Julia Hagen Cello

Julia Hagen: “Man lernt beim Musikmachen so viel fürs Leben!”

Erziehung, Familie, Freizeit

Die Cellistin Julia Hagen überzeugt auf internationalen Bühnen. Wir wollten von ihr wissen, wie man Kinder für Musik begeistern kann, warum das gemeinsame Musikmachen fürs Leben prägt und wie viel Disziplin man als Profimusikerin braucht.

Julia Hagen gehört zu den aufstrebenden jungen Stars der klassischen Musikszene. Sie hat bereits mehrere Auszeichnungen bekommen und spielte unter anderem Konzerte mit dem Chamber Orchestra of Europe, dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Prague Radio Symphony Orchestra oder dem Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks.

Liebe Frau Hagen woher kommt Ihre Liebe zur Musik?

Julia Hagen: Mein Papa ist Musiker, meine Mama ist Musikerin und ich denke ich habe schon als Baby im Bauch Musik gehört. Musik war immer da, war immer etwas Selbstverständliches und ich habe das, weil ich es kenne, auch nie wirklich hinterfragt. Musik ist ein Teil von meinem Leben. Ich habe noch drei Geschwister, zwei davon sind älter, sie haben ebenfalls ein Instrument gespielt. Und es gibt ein Foto, auf dem ich als Kleinkind auf einer Decke liege und nur zuschaue, wie die anderen Musik machen. Ich weiß noch, dass mir irgendwann das Zuschauen nicht mehr gereicht hat und ich aktiv mitmachen wollte. Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Es würde mich total unruhig machen, wenn in meinem Leben keine Musik wäre, denn sie ist von Anfang an ein natürlicher Teil  meines Lebens gewesen.

Julia Hagen Cello
Julia Hagen spielt Cello seit sie vier Jahre alt ist. “Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen.”

Sie sind also in einem klassischen Musikerhaushalt groß geworden…

Ja, mein Papa gründete ein sehr berühmtes Quartett, das „Hagen Quartett“, und war mit seinen Musikerkollegen viel unterwegs auf Konzertreisen. Er hat mir das vorgelebt, was ich jetzt auf andere Art und Weise mache: er war im Quartett unterwegs, ich eher solistisch. Aber daher kenne ich das schon, dass geprobt wird, dann ist man auf Reisen …. Ich durfte auch schon früh die Konzerte meines Vaters besuchen, was ich immer schön fand. Ich habe damals ja noch nicht wirklich viel von Musik verstanden oder wie das alles abläuft. Ich bin einfach immer mitgegangen, um meinen Papa auf der Bühne zu sehen. Aber schon als Kind spürt man, dass das irgendwie aufregend ist und im Konzertsaal eine besondere Stimmung herrscht. Jetzt als Erwachsene denke ich oft an diese Momente und den besonderen Zauber zurück.

Meinen Sie das Phänomen, wenn man bei manchen Stücken Gänsehaut bekommt?

Nein, ich dachte eher an die Stimmung, bevor das Konzert losgeht. Es herrscht dann schon eine gewisse Aufregung und Erwartung im Publikum. Das ist es, was man spürt. Heute als Erwachsene vielleicht nicht mehr so ungefiltert, aber als Kind habe ich das sehr intensiv erlebt. Wenn man dann später Gänsehaut bekommt im Konzert… Das ist sowieso das Schönste! Oder wenn man merkt ein ganzer Saal ist gemeinsam berührt. Das ist einzigartig und verliert auch mit den Jahren nicht an Kraft.

Spüren Sie das auch zuhause, wenn Sie ein Stück einüben?

Manchmal. Aber in der Regel ist das Gefühl schon stärker, wenn ich im Konzertsaal bin. Man ist bei den anderen, muss sich aber selbst auch öffnen, damit die anderen einen spüren und leben können beim gemeinsamen Musikmachen … Das löst extrem viel in einem aus! Und dann entstehen auch diese Zaubermomente, wenn man sich in eine bestimmte Stimmung bringt im Konzert und im Zusammenspiel.

Prägt das Zusammenspielen in der Musik auch fürs Leben? Was würden Sie sagen?

Ja, unbedingt. Das ist ein ganz entscheidender Punkt! Deswegen finde ich es so wichtig, dass Kinder einen Zugang zu einem Instrument oder Chor bekommen, denn man lernt dabei so viel übers Zuhören und über das Miteinander. Ich habe in der Schule im Chor gesungen und im Orchester gespielt. Dabei muss man auf die anderen achten, man muss zuhören, man muss sich gegenseitig abstimmen und schauen, dass man als Gruppe funktioniert. Es geht gar nicht darum, dass Kinder unbedingt ein Instrument lernen, um Musik später zum Job zu machen. Man lernt beim Musikmachen so viel fürs Leben, über Empathie und vor allem: Einfach einmal Zuhören! Das ist wahnsinnig wichtig und darum hoffe ich, dass ganz viele Kinder ein Instrument lernen und Musik machen können.

Julia Hagen Cello
“Man lernt beim Musikmachen so viel fürs Leben.”

Wie kamen Sie zu Ihrem Instrument, dem Cello?

Mein Papa ist Cellist und meine beiden anderen Geschwister haben schon Klavier und Geige gespielt. Ich wollte unbedingt auch ein Instrument lernen und das Cello war mir von Anfang an sympathisch. Ich hatte einen sehr kindlichen Zugang, ich war ungefähr vier oder fünf Jahre alt, als ich damit angefangen habe und dachte: Das ist ja toll, man kann beim Spielen sitzen, man kann das Cello umarmen. Außerdem habe ich mich oft im Cellokasten von meinem Papa versteckt. Das fand ich immer super, dass er mich gesucht und nicht mehr gefunden hat. Und ich fand den Klang des Cellos toll, der hat mich immer schon angezogen. Es war also eine Mischung aus Faszination und Klang, die mich für das Cello begeistert hat.

Haben Ihre Eltern Sie ein wenig in die Richtung gebracht oder durften Sie das selbst wählen?

Das durfte ich selbst wählen. Meine Eltern wollten zwar, dass alle meine Geschwister ein Instrument lernen – das haben auch alle gemacht – sie wollten aber eigentlich nicht, dass wir das zum Beruf machen. Denn es gibt einige Fälle in Musikerfamilien wo es richtig schiefgeht, wenn die Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten. Es kann passieren, dass man nicht an das Niveau der Eltern herankommt. Meine Geschwister machen auch tatsächlich alle etwas anderes. Mir aber hat es Spaß gemacht und es war mir eigentlich relativ früh klar, also schon mit 12 Jahren, dass ich einfach immer Cello spielen will und nichts anderes, weil mir das so viel gibt, dass ich mein Leben damit verbringen möchte. Als meine Eltern gemerkt haben, es geht gut und sie müssen sich keine Sorgen machen, dass ich auf die Nase falle, waren sie auch glücklich darüber. Aber eigentlich wollten sie nur, dass wir ein Instrument zum Spaß lernen.

Wie lange spielen Sie jetzt schon Cello?

Also mit 4 oder 5 Jahren habe ich angefangen und hatte mit 12 Jahren einen Lehrer, dessen Leidenschaft sehr ansteckend war … ! Jetzt bin ich 30 und spiele seit 25 Jahren Cello. Also kenne ich mein Leben nur mit Cello.

Nehmen Sie sich auch Pausen?

Ja, dadurch, dass ich schon so viel Zeit mit Cello verbracht habe, finde ich es extrem wichtig, dass ich auch einmal Zeit ohne Instrument verbringe. Im Sommer war ich im Urlaub und habe das Cello nicht angerührt. Es ist wichtig, dass man die Energie auflädt und voller Freude ans Instrument geht. Man muss sich auch Zeiten ohne Instrument geben und gönnen.

Julia Hagen

Gibt es einen Komponisten, den Sie bevorzugen?

Ich habe tatsächlich mehrere Lieblinge, denn es gibt viele Werke und Stücke, die mich berühren. Und es wechselt auch immer wieder. Es gibt Stücke, die sind Dauerbrenner, aber es gibt auch Phasen, wie zum Beispiel die Mendelsohn-Phase, dann die Dvořák-Phase, dann wieder die Schubert-Phase … Die haben alle so unfassbar berührende Musik geschrieben, da kann ich mich nicht für einen allein entscheiden.

Spielen Sie auch Werke moderner Komponisten? Oft muss man sich da ja erst einmal rantasten…

Ja, ich spiele auch sehr gerne moderne Komponisten. Klar, wenn ich romantische oder klassische Werke spiele, habe ich schnell einen Zugang weil es mir vertraut ist, weil man es auch emotional schnell versteht. Bei moderner Musik ist es so, dass ich am Anfang nur Noten auf dem Papier sehe. Oft ist es auch sehr kompliziert, bis ich das entziffert habe und auf dem Cello spielen kann. Das dauert etwas länger. Wenn ich aber an einen Punkt komme, dass es Emotionen bei mir auslöst, dass ich weiß, was der Komponist damit sagen will und ich das auch ausdrücken kann, dann ist das ein tolles Gefühl! Wenn man diese Art der Sprache versteht und es schafft, das rüberzubringen! Aber es braucht auch vom Publikum Offenheit, denn man wird auch als Zuhörer gefordert.  

Mussten Sie eigentlich als Kind viel Zeit mit Üben verbringen?

Es ging. Ich hatte das Glück, dass es mir sehr leicht fiel. Mein größtes Glück aber war, dass ich phantastische Lehrer hatte. Ich denke, ein guter Lehrer kann dich auf ein ganz anderes Level bringen, egal ob im Musikunterricht oder in der Schule … Ich glaube, ich habe immer dem Alter angemessen geübt. Mit 12 Jahren waren das vielleicht eineinhalb Stunden pro Tag, mit 14 vielleicht zweieinhalb Stunden und mit 16 dann etwa dreieinhalb Stunden. Als ich dann studiert habe, habe ich so zwischen vier und fünf Stunden pro Tag geübt.

Das machen Sie heute auch noch, dass Sie vier bis fünf Stunden pro Tag üben?

Ich bin jetzt viel auf Reisen und da ist es gar nicht so leicht die Zeit zu finden. Ich muss mir das gut einteilen, was ich wann übe. Das heißt, ich bereite mich schon vor den Konzerten gut vor, damit ich dann auf Tour nicht mehr so viel Zeit zum Üben benötige.

Hat man als Streicher immer wunde Finger oder eine Hornhaut? Wie ist das?

(lacht) Ja das stimmt, da hat man die berühmte Hornhaut. Als ich als Kind angefangen habe Cello zu spielen, habe ich mir oft gedacht: Oh, das ist ja gar nicht so angenehm hier immer die Saite runterzudrücken. Dann gibt es auch eine Technik, die nennt sich die Daumenlage. Wenn man also mit der linken Hand bei den Saiten weiter nach oben geht, setzt man irgendwann auch den Daumen auf die Saite. Das nennt man Daumenlage. Dabei kommt man an eine ganz empfindliche Stelle am Finger und das tut am Anfang richtig weh – bis sich eben diese Hornhaut bildet. Bei mir fühlen sich die rechte und die linke Hand ganz unterschiedlich an, denn an der linken Hand habe ich Hornhaut und an der rechten nicht, nur ein wenig am Daumen wo ich den Bogen halte.

Gibt es Sportarten, die Sie nicht machen dürfen als Cellistin, weil das Risiko zu groß ist sich zu verletzen?

Ich hatte einmal in einem Vertrag stehen, dass ich drei Wochen vor dem Konzert nicht Skifahren gehen darf. Ich habe mich gefragt, wie die das kontrollieren wollen. Ich bin ein Verfechter davon, dass man das machen sollte, worauf man Lust hat und ich gehe sehr wohl Skifahren. Ich kenne aber auch viele Musiker, die das nicht machen, weil es ihnen zu gefährlich ist. Aber so gesehen könnte ich auch nicht zuhause kochen, denn dabei besteht auch die Gefahr mir in den Finger zu schneiden. Klar kann man Risiken minimieren und gut aufpassen, aber ich möchte mich eigentlich nicht so einschränken lassen.

Julia Hagen
Julia Hagen ist beim “Festival der Nationen” in Bad Wörishofen im Konzert “Bella Italia” zu sehen und zu hören.

Was würden Sie Eltern raten: Wie führt man Kinder an ein Instrument heran?

Ohne Druck. Einfach zeigen, dass es extrem schön ist, wenn man mit einem Instrument verschiedene Klänge und Töne erzeugen kann. Und versuchen, die Neugierde zu wecken. Ich finde es auch wichtig, dass der Unterricht kindgerecht aufgebaut ist. Mit einem Kind muss man ganz anders arbeiten und alles sehr spielerisch gestalten. Kinder können sich noch nicht so lange konzentrieren und darum ist es wichtig, dass der Unterricht abwechslungsreich ist. Letztlich hängt schon viel von den Lehrern ab, ob ein Kind sich für ein Instrument begeistern lässt. Eltern können eigentlich nur dafür sorgen, Begegnungen mit Musik und mit Instrumenten zu schaffen.
Ich war neulich an einer Schule und habe festgestellt: viele Kinder kennen gar keine Instrumente, haben nie etwas von Streichinstrumenten oder anderen gehört. Das ist die Aufgabe der Eltern: Begegnungen zu schaffen und zu zeigen, was es gibt.

Geben Sie auch selbst Unterricht?

Ich freue mich total, denn ich hatte mir immer gedacht, ich würde gern unterrichten. Denn, wie ich schon sagte: Ich hatte phantastische Lehrer und ich finde das ist ein unglaublich toller Beruf… Mir ist die Verantwortung bewusst, egal ob man Kinder oder Studenten unterrichtet. Kurz: Ab Oktober darf ich an der Universität in Wien, an der MDW selbst unterrichten. Ich freue mich riesig darauf, denn da habe ich auch studiert und darf jetzt die Bachelor- und Masterstudenten unterrichten. Es fühlt sich noch ganz surreal an, dass ich damit ein neues Kapitel auch für mich beginne. Und ich werde dabei selbst noch viel lernen, denn wenn man unterrichtet, kann man immer noch etwas dazu lernen. Darauf freue ich mich.

Liebe Frau Hagen, vielen Dank für das Gespräch.

Das Festival der Nationen in Bad Wörishofen

Wer Julia Hagen live erleben will, hat dazu beim “Festival der Nationen” in Bad Wörishofen Gelegenheit. Dort wird die Cellistin zusammen mit Lukas Sternath (Klavier) Giovanni Guzzo (Violine & Künstlerische Leitung) und der Camerata Salzburg Werke von Vivaldi, Puccini und Mozart spielen. Das Konzert unter dem Titel “Bella Italia” findet am 2. Oktober 2025 im Kurhaus Bad Wörishofen statt.

Das Festival der Nationen bietet auch für Kinder und junge Musikbegeisterte viele Möglichkeiten. Am Montag den 29. September gibt es ein spezielles Konzert für Kinder: “Classic for Kids”. Dies findet von 10.30 – 11.30 Uhr im Kurhaus statt. Für den Intendanten des Festivals der Nationen, Winfried Roch, ist die Kinder- und Jugendarbeit in diesem Rahmen ein besonderes Anliegen: “Durch das herausragende Kulturengagement unserer ‘Festivalfamilie’ konnte das Festival der Nationen anlässlich des 30-jährigen Jubiläums das 30.000ste Kind begrüßen. Die große Nachfrage motiviert uns, auch weiterhin kulturelle Bildung an die nächste Generation zu vermitteln sowie mit dem Live-Erlebnis Kindern und Jugendlichen besondere Entdeckungen zu ermöglichen.”

Denn auch in diesem Jahr gibt es wieder ein Bildungsprogramm für Kinder, das einen niederschwelligen Zugang zu klassischer Musik ermöglichen soll. So kann man nicht nur viel Musik hören, sondern auch mit einem Musiker eine Generalprobe erleben oder verschiedene Instrumente kennen lernen – und natürlich auch ausprobieren.

Das Festival der Nationen findet vom 26. September bis 5. Oktober in 2025 Bad Wörishofen statt. Mehr Informationen und ein genaues Programm gibt es hier.

Bildquelle: Julia Hagen