die Charakterbildung eines Kindes ist es viel wichtiger, wie Eltern miteinander umgehen, ob sie ein liebevolles Verhältnis haben, wie sie Konflikte austragen. Das prägt Kinder mehr als Regeln. Man muss sich auch immer wieder fragen, wie man die Zeit mit seinen Kindern verbringen will und was man ihnen auf den Weg mitgeben will.
Jedoch sehen sich Eltern in der Pflicht, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben bei der “Zeit” einen Rechner installiert. Damit kann man ausrechnen lassen, wie oft man seine eigenen Kinder sieht – je nachdem wie alt diese sind. Die Netto-Sehzeit ist meist erschreckend gering. Mit meiner zwölfjährigen Tochter habe ich beispielsweise schon fast 70 Prozent der anzunehmenden gemeinsamen Zeit verbracht. Ich erlebe es oft, dass Eltern ihre Kinder zu irgendwelchen Programme oder in Camps schicken, dann wird noch ein Sportverein organisiert und Klavierunterricht. Ich frage mich dann: Wann macht ihr etwas gemeinsam? Wann findet euer Familienleben statt?
Wenn ich meine jüngste Tochter frage, “Was willst du heute am liebsten machen?”, dann sagt sie meistens: “Nichts!” Wir hängen dann gemütlich zuhause rum, lesen ein Buch, gucken fern, machen ein Spiel … nichts Besonderes – und das ist gut so. Ich finde es schade, wenn man die Zeit, die man gemeinsam hat, nur mit Aufgaben volllädt.
Was wäre Ihrer Meinung nach das Wichtigste in der Erziehung? Gibt es da etwas, das Sie allen Eltern raten können?
Ja, es ist wichtig, dass man zusammen ist und ein freundliches, zugewandtes Verhältnis in der Familie und zu den Kindern hat. Wenn wir den Kindern das Gefühl geben, da ist jemand, der sich wirklich für mich interessiert, dann ist schon viel erreicht.
Wie sich Regeln letztendlich auswirken auf die Kinder, ist mittels der Studien nicht so gut belegt. Aber was wir an Fürsorge unseren Kindern entgegen bringen, dass wir sie in den Arm nehmen und trösten, wenn sie traurig sind, ihnen zuzuhören, ihnen vermitteln, dass sie immer zu einem kommen können, egal was ist – das ist eine sehr gute Basis für ihr Leben.

Was wären ihre wichtigsten drei Erziehungstipps für Eltern?
Der erste ist, dass Eltern sich die Erziehungskompetenz nicht aus der Hand nehmen lassen und sie vor allem nicht in die Hände von irgendwelchen Influencern geben sollten, die einen selbst nicht kennen und auch das eigene Kind noch nie gesehen haben. Denn Erziehung ist etwas sehr Individuelles. Man sollte also keine Ratschläge beherzigen, die sich nicht gut anfühlen für einen.
Der zweite Tipp dreht sich um den Faktor Zeit. Wie möchte ich die Zeit mit meinen Kindern verbringen – auch vor dem Hintergrund, was wir vorhin besprochen haben, dass die Netto-Sehzeit mit den eigenen Kindern doch relativ gering ist.
Der dritte Tipp ist: Wenn ich vor der Wahl stehe, soll ich jetzt eher bestrafen oder nett sein, dann würde ich mich immer fürs Nettsein entscheiden. Das hilft meist mehr als mit einer Strafe zu kommen – und das ist tatsächlich auch belegt.
Und der vierte Tipp ist Demut. Erziehung heißt nicht, dass man auferlegt bekommen hat einen Menschen zu “machen”, sondern wir sollen ihn begleiten. Man geht einen langen Weg gemeinsam und je früher man diesen jungen Menschen ernst nimmt und ihn als Persönlichkeit wahrnimmt und nicht als ein Produkt, das man formen kann, desto besser ist es für die Beziehung.
Das ist übrigens auch eines der Dinge, die ich am schädlichsten finde beim Thema Erziehung: Eltern-Narzissmus. Wenn Eltern glauben, sie müssten sich in ihrem Kind verwirklichen. Das braucht das Kind nicht. Das Kind ist bereits jemand und verwirklicht sich schon aus sich selbst heraus. Das braucht uns als Eltern nicht dazu.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:

Tillmann Prüfer hat bereits mehrere Bücher über Erziehung veröffentlicht. Der Journalist und vierfache Vater leitet außerdem das Familienressort der “Zeit”. Dort erscheint auch seine beliebte Kolumne “Prüfers Töchter”, in der er von seinem Familienalltag und natürlich auch über Erziehung schreibt. Sein aktuelles Buch ist bei dtv erschienen.
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