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Naturnahes Spielplatz-Design: Was Kinder sich wünschen und was sie fördert

Eltern, Familie, Freizeit, Kindergarten, Schule

Wie muss ein guter Spielplatz aussehen? Was wünschen sich Kinder? Und warum ist Spielen die beste Prävention gegen Burn-out? Die Gestaltung von Spielplätzen und -räumen ist zu Bernhard Hanels Lebensthema geworden. Wir haben mit dem Spielplatz-Designer über kindgerechte Stadtplanung, zugepflasterte Schulhöfe und die heilende Wirkung des Spielens gesprochen.

Lieber Herr Hanel, vor 28 Jahren haben Sie begonnen, Spielplätze vor allem aus unbehandeltem Holz und rohem Stein zu bauen. Seinerzeit war das neu. Wie kamen Sie auf die Idee?

Bernhard Hanel: Ein Freund und ich – wir kamen beide von der Malerei und Kunst, hatten unser Studium gerade beendet und hielten uns mit diversen Jobs über Wasser – waren vom Baubürgermeister der Gemeinde Metzingen gefragt worden, ob wir nicht einen innenstädtischen Schulhof so gestalten könnten, dass Spiel, Bewegung und Begegnung dort aufeinander treffen. Wir waren keine Architekten, hatten keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet, aber die Aufgabe fanden wir spannend, weil sie mit Gestaltung und Raumgestaltung zu tun hatte. Und haben völlig dilettantisch einfach losgelegt. Ich glaube, in diesem Dilettantismus lag auch der Charme der Sache. Wir haben Dinge gemacht, die kein Mensch vor uns gemacht hat, tonnenschwere Steine dort hingewuchtet zum Beispiel. Wir wollten Kindern nicht nur Spielerlebnisse, sondern auch Sinneserfahrungen bieten, ein Gefühl für das Haptische vermitteln. Deshalb die naturbelassenen Materialien. Für den direkten Kontakt ist ein unbehandeltes Holz einfach viel schöner als ein hochdruckimprägniertes, das danach auf dem Sondermüll landet. Wir arbeiten auch viel mit Stein, am liebsten mit Granit, weil die Begegnung mit diesem harten Urgestein eben auch eine unglaublich tolle Sinneserfahrung ist. 

Wie entstehen Ihre Entwürfe, woher kommen die Ideen für die Spielräume?

Das Wichtigste ist: Wir versuchen, jeden Ort individuell zu gestalten. Wir werden nie einen Katalog haben mit Spielhaus XY und Schaukel ZX. Sondern fragen uns immer: Was will der Ort, was wollen seine Nutzerinnen und Nutzer? Kindergärten benötigen ja andere Lösungen als Schulen, und therapeutische Außenräume müssen wieder andere Bedürfnisse erfüllen. Räume für Kinder sollten deshalb immer individuell sein, und wenn es irgend geht, sollte man die Kinder an der Planung beteiligen. Und sie und ihre Wünsche ernst nehmen. 

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Große Steine und Klettermöglichkeiten gibt es im Parc de Milan in Lausanne, Schweiz

Wie kann man sich eine solche Beteiligung der Kinder vorstellen?

Um einen Schulhof zu gestalten, gehen wir mit drei bis vier Personen eine Woche lang in die Schule, sind dort in der Aula präsent, machen Workshops mit den Klassen, aber die Kinder können uns auch während der Pause oder nach der Schule ansprechen. Nach zwei, drei Tagen ist ein Vertrauen da und dann wird es spannend, dann kommen auch die leisen Kinder, die stillen, und erzählen.

Und welche Wünsche äußern die Kinder bei Ihnen?

Wenn man nur kurz fragt, was wollt ihr auf dem Schulhof, dann nennen sie das, was sie kennen. Man muss sie erst mal von diesen vorgefertigten Vorstellungen freimachen und ihnen sagen, es geht auch anders, wünscht euch das, was ihr wirklich wollt. An Grundschulen läuft es immer darauf hinaus: Die Kinder wollen Tiere und ganz viel Natur. Das ist irre: Es geht um einen Schulhof, aber die Kinder beschreiben einen Lebensraum. Im Innersten will jedes Kind eigentlich in Bullerbü aufwachsen und nicht in einer großen Stadt mit zugepflastertem Schulhof. Klar, unsere Kinder machen das alles mit, weil sie keine andere Möglichkeit haben, aber wenn man an ihre Urbedürfnisse rankommt, dann erzählen sie einem genau das.

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Die Kletterschnecke wurde für die Landesgartenschau in Würzburg entworfen.

Welches Feedback bekommen Sie von den Schulen? Hat eine neue Pausenhofgestaltung spürbare Wirkungen?

Absolut. Eine Grund- und Hauptschule in Ravensburg beispielsweise hatte eine ganz schwierige Pausenhofsituation, es gab immer Krach, immer Schwierigkeiten, die Beaufsichtigung der Schüler war eine enorme Herausforderung für die Lehrer. Der Pausenhof war komplett zugepflastert, es gab ein paar Bänke, sonst nichts – so wie an unzähligen andern Schulen. Und da haben wir eine riesige Kletterlandschaft gemacht, auch mit Steinen, echt herausfordernd. Viele warnten damals, das geht schief, die hauen sich gegenseitig die Birne ein und fallen runter. Das Gegenteil war der Fall. Die Pausen wurden viel ruhiger und angenehmer, die Kinder sind sehr gern rausgegangen. Das ist ja auch nur folgerichtig, wenn Kinder die Orte finden, die sie brauchen.

Was zeichnet einen guten Schulhof für Sie aus?

Für viele Kinder ist der Unterricht der totale Stress, weil sie immer präsent sein und stillsitzen müssen. Deswegen sind Rückzugsorte ganz wichtig, wo sie sich mal dem Trubel entziehen und allein oder mit nur wenigen andere Kindern sein können, kleine Häuschen, Höhlen, abgeschirmte Hecken und Ecken, so was. Viele Kinder brauchen aber auch Bewegung, um Stress und Spannung abzubauen, sie müssen sich auspowern können: Klettergerüste, Seilgärten, Balancierstangen, Rutschen. Deshalb muss es auch Möglichkeiten zum Toben geben, die die Kinder körperlich herausfordern. Wenn man Orte schafft, wo jedes Kind seinen Platz findet, ist klar, dass es anders zugeht. Das Pausenverhalten ist dann viel besser, und das wirkt auch positiv auf die Unterrichtssituation zurück.

Eigentlich können Kinder ja überall und mit allem spielen. Aber in unseren Städten ist das nicht möglich, da kann man als Eltern nicht einfach sagen: Geht raus auf die Straße zum Spielen. Denn es ist nicht sicher für Kinder dort.

Ja, leider. Da fühle auch ich mich als Spielplatzgestalter in einem Zweispalt. Weil ich selber finde, Spielplätze sind eigentlich eine Bankrotterklärung unserer Zeit. Dass man Orte gestalten muss und Kindern dann sagt, da geht ihr jetzt spielen. Dabei sollten Kinder einfach rausgehen können und spielen und ihren Wirkungskreis stetig selbst erweitern. Aber all das findet nicht mehr statt. Kinder sind zu Hause und werden dann zur Kita, zur Schule, zum Park, zum Sportplatz, zum Schwimmbad oder zum Spielplatz gefahren. Wir haben lauter Inseln geschaffen anstatt eines zusammenhängenden Ortes für das spielerische Lernen.

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Naturnahe Materialien sorgen für haptische Erlebnisse auf dem Spielplatz.

Arbeiten Sie mit Stadtplanern zusammen? Ich stelle mir vor, dass Sie viele Ideen für eine kindgerechte Stadtgestaltung haben …

Tatsächlich kommt dieses Thema in jüngster Zeit extrem auf mich zu. Ich bin dieses Jahr auf etliche Konferenzen dazu eingeladen. Es gibt da einige gute Initiativen, Gemeinden können sich beispielsweise als „kinderfreundliche Kommune“ zertifizieren lassen, aber es ist immer noch viel zu wenig. Um eine Stadt aus Kinderaugen zu planen, muss man als Erwachsener einen Perspektivwechsel machen – das sollten Erwachsene eigentlich immer mal tun, sich vergegenwärtigen, wie man als Kind empfunden hat. Wie meinte Albert Einstein so schön? Dass er seine tollen Ideen nur hatte, weil er immer Kind geblieben ist, neugierig, suchend, offen für alles. Es ist wahnsinnig wichtig, dass wir in Zukunft diese Perspektive mitdenken. In der Stadtplanung der 70er- und 80er-Jahre, die rein auf Logistik und Auto abgestellt war, wurde die Kinderperspektive ja gar nicht mitgedacht, Kinderaugenhöhe kam in der Planung nicht vor. Einige Städte, allen voran in Skandinavien, aber auch Wien oder Paris, machen vor, wie es anders gehen kann. Denken Sie nur daran, dass die Riesenmetropole Paris gerade mit Volksentscheid beschlossen hat, weitere 500 Straßen für den Autoverkehr zu sperren! Es gibt also viele Ansätze, Städte kinder- und damit spielfreundlicher zu machen. Das ist aber alles noch sehr am Anfang.

Warum ist das Spielen so wichtig?

Kinder begreifen die Welt und erlangen Weltvertrauen zuallererst im Spiel, durch Ausprobieren, Experimentieren, Gestalten, ohne Vorgaben, im eigenen Tempo und indem sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Für eine gesunde Entwicklung müssen Kinder spielen. Was passiert, wenn sie es nicht in ausreichendem Maße tun, haben wir etwa bei einem Projekt in Hanoi erlebt. Das Problem: Die Kinder, die dort in die Schule kamen, waren auffallend schwer zu unterrichten. Die einen waren zu hibbelig, die anderen zu phlegmatisch. Alle hatten Schwierigkeiten und die Verantwortlichen haben sich gefragt, woran das liegt. Auf Einladung des Goethe-Instituts haben wir dort eine Straße gesperrt und einfach Material hingekarrt, nix Wertvolles, was es halt gab, Kartons, Autoreifen – und die Kinder haben gespielt wie verrückt! Und die Menschen waren völlig erstaunt, das kannten sie nicht. Uns wurde klar: In vielen Ländern werden Kinder ab zwei Jahren von morgens bis abends in Kindereinrichtungen betreut und unterrichtet, bekommen da intellektuellen Input, werden in Zeitfenster eingetaktet – mit der Folge, dass die Kinder in Hanoi schon vor der Einschulung einen Burn-out hatten. Diese Erkrankung tritt tatsächlich auch schon im Kindesalter auf, leider auch hierzulande, der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort hat das sehr gut beschrieben. Spielen ist so gesehen auch eine Burn-out-Prävention.

Ist Spielen Ihrer Erfahrung nach auch eine Form von Traumaarbeit? Sie sind ja bekannt für Ihr humanitäres Engagement, gehen in Konflikt- und Krisengebiete und bauen dort Spielplätze. 

In gewisser Weise schon. Kinder, die extreme Situationen durchlebt haben, sind oft hoch traumatisiert. Natürlich brauchen sie zuallererst Essen und eine medizinische Versorgung. Aber gleich danach brauchen sie das Spiel. Spielen ist die einzige Möglichkeit, wo sie wieder Kind sein dürfen und Weltvertrauen aufbauen können. Wir haben mit Kindern gearbeitet, die direkt aus dem Krieg kamen, etwa in Syrien. Die machen total zu – wenn sie zwei Meter vor einem sitzen, ist keine Begegnung möglich. Weil sie so viel erlebt haben, was für ein Kind nicht zu verarbeiten ist. Man muss ihnen einen geschützten Raum geben und weggehen, dann fangen sie an etwas zu bauen oder zu schaukeln, und dann kommt das Lächeln wieder zurück. Das ist unglaublich berührend und mein größter Ansporn.

Mit Ihrem gemeinnützigen Verein KuKuk Kultur gestalten Sie Spielplätze auf der ganzen Welt. Was ist Ihre Erfahrung: Spielen Kinder in anderen Ländern anders?

Nein, egal ob im Roma-Slum in Mazedonien oder im Tuberkulosekrankenhaus in Moldawien oder im Lepra-Dorf in Nepal oder im Slum in Addis Abeba: Die Kinder spielen überall gleich, es gibt gar keinen Unterschied. Natürlich ist jedes Kind anders, das eine ist aufbrausend, das andere stiller, aber die ganze Geste, über das Spielen zu lernen und sich die Welt zu ertasten und zu erobern, auch der Umgang mit anderen Kindern, also die soziale Kompetenz, ist immer die gleiche. Deshalb werden in einem dafür geeigneten Raum immer alle Kinder miteinander spielen, egal woher sie kommen, auch die Sprache ist hier kein Thema.

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Kunstinstallation auf dem World Child Forum Davos 2024

Was hat es mit dem von Ihnen entwickelten Spielcontainer, der KuKuk-Box, auf sich?

Der Spielcontainer eignet sich hervorragend zur schnellen Krisenintervention. Er kann hier fertig ausgestattet und für den Notfall bereitgehalten werden. Der internationale Transport ist dann kein Problem, denn der Container ist global standardisiert, noch im letzten Winkel der Welt ist man mit seinem Handling vertraut. Außerdem hat er eine super Statik, und das zu einem sehr günstigen Preis. Auch die Klimatisierung stimmt – selbst in heißen Ländern bleibt es drinnen aufgrund von Verschattung und Luftzug kühl. Und auf diesem kleinen Fleck kann man erstaunlich gut einen enormen Spielwert erzeugen: Schaukeln oder Kletterseile im Innern anbringen, Rutschen vom Dach, Boulderwände an den Außenseiten … Sobald der Container vor Ort aufgestellt und ausgeklappt ist, können Kinder dort spielen. Ursprünglich hab ich ihn vor 15 Jahren im Auftrag der Schweizer Caritas für Spielorte im Gazasteifen entwickelt. Verrückterweise wird er jetzt hierzulande gewollt, in Wolfsburg stehen 20 von den Dingern rum, so war es gar nicht gedacht. 

Zuletzt haben Sie sich einen Namen als Mitgründer des World Child Forum in Davos gemacht. Wie ist es dazu gekommen?

Der Auslöser war wohl das Buch „The Great Reset“ von Klaus Schwab, dem Begründer des World Economic Forum (WEF) bzw. Weltwirtschaftsforums. Ich finde es großartig, dass er es vor 50 Jahren geschafft hat, Vertreter von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft an einem Ort zu versammeln und in Dialog zu bringen, um den Zustand der Welt zu verbessern. Aber der vom WEF propagierte „große Neustart“ funktioniert für mich so nicht. Ich komme nicht klar damit, dass dieses Forum, das nach eigenem Verständnis der Thinktank ist, der die Zukunft gestaltet, zu 80 Prozent mit Männern über 60 besetzt ist, Frauen sind kaum dabei, Kinder und Jugendliche werden gar nicht einbezogen. Das war der Anstoß zur Idee, ein komplementäres Word Child Forum bzw. Weltkinderforum zu veranstalten, am gleichen Ort, in den gleichen Räumen, auf der gleichen Bühne. Wir bearbeiten dieselben Fragen wie das WEF, aber aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, und stellen dem WEF dann die Antworten, die wir finden, zur Verfügung. In dem jungen Bürgermeister von Davos habe ich einen engagierten Mitstreiter gefunden. Er wollte andere Bilder aus Davos in die Welt schicken, nicht nur militärische Abriegelung, sondern Lebendigkeit und Aufbruch. Und was ist dafür besser geeignet als Kinder, die so viel Neues in sich tragen, wenn wir sie denn lassen, wenn wir sie nicht viel zu früh in unsere Bahnen lenken.

Wie war die Resonanz?

Wir haben das jetzt zwei Jahre gemacht, es war beide Male großartig! Wir hatten Jugendliche aus Indien und Pakistan, Palästina und Israel, Tansania, dem Amazonasgebiet und vielen anderen Gegenden der Welt da und konnten zeigen, dass Begegnung gewollt und gewünscht ist, dass die Probleme bei uns Erwachsenen liegen, weil wir so derartig dämlich mit dieser Welt umgehen. Und letztes Jahr waren zwei vom WEF da und haben geguckt, was bei uns passiert. Es gibt also schon eine Verbindung zu dieser weltpolitischen Großveranstaltung, ein super Erfolg nach so kurzer Zeit!

Gibt es schon konkrete Pläne für dieses Jahr?

Für dieses Jahr mussten wir es leider absagen, weil wir es nicht finanziert bekommen. Ich hoffe, dass es 2026 wieder stattfinden kann. Wir sind ein Team von Ehrenamtlichen, und alle arbeiten bis zur Erschöpfung. Aber für eine solche Großveranstaltung Spenden einzuwerben ist viel schwieriger als das Fundraising für Spielplatzprojekte im Ausland, worin ich ja seit 20 Jahren Erfahrung habe. Ein Spielraum für Kinder aus Syrien ist fassbarer und leichter zu vermitteln als eine Veranstaltung. Man hat am Ende des Projekts ein greifbares Ergebnis. Aber ich gebe nicht auf. Es ist nach wie vor mein Ziel, einen Ort zu schaffen, der die Bedürfnisse, Wünsche und Fragen der Kinder auf die Weltbühne hebt. Bis auf die USA haben alle UN-Mitglieder die Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Aber diese Konvention ist ein zahnloser Tiger geblieben, Kinder haben keinerlei Repräsentanz. Mit einer Veranstaltung wie dem World Child Forum Davos könnte man die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit darauf lenken.

Spielplatz Architektur

Bernhard Hanel (geb. 1968) ist ein ehemaliger Waldorfschüler. Nach seinem Studium der Kulturgestaltung an der Freien Hochschule Metzingen begann er 1997 mit Robin Wagner, Spielräume zu gestalten. 2004 gründete er KuKuk Kultur e. V. für humanitäre Spielplatzprojekte, 2023 initiierte er das World Child Forum. Er lebt mit seiner Frau, den sechs Kindern und vielen Tieren auf einem alten Hof in der Nähe von Freiburg. 

Weitere Infos unter kukuk-kultur.de / world-child-forum.org

Bildquelle: Getty, KuKuk-Schweiz GmbH, KuKuk-Spielwerk/Mätsch Studio für Zusammenspiel; Franz Walter (1), privat