Schon vor der Corona-Pandemie waren Essstörungen ein großes Thema unter Kindern und Jugendlichen. Immer mehr Mädchen und zunehmend auch Jungen entwickeln ein gestörtes Essverhalten. Sei es zwanghaftes Hungern (Anorexie), übermäßiges Essen (Binge-Eating) oder Essanfälle mit anschließendem Erbrechen (Bulimie). Meist sind es mehrere Faktoren, die zu einer Essstörung führen. Seelische Probleme sind das eine. Aber auch die sozialen Medien, vor allem Instagram und TikTok, spielen eine Rolle. Wir haben Dr. Karin Lachenmeir vom TCE – Therapie-Centrum für Essstörungen im Klinikum Dritter Orden München befragt.
Frau Dr. Lachenmeir, in welchem Alter treten Essstörungen zum ersten Mal auf? Gibt es ein Durchschnittsalter, oder schwankt das individuell? Bei Mädchen liegt das „Einstiegsalter“ nach jüngsten Statistiken bei ca. 11 Jahren.
Dr. Karin Lachenmeir: Am häufigsten erkranken Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren an Anorexie. Vereinzelt kann diese Erkrankung jedoch bereits im Grundschulalter auftreten. Der Beginn der Bulimie liegt durchschnittlich im Altersbereich zwischen 16 und 18 Jahren. Etwa die Hälfte der Betroffenen war vorher magersüchtig. Die Binge-Eating-Störung beginnt zumeist im jungen Erwachsenenalter, zwischen 20 und 30 Jahren.

Welche Essstörung ist die häufigste? Magersucht (Anorexie), Bulimie oder das sogenannte Binge Eating, also unkontrollierte Essanfälle?
Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung. Rund 1,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind betroffen.
Magersüchtigen wird oft Angst vor Kontrollverlust unterstellt. Doch was steckt wirklich hinter Essstörungen? Ist es der Wunsch, wahrgenommen zu werden? Aufmerksamkeit zu bekommen? Anerkennung? Was sind die Ursachen?
Die Ursachen einer Magersucht sind vielfältig. Wir wissen mittlerweile, dass es einen bedeutsamen genetischen Faktor gibt. Die Erblichkeit der Anorexie liegt bei ca. 50 bis 60 Prozent. Wenn es diese genetische Disposition gibt, dann muss es im kritischen Alter zu einem Gewichtsverlust oder einer Gewichtsstagnation und insbesondere zu einer Abnahme der Fettmasse kommen, damit eine Anorexie ausgelöst wird.
Neben den biologischen Faktoren spielen bei der Entstehung auch individuelle Faktoren (z. B. ein hoher Perfektionismus bei geringem Selbstwertgefühl oder Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation), familiäre Faktoren (z. B. die Bedeutung von Aussehen, Figur und Gewicht innerhalb der Familie oder die familiäre Konfliktkultur) und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Hier sind vor allem der Einfluss der sozialen Medien und das herrschende Schlankheitsideal zu nennen. Aber auch die Corona-Pandemie hat zu einem deutlichen Anstieg der Krankheitsfälle bei Jugendlichen geführt.
Auslöser für die Anorexie sind häufig Diäten oder ein deutlicher Anstieg der körperlichen Aktivität. Zu Beginn erhalten die Jugendlichen oft positive Rückmeldungen, wenn sie an Gewicht verlieren. Hinzu kommen die Erfahrung, das eigene Gewicht und Essverhalten kontrollieren zu können, während andere Lebensereignisse womöglich unkontrollierbar erscheinen, ein Zuwachs an Zuwendung und Aufmerksamkeit oder die Erfahrung, belastende Gefühle über das Essen bzw. Nicht-Essen regulieren zu können. Die letztgenannten Faktoren bezeichnen wir als krankheitsverstärkende oder aufrechterhaltende Faktoren.
Wie häufig sind inzwischen auch Jungen von Essstörungen betroffen?
Bei der Anorexie und der Bulimie ist das Geschlechterverhältnis ungefähr 10:1 (weiblich zu männlich), bei der Binge-Eating-Störung etwa 2:1.
Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei Essstörungen: Instagram, TikTok, YouTube etc.?
Die sozialen Medien können Mitauslöser und Verstärker für ein gestörtes Essverhalten oder ein übertriebenes Bewegungsverhalten sein. Zudem fördern sie ein negatives Körperbild und körperbezogene Selbstzweifel. Sie sind aber nie die einzige oder gar die entscheidende Ursache für eine Essstörung.

Wie kommt es, dass die Zahl der von einer Essstörung Betroffenen während der Corona-Pandemie so stark angestiegen ist?
Hierzu gibt es nur Hypothesen: Der Verlust einer haltgebenden Tagesstruktur und der Einbindung in ein soziales Netz sowie der Verlust wichtiger Ressourcen durch Lockdown und Homeschooling dürften bei vielen Jugendlichen zu einer emotionalen Destabilisierung geführt haben. Demgegenüber rückten während des Lockdowns die sozialen Medien stärker in den Vordergrund und gewannen an Bedeutung. Manche Betroffene nutzten den Lockdown auch als Gelegenheit zur Selbstoptimierung. Auch die ständigen Videokonferenzen könnten eine Rolle gespielt haben, da man sich selbst dabei „von außen“ sah und dadurch möglicherweise negative Selbstbewertungen gefördert wurden.
Was können Eltern tun, wenn sie bemerken, dass ihr Kind ein auffälliges Essverhalten an den Tag legt oder beginnt, das Essen zu vermeiden?
Es kann sinnvoll sein, die Beobachtung zunächst ganz neutral zu schildern, z. B. „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum etwas gegessen hast“, und dann nach dem Befinden des Kindes zu fragen: „Was ist los? Wie geht es dir? Bedrückt dich etwas?“ Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Betroffenen das Problem zunächst herunterspielen und abwiegeln. Dann würde ich das Gesprächsangebot unbedingt aufrechterhalten: „Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn irgendetwas ist.“ Ich würde auf weitere Warnsignale achten, z. B. häufiges Wiegen, ein ritualisiertes Essverhalten (z. B. die kalorienärmeren Bestandteile des Essens zuerst essen, sehr kleine Bissen nehmen, Essen verzögern) oder eine niedergeschlagene, gedrückte oder gereizte Grundstimmung. Sollte sich der Verdacht erhärten, wäre es wichtig, das Gespräch erneut zu suchen, die eigene Sorge deutlich zu machen und auch zu betonen, dass ich als Vater oder Mutter so ein besorgniserregendes Verhalten nicht einfach ignorieren werde.
Bei deutlich restriktivem Essverhalten, einer erkennbaren Gewichtsabnahme oder anderem schwerwiegendem Symptomverhalten (Essanfälle, Erbrechen, starker Bewegungsdrang) sollten die Eltern mit einer Vorstellung beim Hausarzt oder bei einer Beratungsstelle nicht so lange warten. In diesem Fall können sie ihre Verantwortung als Sorgeberechtigte deutlich machen. Machtkämpfe, Vorwürfe und Schuldzuweisungen sind ebenso zu vermeiden wie ein Bagatellisieren und Herunterspielen der Probleme.
Kann man eine Essstörung vollständig heilen? Oder begleitet sie einen, ähnlich wie andere Suchterkrankungen, ein Leben lang?
Bis zu zwei Drittel der Betroffenen können nach zehn Jahren oder mehr als genesen gelten. Allerdings besteht auch langfristig ein gewisses Rückfallrisiko. Die genetische Disposition bleibt bestehen und kann dazu führen, dass die Essstörung unter besonders ungünstigen Umständen erneut zum Vorschein kommt. Im besten Fall verfügen Betroffene nach einer Therapie über Strategien, die ihnen helfen können, aufkeimende Essstörungssymptome frühzeitig wieder einzudämmen oder sich rechtzeitig Hilfe und Unterstützung zu holen.
Welche Rolle spielen Eltern als Vorbild, was (gesundes) Essen betrifft?
Zunächst einmal ist es wichtig, sich klar zu machen, dass „gesundes Essen“ in der Therapie von Essstörungen etwas anderes bedeutet als gemeinhin angenommen. Es geht gerade nicht darum, bestimmte Lebensmittel grundsätzlich als „ungesund“ zu verdammen oder zu vermeiden, sondern um ein regelmäßiges, ausgewogenes Essverhalten, das auf die gesamte Palette der Nahrungsmittel zurückgreift und keine verbotenen Lebensmittel kennt. Auch Süßigkeiten, Fast Food oder Fertigprodukte dürfen und sollen Teil des Speiseplans sein, es geht hier lediglich um das richtige Maß. Hilfreich ist es, wenn die Eltern den Fokus nicht auf Kalorien oder Inhaltsstoffe der Nahrung richten, sondern das sinnliche Erlebnis und die Freude am sozialen Beisammensein während des Essens betonen, wenn die Gespräche möglichst nicht ums Essen kreisen, sondern andere Themen berühren und die Eltern einen entspannten und unkomplizierten Umgang mit Essen vorleben.

Wie gehe ich als Mutter, die selbstkritisch vor dem Spiegel oder auf der Waage steht und auf eine schlanke Figur achtet, mit meiner Vorbildfunktion um?
Die Sorge um die eigene Figur oder die Frage, ob ich schlank genug bin, treibt auch viele Frauen um, die nicht an einer Essstörung leiden. Hier wissen wir aus der Forschung zum Beobachtungslernen, dass ein sogenanntes Coping-Modell die beste Wirkung zeigt, also ein Vorbild, das die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die einem erfolgreichen Umgang mit der Situation im Wege stehen, durchaus erkennen lässt, sich davon aber nicht entmutigen lässt, sondern sich der Herausforderung trotzdem erfolgreich stellt. Für selbstkritische Mütter bedeutet dies, sich aktiv mit den eigenen Selbstabwertungen auseinanderzusetzen, andere Selbstwertquellen zu erschließen, liebevoll, mitfühlend oder auch humorvoll mit den eigenen Schwachstellen umzugehen und dem Kind einen konstruktiven Umgang mit den Herausforderungen des gesellschaftlichen Schönheitsideals vorzuleben. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Es könnte sich aber lohnen.
Werden Kinder essgestörter Mütter häufiger essgestört?
Ja, es gibt, wie bereits erwähnt, einen erblichen Faktor. Das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, ist erblich bedingt, wobei es nicht die mütterliche Linie sein muss, über die diese Disposition weitergegeben wird. Leidet die Mutter an einer Essstörung, kommt zum Risiko der Vererbung auch noch das Lernen am Modell hinzu, insbesondere, wenn die Essstörung noch immer ausgeprägt ist. Mütter, die gelernt haben, mit ihrer Essstörung umzugehen, können ihren Kindern aber auch ein stärkendes, positives Vorbild im Umgang mit Ängsten oder Selbstzweifeln sein.
Wie können wir Kindern ein entspanntes und normales Verhältnis zum Essen vermitteln? Wie macht Essen wieder Spaß?
Indem Essen eher nebenbei geschieht in einer insgesamt freundlichen, fröhlichen Atmosphäre und mit Gesprächen, die sich nicht ums Essen drehen. Ist ein Kind erst einmal an einer Essstörung erkrankt, genügt das jedoch nicht mehr. Dann braucht es professionelle Hilfe, um wieder regelmäßig, ausgewogen und selbstfürsorglich essen zu lernen.
Die bekanntesten Esstörungen und ihre Definitionen
Anorexia nervosa (Magersucht):
Eine psychische Störung, bei der Betroffene ihr Körpergewicht durch stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme, exzessiven Sport oder andere kompensatorische Maßnahmen (z. B. Erbrechen, Abführmittel) krankhaft niedrig halten wollen trotz bereits bestehenden Untergewichts. Häufig verbunden mit einer verzerrten Körperwahrnehmung und starker Angst vor Gewichtszunahme.
Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht):
Gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle mit anschließendem Erbrechen, Fasten oder Missbrauch von Abführmitteln, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Das Körpergewicht liegt meist im Normalbereich. Die Betroffenen leiden häufig unter Scham und Kontrollverlust während der Anfälle.
Binge Eating:
Regelmäßige unkontrollierbare Essanfälle, bei denen große Mengen Nahrung in kurzer Zeit aufgenommen werden. Anders als bei der Bulimie unterbleibt anschließendes Erbrechen oder andere Maßnahmen zur Gewichtskontrolle. Führt häufig zu Übergewicht und ist mit einem hohen Maß an psychischem Leid verbunden.
Orthorexie (Fixierung auf gesunde Kost):
Die zwanghafte Fixierung auf „gesundes Essen“ beinhaltet auch, dass immer mehr Lebensmittel vermieden werden. Sie kann zu Mangelernährung, sozialem Rückzug und erheblichem Stress führen.

Dr. Karin Lachenmeir
leitet seit 2008 das TCE –Therapie-Centrum für Essstörungen im Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg. Sie ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Schwerpunkt ihrer klinischen Tätigkeit ist die Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an einer klassischen Essstörung leiden. Neben der Gruppen- und Einzeltherapie engagiert sie sich vor allem im Bereich der Angehörigenarbeit und der Prävention von Essstörungen. Mit ihrem Mann lebt sie in München und Regensburg.
Weitere Infos unter tce-dritter-orden.de
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