Lieber Herr Blume, wäre es nicht schön, wenn Sie so ein Buch gar nicht erst schreiben müssten?
Bob Blume: Ja, absolut. Deshalb passt es auch gut in die Reihe der Bücher, die ich schreiben wollte: ein wütendes und ein nachdenkliches. Es geht darum, wie das deutsche Bildungssystem sein sollte – und darum, dass es sich so schwer damit tut. Das aktuelle Buch ist im Grunde eine Art Selbstverteidigung für Eltern. Es wäre überflüssig, wenn Schule so funktionieren würde, wie sie es eigentlich sollte. Aber weil das nicht der Fall ist, braucht es Strategien, wie man Kinder gut begleiten kann.
Man weiß ja oft gar nicht, wo man anfangen soll mit der Kritik am deutschen Schulsystem. Und als Eltern versteht man nicht, warum Bildung in Deutschland so wenig Priorität hat. Liegt es am Föderalismus? An Ignoranz? Oder gar Arroganz?
Bob Blume: Es ist eine Mischung – und leider auch eine Ignoranz, die man sich leisten kann. Denn Eltern sind keine homogene Gruppe. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat mal gesagt: Wären sie es, hätten sie weniger Mitglieder als der ADAC. Eltern und Kinder sind also eine Minderheit – und dadurch fehlt die nötige Durchsetzungskraft, um politischen Druck aufzubauen.
Dazu kommt: Bildungspolitik ist föderal organisiert. Und selbst wenn man weiß, welche Veränderungen notwendig wären – etwa um Lernrückstände aufzuholen – dann liegt der Nutzen so weit in der Zukunft, dass sich kurzfristig kein Politiker damit profilieren kann. Das ifo-Institut hat berechnet, dass die deutsche Wirtschaft langfristig um sieben Prozent wachsen könnte, wenn wir Lernlücken schließen – gerechnet auf die nächsten 70 Jahre. Doch die meisten Politiker und Parteien arbeiten nur für ihre eigenen Legistlaturperioden und mit Bildung lässt sich da kurzfristig leider nichts gewinnen. Diese Kombination von Minderheit, von unterschiedlichen Kompetenzen in den Ländern und einer eher kurzsichtigen Politik sorgen dafür, dass sich hier nichts tut.
Aber ist das nicht erstaunlich? Eine gute Bildungspolitik könnte doch eigentlich auch Wählerinnen und Wähler gewinnen, die eigene Wählergruppe – im besten Sinne – heranziehen …
Bob Blume: Absolut. Und das hat leider auch die AfD erkannt. Sie spricht junge Menschen direkt an und schaut gezielt auf Bildungspolitik. Denn: Man muss nicht gleich das ganze System umbauen – aber man kann mit Erlassen sehr schnell Einfluss auf die Bildungspolitik nehmen, ohne ein Gesetzgebungsverfahren zu durchlaufen. Gerade für ein Industrieland wie Deutschland, das nichts hat außer dem Wissen und den Menschen, die dies tragen, ist das natürlich zu wenig.

Im Buch sprechen Sie das Thema Schulwahl an. Was raten Sie Eltern, die die „richtige“ Schule für ihr Kind suchen?
Bob Blume: Mir geht es darum, einen Perspektivwechsel anzustoßen – und für mehr Gelassenheit zu plädieren. Viele Eltern wünschen sich eine reformorientierte Schule, an der die Kinder sich entfalten können, weniger Druck haben. Aber dann meldet sich dieses kleine Teufelchen auf der Schulter und fragt: „Was, wenn das Kind dann den Anschluss verliert, nicht studieren kann …?“. Und dann entscheiden sie sich doch anders.
Deshalb habe ich im Buch Reflexionsfragen formuliert: Will ich eher eine standardisierte Schule? Oder geht es mir um eine individuelle Begleitung meines Kindes, die vielleicht an einer staatlichen Schule nicht so möglich ist? Ist mir die Benotung wichtig? Mir ist es aber wichtig zu betonen: So kompliziert dieses Schulsystem auch ist und so viele Fehler es auch hat, führen doch viele Wege nach Rom. Die Schulwahl ist wichtig – aber sie ist nicht für immer festgelegt. Man kann die Schule ja auch noch wechseln. Es bleibt eine wichtige Entscheidung, aber man sollte deshalb nicht in Panik verfallen und denken, dass man damit die ganze Laufbahn des Kindes vorbestimmt.
Gilt das, was Sie zur Schulwahl sagen, für die Grundschule oder auch für den Wechsel in die weiterführende Schule?
Bob Blume: Für beides. Ich war über 15 Jahre lang Gymnasiallehrer, aber auch drei Jahre an einer Realschule. Rückblickend habe ich gemerkt, wie unglaublich entspannt viele Schülerinnen und Schüler an der Realschule waren. Sie fühlten sich nicht als „Schüler zweiter Klasse“. Viele haben eine Ausbildung gemacht – gerade im Handwerk werden Fachkräfte dringend gesucht – und das ist durchaus auch finanziell attraktiv. Einige sind danach auf eine weiterführende Schule gegangen und haben noch studiert. Es gibt viele Wege – und nicht alle führen über das Gymnasium.

Oft ertappen sich Eltern dabei, dass sie eigene Wünsche auf ihr Kind projizieren, wenn es um Schule und Zukunft geht …
Bob Blume: Das Interessante ist: Bildung wird oft rückblickend definiert. Was wir selbst erlebt haben, halten wir für „richtige“ Bildung. Der eigene Bildungsweg erscheint dann logisch und linear – aber man vergisst, wie viele andere Möglichkeiten es unterwegs gegeben hätte. Wichtig ist, das nicht aufs Kind zu übertragen. Eltern sollten dem Kind mit Respekt und Vertrauen begegnen, es ernst nehmen, bestmöglich begleiten und unterstützen und sich dabei erinnern: das Kind ist nicht man selbst.
Es ist immer noch eine sehr traditionelle Herangehensweise, wie an der Schule gelernt und gelehrt wird? Oft wird nur auswendig gelernt, abgefragt, bewertet – und weiter geht’s mit dem nächsten Thema. Gerade in den MINT-Fächern ist das oft so. Sie lehren Fächer wie Deutsch und Geschichte, in denen man noch ganz anderen Unterricht machen kann, oder?
Bob Blume: Na ja, man kann auch schlechten Deutsch- oder Geschichtsunterricht machen. Ich glaube nicht, dass sich das nur auf MINT-Fächer beziehen muss. Die Frage ist: Was interessiert Kinder? Ein Beispiel: Der virale Hit „Barbara Rhabarbara“ ist eigentlich ein schnell gesprochenes Gedicht. Wenn man darüber im Deutschunterricht spricht, kommen Kinder schnell auf die Frage: Warum eigentlich ist das viral gegangen? Der Grund ist erst einmal trivial: Weil es sich lustig anhört. Und dann kann ich als Lehrer erklären, was es sprachlich besonders macht. Plötzlich wird das Thema relevant, weil es Teil ihres Alltags ist – und wir sind mitten in einer Gedichtinterpretation, von der sie vorher vielleicht gesagt haben: Braucht doch keiner.
Ich liebe die Definition von Alfred North Whitehead:„Bildung ist der Erwerb der Kunstfertigkeit, sich Wissen nutzbar zu machen.“ Das gibt dem Ganzen einen Zusammenhang – und leider gelingt das in Schulen oft nicht.

Eltern haben kaum Einfluss darauf, wie Schule funktioniert. Was können sie trotzdem tun?
Bob Blume: Sie können den Lernbegriff bei den Kindern erweitern. Lernen bedeutet mehr als diese Stunde am Tag vor einem Test. Lernen passiert immer – beim Einkaufen, beim Kochen, im Gespräch. Eltern, die mit wachem Blick schauen, was ihr Kind gerne macht, können genau da anknüpfen. Und gerade für Kinder, die der Schule gegenüber eher gleichgültig sind, empfehle ich: Findet gemeinsam etwas, das begeistert, wo der Funke überspringt. Das kann sich auch positiv auf andere Bereiche übertragen – nicht zwangsläufig, aber es kann. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ein Kind Spaß hat an der Theater AG und dann auch in Mathe besser wird. Aber das kann es bedeuten, weil ein Effekt des Ganzen ist, dass es seine eigene Stimme findet, selbstbewusster wird, sich in der Folge eher melden kann und dadurch auch eher am Unterricht partizipieren kann.
Sie sind kein Fan von Hausaufgaben. Stimmt das?
Bob Blume: Ja, ich gebe nur in Notfällen Hausaufgaben. Hausaufgaben sind innerhalb der Familie quasi eine Art Hausfriedensbruch. Das eigentliche Problem an Hausaufgaben ist, dass sie das Lernen an einen Ort bringen, an dem es oft keine Unterstützung oder Begleitung gibt. Das Argument, die Kinder sollen so zum selbstständigen Lernen gebracht werden, ist zu kurz gedacht. Auch diese Selbstständigkeit muss – so widersprüchlich das jetzt klingt – angeleitet werden. Man sagt ja auch nicht: „Hier ist das Alphabet, jetzt schreib mal.“ Mein Ansatz ist: Das eigentliche Lernen muss in die Schule. Die logische Konsequenz daraus ist: weniger Hausaufgaben zu geben.
Aber es gibt bestimmt auch sinnvolle Hausaufgaben, das Lernen der Vokabeln zum Beispiel …
Bob Blume: Ja klar. Vorbereitende Aufgaben können Sinn machen als Hausaufgabe. Ich muss zum Beispiel nicht im Unterricht für die nächsten 40 Jahre als immer gleichen Vortrag erklären, wie eine Kurzgeschichte aufgebaut ist. Das können die Kinder selber nachlesen und verinnerlichen. Aber wenn es darum geht, eine Kurzgeschichte zu interpretieren, dann bin ich da, leite sie an und unterstütze sie. Das ist etwas, das unbedingt im Unterricht in der Schule stattfinden sollte.

Ich habe oft das Gefühl, dass der Fokus im deutschen Schulsystem eher darauf liegt, was Kinder nicht gut können, statt bewusst ihre Talente zu fördern.
Bob Blume: Leider ist das oft so – und da sind wir auch schon bei der Notengebung, denn die wirkt dann manchmal noch wie ein negativer Verstärker. Ich bin bestimmt kein Vertreter von „Kuschelpädagogik“, aber ich habe in den letzten 15 Jahren die Erfahrung gemacht: Begleitung und Unterstützung sorgen für viel mehr Leistung als Druck oder – da werden jetzt viele überrascht sein, das zu hören – Belohnung. Denn auch Belohnung kann kontraproduktiv sein, wenn sie kurzfristig als einzige Motivation da ist.
Was halten Sie von Nachhilfe? Viele Eltern sind bei schlechten Noten schnell in Panik, gerade wenn die Zeugnisse anstehen oder die Versetzung gefährdet ist. Ist Nachhilfe sinnvoll?
Bob Blume: Panik ist der falsche Ratgeber. In der Psychotherapie gibt es die Frage: “Was ist die größte Angst? Was ist das Schlimmste, was passieren kann?”. Dass das Kind etwas nicht schafft. Und was passiert dann? Meist stellt sich heraus, es gibt andere Wege. Wichtig ist, ruhig mit dem Kind zu sprechen. Wenn ein Kind in vielen Fächern Probleme hat und keine Motivation zeigt, bringt es wenig es auch noch mit Nachhilfe zuzuballern. Dann braucht es eigentlich Selbstwirksamkeit, Offenheit, Räume für Entfaltung. Wenn man weiß, die Noten sind nicht so gut und das Kind hat vor allem keine Lust, dann wäre mein erster Blick darauf: Wo gibt es Möglichkeiten fürs Musizieren, für einen Verein, für außerunterrichtliche Tätigkeiten an der Schule, z. B. in einer tollen AG.
Und was ich noch einmal betonen möchte: Eine Drei ist keine schlechte Note und eine Vier bedeutet: Bestanden! Das muss man Eltern immer wieder mal sagen. Wenn aber in sehr vielen Bereichen Probleme da sind, sollte man tatsächlich gemeinsam und in Ruhe mit dem Kind überlegen: Schaffen wir das? Wenn das eigentliche Problem aber fehlender Wille ist, dann wird es mit Nachhilfe auch nicht besser. Man muss auch überlegen: Wäre ein Schulwechsel sinnvoll? Das ist kein Scheitern. Ich kenne viele Schüler:innen, die vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt sind – und dort sofort ein höheres Wohlergehen hatten und auch ihren Weg gegangen sind.
Und ein letzter Punkt noch: Bei einer Nachhilfeindustrie, die 1,6 Milliarden Euro pro Jahr umsetzt, würde ich sagen, brauchen wir gar keine Studien mehr als Beleg für das Nichtgelingen des deutschen Schulsystems.

Viele Eltern wollen aber unbedingt, dass ihr Kind zumindest das Abitur schafft – gerade wenn sie selbst eine akademische Laufbahn absolviert haben.
Bob Blume: In der Soziologie nennt man das „Statuserhalt“. Das gibt es übrigens auch umgekehrt: Eltern mit niedrigerem Schulabschluss trauen ihrem Kind nicht zu, aufs Gymnasium zu gehen – obwohl es das könnte. Beides ist nicht gut.
Wenn Sie drei Dinge am deutschen Schulsystem sofort ändern könnten, welche wären das?
Bob Blume: Das ist schwer! Da muss ich überlegen.
Nummer eins wäre für genügend Lehrerinnen und Lehrer zu sorgen, die ihre Fächer lieben, sie mit Leidenschaft vermitteln können und interessiert sind am “Gelingen” der Kinder.
Nummer zwei: Freiräume zu schaffen für selbstständiges Arbeiten der Kinder, weil klar ist, Motivation entsteht durch Autonomie, Selbstwirksamkeit und soziale Eingebundenheit – davon haben wir zu wenig.
Nummer drei: Nach einer längeren Phase des gemeinsamen Lernens, bei der alle basalen Grundfähigkeiten vermittelt wurden – Lesen, Schreiben, Rechnen – mehr Wahlmöglichkeiten auch im praktischen Bereich anbieten. Also mehr hin zu dem Diktum von Maria Montessori “Kopf, Herz und Hand” und weg von unserem “Kopf, Kopf und Kopf”. Etwas selber erschaffen, dafür braucht es Räume an der Schule.

Zur Person:
Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Bildungsaktivist. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Daneben schreibt er Bücher zur Bildungsdebatte und macht in den sozialen Medien als @netzlehrer auf Bildungsthemen aufmerksam. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule. Er hat bereits mehrere Bücher zum Thema Schule veröffentlicht: “Zehn Dinge, die wir jetzt an der Schule ändern müssen” (erschienen im Goldmann Verlag) und “Warum noch lernen” (erschienen im Mosaik Verlag).
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