Text von Stefanie Rüggeberg
Oft braucht es nur eine Kleinigkeit, um ein unbeschwertes Lachen zu hören. Bei einem Baby reicht es schon, wenn wir uns als Erwachsene kurz hinter den eigenen Händen oder einem Tuch verstecken und es anschließend blitzschnell wieder lüften. Oder gespielt übertrieben nach Luft schnappen, wenn wir uns der Windel nähern. Und auch, wenn sie schließlich sprechen, laufen und immer größer und älter werden, bleibt Humor für Kinder wie ein zweiter Herzschlag. Selbst wenn es gerade nichts gibt, was wirklich lustig ist, finden sie etwas. Sei es auch nur, dass sie auf der zu steifen Familienfeier plötzlich unauffällig unter den Tisch rutschen und die Schnürsenkel der Sitznachbarn verknoten.
Lustige Dinge aushecken, mal hinter vorgehaltener Hand, dann wieder kichernd, prustend oder grölend loslachen – Kinder sind Meister darin, das Leben mit Humor zu verfeinern. Nicht umsonst zeigen Studien, dass sie bis zu 400 Mal am Tag lachen, während ein Erwachsener es nur noch auf rund 20 Mal bringt. Doch wie genau entwickelt und verändert sich der Sinn für Humor? Was machen wir, wenn wir Erwachsene gar nicht verstehen, was genau das Kind gerade so amüsant findet? Und warum ist Humor keineswegs eine Kleinigkeit, sondern ein Begleiter für ihr Kind, den Eltern von Anfang an unterstützen sollten?
Wer die Antworten auf diese Fragen kennt, versteht nicht nur sein Kind besser, sondern hat die besten Voraussetzungen, ihm ein wertvolles Geschenk zu machen. Oder wie Charles Dickens sagte: „Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

1. Haben Babys bereits Humor?
Zumindest zeigen sie eine wichtige Vorstufe davon – was übrigens in den ersten Lebensmonaten beginnt. Eine Studie der University of Bristol kam zu dem Ergebnis, dass manche Babys regelrechte Humor-Frühstarter sind: Einige der befragten Eltern berichteten, dass ihre Kinder bereits mit vier Wochen einen ersten Sinn für Lustiges gezeigt hatten – über das rein zufällige Lächeln, das in diesem Alter typisch ist, hinaus. Mit etwa zwei Monaten traf das dann bereits auf jedes zweite der 671 Kinder zu.
Zu diesem frühen Zeitpunkt sind Kinder zwar in der Regel noch nicht selbst in der Lage, zu entscheiden, was wirklich lustig ist. Aber sie schauen genau hin, worauf ihre Eltern mit Humor reagieren. Das konnten Forscher des Johnson State College und der Universität von New Hampshire nachweisen. 30 Babys beobachteten ebenso wie ihre Eltern eine lustige Situation, wobei die Eltern entweder keinerlei Regung zeigen oder aber laut lachen sollten. Das interessante Ergebnis: Obwohl die sechs Monate alte Babys sich sehr für das lustige Geschehen selbst interessierten, fesselte sie die Reaktion der Eltern noch mehr. Was im Umkehrschluss heißt: Als Mutter und Vater hat man es entscheidend in der Hand, den Humor des eigenen Kindes zu prägen und zu entwickeln. Und das am besten so früh wie möglich. Denn: Im Alter von zwölf Monaten sind Babys, das zeigten die Forscher ebenso, bereits so erfahren im Umgang mit Humor, dass sie alleine entscheiden können, was lustig ist.

2. Welche Phasen des kindlichen Humors gibt es?
Humor ist bei Kindern eine Frage des Alters. Was logisch ist: Je mehr sie können, je mehr sie verstehen, umso breiter wird die Humor-Klaviatur. Ob Sprache, Vorstellungskraft, die Fähigkeit, andere Perspektiven nachzuempfinden – all das muss erst wachsen, um ein humoristisches Upgrade zu erfahren. Bevor Kinder anfangen zu sprechen, reagieren sie zum Beispiel stark auf amüsante Geräusche: wenn die Eltern für sie die Lippen ploppen lassen, die Stimme hoch wie ein piepsendes Vögelchen oder tief wie ein brummender Bär schrauben, Schmatz- und Pupsgeräusche machen. All das sind sichere Wege, um die Kleinen zum Lachen zu bringen. Auch Grimassen zu schneiden, sie zu kitzeln oder das klassische Versteck-Spiel erheitern sie ebenso wie Gegenstände, die man falsch benutzt, zum Beispiel eine Unterhose, die man sich über den Kopf zieht.
Ab etwa einem Jahr erlebt der Humor von Kindern einen Schub: Jetzt versuchen sie selbst, andere zu necken. Auch spielerische Verfolgungs- und Fangspiele machen ihnen großen Spaß. Je nach Entwicklungsstand kommen so immer weitere Nuancen des Humors hinzu. Ab zwei wird Sprache immer wichtiger, etwa mit Nonsenswörtern. Ab etwa drei Jahren werden Grimassen und der ganze Körper eingesetzt, um lustig zu sein.
Auch spielen sie nun in der Phase bis sechs Jahren verstärkt mit Wörtern, reimen wild drauf los und erzählen schließlich erste Witze, die oft keine Pointe haben. Witzig bleibt vor allem, was nicht zusammen passt, also etwa eine Katze, die wiehert, oder ein Auto, das fliegt, und eine Mama, die Papa genannt wird. Außerdem kommt jetzt die Zeit, in der sie sich über einzelne Worte wie „Kackapups“ geradezu totlachen können und eifrig neue lustige Wörter erfinden.

Ab etwa vier Jahren sind Rollenspiele, in denen beispielsweise etwas übertrieben dargestellt wird und so für Lacher sorgt, ein Renner. Und mit fünf bis sechs Jahren kann man beobachten, dass der Wortwitz immer präziser wird und zwischen sieben und zehn Jahren schließlich an Anspruch gewinnt. Dazu gehört unter anderem, dass Scherzfragen, Zungenbrecher und Mehrdeutigkeiten hoch im Kurs stehen.
Auch wenn die Humor-Laufbahn eines Kindes somit einige typische Phasen durchläuft, sollten Eltern es hier handhaben wie bei allen anderen Entwicklungsschritten: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Und ganz speziell bei Humor gilt sowieso: Er ist individuell. Während das eine Kind gefühlt jeder Situation einen Schalk abzugewinnen scheint, konzentriert sich der Humor des anderen darauf, überzeugende Geschichten zu erfinden und dann freudig „Veräppelt!“ zu rufen. In welche der Richtung es auch geht: Mit ungefähr sieben Jahren hat ein Kind seine ganz persönliche humoristische Grundausstattung gefunden, die es ab jetzt ausbauen, verfeinern und variieren wird.
3. Warum ist Humor für die Entwicklung von Kindern so wichtig?
Lachen setzt Endorphine frei und diese Glückshormone reduzieren Stress, fördern das Wohlbefinden und unterstützen soziale Bindungen. Kurzum: Wer zusammen lachen kann, fühlt sich miteinander verbunden. So einfach dieses Prinzip ist, so entscheidend ist es bereits für kleine Kinder. Nicht umsonst zeigen sie schon mit wenigen Wochen ein gezieltes soziales Lächeln, mit dem sie Bindung und Sicherheit suchen und finden, wenn es erwidert wird. Evolutionsbiologisch ist das eine schlaue Überlebensstrategie: „Lache ich dich entwaffnend an, kümmerst du dich um mich.“
Über das Lachen über witzige Dinge und die Reaktion anderer lernen sie dann immer besser, soziale Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen. Egal, ob mit der Familie oder mit Freunden. Und mehr noch: Das gemeinsame Lachen anderer hilft Mädchen und Jungen, bereits ab einem Alter von fünf Monaten, soziale Einschätzungen zu treffen. Das belegt eine Studie der Forscher um Gregory Bryant von der University of California: Babys konnten anhand der Art, wie Menschen miteinander lachten, wahrnehmen, wie eng diese miteinander verbunden waren. Wenn Freunde miteinander lachten, hörten sie erkennbar länger zu als bei sich fremden Menschen.

Humorbildung ist nicht nur entscheidend für soziale Beziehungen und die Entfaltung der Persönlichkeit. Sie fördert zudem die kognitiven Fähigkeiten, beispielsweise, wenn Kinder Witze erzählen. Außerdem spielt sie eine zentrale Rolle dafür, wie resilient Mädchen und Jungen dem Leben begegnen. Sprich: Stress und Emotionen werden besser verarbeitet.
Humor kann außerdem helfen, neuronale Verbindungen im Gehirn zu schaffen oder zu stärken. Er verbessert das Gedächtnis sowie das Immunsystem, kann Ängste abbauen und beflügelt nicht zuletzt die Kreativität und den Entdeckergeist. Mehrere Studien belegen zudem, dass Lachen leistungsfähiger und schlauer mach: Motivation, Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen werden in einem lustigen Kontext verstärkt. Forscher von der Universität Paris Descartes wiesen diesen Effekt sogar bei Babys nach. Darum: Den Humor seines Kindes zu stärken, ist eines der besten Dinge, die Eltern ihm mitgeben können.
4. In welchem Alter verstehen Kinder Ironie?
Ironie ist eine feine Art des Humors, die für viele Erwachsene selbstverständlich ist. Zum Beispiel, um etwas nicht direkt, sondern mit einem Augenzwinkern zu kritisieren. Sagen wir, der Sohn oder die Tochter zieht sich mal wieder im Zeitlupentempo die Schuhe an, obwohl man dringend los muss. Da reagieren Eltern schon mal mit einer Spitze wie „Hui, ich bin beeindruckt, wie schnell du heute bist“. Ob das Kind den Hinweis versteht, ist jedoch ungewiss. Denn es erlernt diese besondere humoristische Feinheit erst nach und nach.
Bis zum Grundschulalter verstehen die meisten Mädchen und Jungen nicht wirklich, wenn jemand das Gegenteil von dem meint, was er sagt. Der Grund dafür ist recht logisch: Ihnen fehlen noch die entsprechenden sozial-kognitiven Fähigkeiten, um die recht komplexen Mechanismen der Ironie zu verstehen. Sie müssen im Laufe der Zeit erst lernen, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Gefühle nachzuempfinden, abstrakt zu denken oder nonverbale Zeichen richtig zu deuten. Eine Rolle spielt hier allerdings einmal mehr das soziale Umfeld: Wenn die Eltern selbst häufig ironisch sind, kann das Kind mitunter schon deutlich früher verstehen, wie das funktioniert. Darauf jedenfalls deutet eine Studie der Universität Montreal hin. Dort konnten die Forscher nachweisen, dass bestimmte Arten der Ironie, vor allem Sarkasmus, bereits von Vierjährigen verstanden werden.

5. Wie können Eltern den Humor ihres Kindes fördern?
Zentral ist, dem Kind selbst mit viel Humor zu begegnen. Denn – wir erinnern uns – Kinder schauen auch beim Lustigsein stark auf ihre familiären Erfahrungen und Vorbilder. Wer also zu Hause die Eltern meist eher wie nüchterne Steuerrechtsreferenten erlebt, wird seine lustige Seite automatisch eher zügeln. Wird das Kind hingegen von einem Erwachsenen häufig spielerisch-lustig ermutigt, sogar richtig alberne Sachen unbeschwert und frei auszuprobieren, gibt ihm das die Sicherheit, aus sich herauszukommen.
Dabei gilt: Für alles, was einen als Familie zusammen zum Lachen bringt, ist letztlich keiner der Beteiligten zu erwachsen. Dem Kind gibt es ein tolles Gefühl, wenn Eltern sich ohne Hemmungen mit ihm in die Kissenschlacht stürzen, sich ebenfalls durchkitzeln lassen und vor allem keine Scheu haben, mal ehrlich über eigene Missgeschicke zu lachen. Eine konsequente, aber humorvolle Erziehung lohnt sich für die Eltern übrigens ebenso an anderer Stelle: In ärgerlichen Situationen, ist eine humorvolle Reaktion oft effektiver und stressabbauender als ein harter Kasernenhof-Ton.
Außerdem schenken Eltern ihrem Kind sehr viel bessere Chancen, einen reichen, breit gefächerten Humor auszubilden, wenn sie es auf diesem Weg großzügig begleiten. Denn natürlich gehen die Witze und spaßigen Kommentare der Kleinen öfters daneben. Etwa, wenn sie einen dummerweise vor der Großmutter damit necken, dass man deren geschmacklose Staubfänger-Mitbringsel nach dem Besuch aus Versehen gern hinfallen lässt. Solche Humor-Fettnäpfchen sollte man dem Kind zwar erklären – aber ruhig und ohne sich persönlich attackiert zu fühlen. Der Nachwuchskomiker soll am Feedback schließlich wachsen, nicht gleich die Bühne für immer aufgeben.

Auch ansonsten begegnen Eltern dem kindlichen Humor am besten mit Gelassenheit und Toleranz. Etwa, wenn die Phase der Scherzfragen beginnt: „Was ist grün und sitzt auf dem Klo? Ein Kaktus!“ – „Wer lebt im Dschungel und mogelt? Mogli!“ Während das Kind solche Fragen dann minütlich stellt und jedes Mal begeistert darüber lacht, runzeln Eltern die Stirn und fragen sich, ob sie Sohn oder Tochter nicht bessere Witze beibringen müssten. Bitte nicht! Ein „Das ist doch nicht lustig“ bremst seine Freude unnötig aus. Jede Humorphase hat schließlich eine wichtige Funktion. Mit den auswendig gelernten Witzen unterhalten Kinder beispielsweise ihre Freunde und stärken somit Verbindungen. Und es ist schlicht normal, streckenweise nullkommanull witzig zu finden, was das Kind zum Juchzen bringt. Ebenso wie es dazu gehört, dass es kichernd Fäkalhumor und später, ab etwa acht Jahren, sexuelle Tabuthemen aufgreift.
Nicht zuletzt sollte man selbst den unzähligen Wiederholungen der Kalauer mit Geduld begegnen. Und dem Kind signalisieren, dass man seine Versuche, lustig zu sein, wertschätzt. Sogar schlechte Witze gehören zur Humorentwicklung dazu – und origineller wird ein Kind spätestens, wenn es die nächste Entwicklungsstufe erreicht, von ganz alleine.
5 praktische Tipps wie ihr Humor bei Kindern fördern könnt
Humor wächst, wenn er eine große Spielwiese bekommt. Am besten toben sich Eltern und Kind hier gemeinsam aus:
1. Kürt gemeinsam den lustigsten Moment
Das kann man einmal pro Woche machen oder je nach Menge des komischen Inputs sogar täglich. Dann erzählen sich alle in der Familie ihr komischstes Erlebnis der letzten Zeit. Das lässt sich variieren, indem man es einmal mit vollem Körpereinsatz tun und pantomimisch darstellen muss oder ein anderes Mal wild phantasiert, wie man die nervigen Momente des Tages gern lustig aufgemischt hätte. Dann wird abgestimmt, wer den Vogel abgeschossen hat. Immer wieder eine lustige Challenge zu finden, macht Spaß und hilft Eltern wie Kind, den Alltag insgesamt mehr mit Humor zu nehmen.

2. Ladet den Humor zum Essen ein
Zusammen essen, beflügelt den sozialen Zusammenhalt in der Familie. Was liegt da näher, als diesen Effekt zu verdoppeln und Humor ins Spiel zu bringen? Zum Beispiel, indem zu Tisch mal jeder mit einem schrägen Kostüm erscheint oder Sie sich einen Spaß daraus machen, zum Nachtisch eine Runde Jelly-Beans-Roulette mit ekligen, aber lustigen Geschmacksrichtungen wie Popel oder Stinkesocke zu spielen. Genauso simpel und amüsant: Quatschwörterketten mit Essenszutaten bilden.
3. Macht zusammen lustige Sprachspiele
Gerade auf diesem Gebiet kann Humor unheimlich viele Facetten haben und es bietet sich an, kreativ zu werden. Spielt also zusammen mit der lustigen Welt der Wörter. Zum Beispiel, indem ihr Buchstaben verdreht oder getreu der witzig-verqueren Sprache des berühmten grünen Jedi-Meisters das Motto „Sprechen wie Yoda, heute wir lernen“ ausruft. Ihr könnt euch gemeinsam verrückte Fantasiegeschichten überlegen oder eine eigene lustige Sprache erfinden. Das beliebte Wortspiel „Teekesselchen“, bei dem man Wörter mit doppelter Bedeutung finden muss, ist ebenfalls ein guter Weg, nicht nur den Sinn für Lustiges, sondern die Sprachfertigkeit, Kreativität und das logische Denken zu pflegen.
4. Legt eine Humor-Sammlung an
Humor ist ein Schatz. Warum nicht eine eigene Schatzkiste dafür anlegen. Hinein kommen zum einen humorvolle Bücher, Filme, Comics, von denen sich das Kind inspirieren lassen kann. Und alle Familienmitglieder sammeln hier Dinge, die sie besonders lustig finden: schräge Familienfotos, einen besonders guten Witz, amüsante Spiele. So trägt man als Familie nicht nur eine ganz persönliche Humor-Kollektion zusammen. Man hat zugleich für die weniger heiteren Tage einen emotionalen Anker parat.
5. Gebt dem Humor auch Grenzen
Quatschmachen ist wunderbar, doch dabei darf es auch ein paar Regeln geben, damit niemand verletzt wird und das Kind lernt, darauf zu achten, dass Späße wirklich für alle Beteiligten spaßig bleiben. Vereinbart beispielsweise, dass man zwar über eine Situation oder einen Fehler gemeinsam lachen kann, aber dass es nicht in Ordnung ist, wenn andere Menschen ausgelacht oder bloßgestellt werden. Oder dass alles, was im Eifer des Gefechts einer lustigen Verfolgungsjagd im Haus verwüstet wird, anschließend gemeinsam wieder aufgeräumt wird. Auch die Grenze zwischen Lustigem und Gefährlichem solltet ihr klar ziehen, wie zum Beispiel anderen ein Bein zu stellen oder sie zu schubsen. Und ganz klar muss immer sein: Egal, wie lustig wir eben noch beispielsweise das Durchkitzeln fanden – wenn einer nicht mehr will, hören alle mit der Neckerei auf.
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