Liebe Frau Bildau, was war die Initialzündung für Sie, ein Buch über politische Bildung zu schreiben?
Sara Bildau: Das waren die klugen Fragen meiner Kinder, die in den letzten Monaten immer häufiger geworden sind und mich teils an meine emotionalen Grenzen gebracht haben. Da kamen aus dem Nichts Fragen von meiner Kleinen zum Beispiel: Mama, hat der Putin auch meine Adresse? Oder von meiner großen Tochter: Mama, kommt der Krieg auch zu uns?
Da musste ich wirklich kurz schlucken und es wurde mir klar: Ich muss besser auf diese Fragen reagieren können, denn es hat mir oft einfach die Sprache verschlagen. Ich wollte wissen, wie ich besser mit so einer Situation umgehen kann, wie erkläre ich die politische Weltlage meinen Kindern ohne ihnen noch mehr Angst zu machen. Darum habe ich das Buch geschrieben. In erster Linie also als Mutter, die auf Antwortsuche für sich selbst gegangen ist. Dafür habe ich meinen journalistischen Hintergrund genutzt und mich auf Recherche begeben.
Sie schreiben, dass Kinder ein verbrieftes Recht auf Informationen haben. Man nimmt das als gegeben hin, macht es sich aber gar nicht richtig bewusst im Alltag. Haben Sie das extra noch einmal recherchiert für das Buch oder war Ihnen persönlich das immer klar?
Sara Bildau: Durch meine Recherche habe ich tatsächlich erst festgestellt, dass es dieses Recht auf Information wirklich gibt. Es wurde mir auch klar, dass ich das nicht nur sage oder so empfinde, sondern dass es fest in der UN Kinderrechtskonvention verankert ist. Dadurch habe ich mich nur noch mehr bestätigt gefühlt.

Sprechen Sie zu Hause viel mit Ihren Kinder über Nachrichten und über das aktuelle Tagesgeschehen – vielleicht verstärkt, da ja auch ihr Mann Journalist ist?
Sara Bildau: Wir sind eine sehr kommunikative Familie, natürlich reden wir auch über unsere Arbeit. Aber man muss schon aufpassen, was man sagt. Wenn ich auch überzeugt davon bin, dass meine Kinder ein Recht auf Information haben, heißt das noch lange nicht, dass ich sie mit Informationen überfordern muss. Darum ist es mir ganz wichtig, dass wir in Anwesenheit der Kinder bestimmte Themen nicht so intensiv besprechen, wie wir das tun würden, wenn die Kinder nicht da sind.
Wie filtern Sie Nachrichten bei Ihren eigenen Kindern wenn es um Themen wie den Krieg in der Ukraine geht?
Sara Bildau: Ich mache schon einen großen Unterschied, ob ich mit meiner kleinen Tochter darüber spreche oder mit meiner großen. Das ist mir auch durch die Experten-Gespräche für mein Buch bewusst geworden. Psychologen empfehlen: Von 0-6 Jahren sollte man Kinder nicht aktiv mit solchen Themen konfrontieren. Wenn sie aber etwas aufschnappen oder wenn es zuhause ein älteres Geschwisterkind gibt, das solche Themen besprechen will, sollte man nicht ausweichen und sagen: Das ist noch nichts für dich. Das löst beim Kind ein ungutes Gefühl aus, weil Mama oder Papa scheinbar etwas verbergen wollten und macht die Sache direkt noch interessanter.
Also: Wenn das Kind Fragen hat, bitte unbedingt darauf reagieren. Ab der Grundschule sollte man das Gespräch auch aktiv suchen und einfach mal schauen, ob sich mein Kind mit solchen Themen beschäftigt. Es lässt sich ab einem bestimmten Alter auch gar nicht mehr vermeiden. Meine Tochter hatte in der Grundschule ein ukrainisches Mädchen als Mitschülerin und dadurch von Anfang an den Konflikt mitbekommen, auch weil das Mädchen traurig war und viel geweint hat. Da rede ich dann natürlich mit meiner Tochter darüber und erkläre ihr, was da gerade passiert.

Aber wo fängt man an, wo hört man besser auf?
Sara Bildau: Das Wichtigste ist dabei erst einmal herauszufinden, was die Frage hinter der Frage ist. Was interessiert mein Kind daran. Das heißt nicht, dass man fragt: Warum willst du das wissen? Das ist ein wichtiger Punkt, den ich von Psychologen gelernt habe: Kinder dürfen „Warum“ fragen, Eltern nicht. Denn das Warum klingt sofort vorwurfsvoll. Also erst einmal eine Gegenfrage stellen um herauszufinden, was ist die Frage hinter der Frage. Das verschafft mir etwas Zeit und ich checke dabei auch den Wissensstand. Denn wenn ich einfach darauf losplaudere, dann laufe ich Gefahr, dass ich dem Kind etwas erzähle, das es gar nicht wissen will oder das es total überfordert.
Ich taste mich also langsam heran mit Fragen wie: Was hat das Mädchen denn erzählt in der Klasse? Woher weißt du das denn? Was habt ihr in der Schule besprochen? Ich versuche herauszufinden, was meine Tochter weiß und was genau sie an dem Thema interessiert. Und meist ist es wirklich so, dass ein ganz persönlicher Bezug dahinter steht. In den allermeisten Fällen geht es darum zu fragen: Kann so etwas auch hier passieren?
Es steckt also Angst hinter den Fragen der Kinder?
Sara Bildau: Ja, oft ist es Angst. Das ist das Schwierige bei diesen Themen. Früher konnten wir unseren Kindern die Angst ganz schnell nehmen wenn es um einfach Dinge ging, wie vielleicht das Gespenst, das im Kleiderschrank sein könnte. Jetzt werden wir aber gefragt: Mama kommt der Krieg auch zu uns? Das ist eine Sorge, die ich auch habe, eine Angst, die tief in mir auch ist. Natürlich will und darf ich mein Kind nicht mit meiner eigenen Angst belasten, dafür ist es nicht der richtige Ansprechpartner. Trotzdem kann ich sehr wohl sagen, dass mir das auch Sorgen bereitet. Das merken die Kinder ja sowieso und gleichzeitig schafft das ein Verbundenheitsgefühl: “Du bist mit deinen Sorgen nicht allein.” Und wichtig: Seine Antwort auf eine Frage muss man beim Kind immer nachvollziehbar begründen. Wenn ich also als Elternteil sage, dass ich nicht glaube, dass der Krieg auch zu uns kommt, könnte ich zum Beispiel meinem Kind die Funktion der NATO erklären, nach dem Motto “Zusammen sind wir stark”.
Sie haben aktuell viel mit schlechten Nachrichten zu tun in Ihrem Job. Wie kann man dafür sorgen, dass man das negative Grundgefühl, das viele Menschen haben, nicht an die Kinder weitergibt?
Sara Bildau: In meiner Arbeit bin ich in meiner Journalistenblase, da kann ich auch gut mit schlechten Nachrichten umgehen. Mich erwischt es erst auf dem Heimweg, wenn ich mir überlege, was bedeutet das für meine Kinder, für meine Familie. Natürlich wird mir das auch manchmal einfach zu viel. Ich weiß jetzt nach der Arbeit an dem Buch auch: Wir Eltern müssen erst einmal selbst mit diesem Dauerkrisenmodus in dem wir uns befinden, klar kommen. Wir müssen stark bleiben, damit wir unsere Kinder zu starken Persönlichkeiten erziehen können.

Wie könnte das konkret gehen?
Sara Bildau: Das heißt zum einen, dass wir die Situation akzeptieren und nicht nur jammern und motzen, sondern schauen: Was können wir denn selbst machen? Wie können wir bei all diesen schlechten Nachrichten auf der Welt in unserem persönlichen Umfeld für positive Nachrichten sorgen. Es hilft nicht nur den Kindern, wenn wir ins Handeln kommen, es hilft auch uns selbst.
Haben Sie Tipps?
Sara Bildau: Es können schon Kleinigkeiten sein. Als der Ukrainekrieg los ging, bin ich mit meinen Kindern in ihr Zimmer gegangen und wir haben gemeinsam geguckt, was kann man an Spielzeug abgeben. Man kann einen Flohmarkt machen für einen guten Zweck, man kann auf Demonstrationen gehen… Alles ist hilfreich, wenn man das Gefühl hat, man tut etwas. Es gibt ja auch noch andere Themen, die einem Sorgen bereiten. Beim Thema Klimakrise kann ich zum Beispiel eigene Wege finden, um ein wenig zu erreichen. Als einzelne Person kann ich nicht die Welt retten, das ist klar. Aber es gibt schöne Aktionen, die auch im Kleinen viel bewirken. Damit kann man den Kindern das Gefühl geben: ich bin nicht hilflos. Das kann ich den Kindern vorleben.
Lesen Sie in Ihrer Freizeit viele Nachrichten?
Sara Bildau: In meinem Job gehört es dazu immer aktuell informiert zu bleiben. Das gilt natürlich auch für meine Freizeit. Ich habe aber gelernt mir in bestimmten Situationen Auszeiten zu nehmen. Das ist auch ein Kapitel in meinem Buch: Das Hirn in der Krise braucht eine Pause. Wir müssen eine Art Medienhygiene entwickeln. Jeder muss für sich herausfinden, wo der Stopppunkt ist und eine Grenze ziehen. 24-Stunden-Dauerbeschallung mit schlechten Nachrichten, Doomscrolling – das hält keiner aus und bringt vor allem auch niemanden weiter! Aber: Nachrichten ganz vermeiden, wie es inzwischen fast jeder Zehnte Deutsche versucht zu tun, halte ich auch für falsch – nicht nur aus beruflichen Gründen. Wir alle müssen für uns und die Zukunft unserer Kinder wissen, was um uns herum auf der Welt geschieht.

In dem Zusammenhang ist auch die Medienkompetenz der Eltern gefragt. Oder reicht es Ihrer Meinung nach, wenn die Kinder entsprechende Infos in der Schule bekommen?
Sara Bildau: Wir Eltern können die Verantwortung für die Medienkompetenz nicht nur auf die Schule abwälzen. Auch wir müssen uns damit beschäftigen. Medienkompetenz ist nicht angeboren, die müssen wir lernen – und auch wir Erwachsenen müssen auf dem Gebiet immer wieder neu dazulernen. Trotzdem: Aktuell passiert in der Schule dazu immer noch zu wenig. Meiner Meinung nach wäre es sogar ein wichtiges, eigenständiges Fach, dann würde es die Bedeutung erfahren, die es wirklich braucht. Natürlich gibt es Gründe, warum sich das nicht so leicht durchsetzen lässt: Personalmangel, länderübergreifender Schulstoff …. Aber ich finde, es müsste viel mehr darauf geschaut werden und es müsste ausgebaut werden. Im Moment wird es in einzelnen Fächern nur als Randthema behandelt. Das ist zu wenig!
Wie sieht es generell aus mit politischer Bildung an der Schule?
Sara Bildau: Das ist mit ein Grund, warum ich dieses Buch auch geschrieben habe. Es ist ein Appell an alle Eltern, Fächer wie Politik, Gemeinschaftskunde, Sozialkunde nicht einfach als “Laberfächer” abzutun. Das machen ganz viele. Auch Leute in meinem Bekanntenkreis interessieren sich für die Mathe- oder Deutschhausaufgaben ihrer Kinder, aber selten wird nachgefragt: Was habt ihr denn heute in Politik gemacht? Ich war kürzlich die einzige Mutter, die sich beim Elternsprechtag für das Fach Politik angemeldet hatte und wurde von der Lehrerin gleich begrüßt mit: “Oh Gott, Frau Bildau, ist irgend etwas passiert?” Dabei ist es gerade in der aktuellen Zeit so wichtig, dass Kinder nicht nur die binomischen Formeln können, sondern auch die für das politische Zusammenleben kennen. Das heißt, wir müssen politische Bildung zuhause vermitteln, denn es ist unsere Aufgabe unsere Kinder zu mündigen Demokraten zu erziehen. Wir müssen sie fit für die Wahlen machen. Wenn wir sie von allen wichtigen politischen Themen fern halten, können sie sich keine Meinung bilden.
In der Schule ist oft viel zu wenig Zeit, um Zusammenhänge zu vermitteln. Viele Themen, gerade auch in Geschichte als Grundlage für politische Bildung, werden einfach nur schnell gelernt um sie in einer Prüfung wiederzugeben …
Sara Bildau: Ja, das war schon in meiner Schulzeit so, dass man irgendeinen Stoff gelernt hat, die Prüfung dazu ablegte und ihn dann wieder vergessen hat. Dabei ist es wichtig den Kindern zu erklären, wie geschichtliche Ereignisse bis in die heutige Zeit wirken.
Was wünschen Sie sich beim Thema politische Bildung für unsere Kinder?
Sara Bildau: Ich wünsche mir, dass politische Bildung ernster genommen wird. Unsere Kinder sind unsere Zukunft und sie müssen irgendwann unsere Welt gestalten – und hoffentlich auch besser machen. Ich habe ein Zitat von Nelson Mandela in meinem Buch integriert: “Bildung ist die mächtigste Waffe, die du verwenden kannst um die Welt zu verändern.” Gerade jetzt in diesen Zeiten, wo sich die Frage nach Krieg und Frieden plötzlich ganz neu stellt, brauchen unsere Kinder diese Waffe.

Sara Bildau ist Journalistin und hat als Autorin und Reporterin bei verschiedenen ZDF-Landesstudios und beim “heute-journal” gearbeitet. Danach war sie Moderatorin beim Fernsehsender “phoenix”. Seit 2021 moderiert sie die Nachrichten im Morgen- und Mittagsmagazin sowie die “heute”-Ausgaben um 12 und um 17 Uhr. Mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt sie in Düsseldorf. Ihr Buch ist im Gräfe und Unzer Verlag erschienen für ca. 20 Euro.
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