Lieber Christian, sag uns doch mal als Fachmann und Vater: Was sind absolute No-Gos für dich bei deinen eigenen Kindern?
Christian Jacks: Ein absolutes No-go ist, dass mein Kind einen eigenen Account in den sozialen Medien hat in dem es selber als Person auftritt und Dinge über unser häusliches Leben erzählt. Allerdings hat mein Sohn – der ist jetzt 10 Jahre alt – gefragt, ob er einen Gaming-Kanal bei YouTube machen kann und da hab ich wiederum Ja gesagt. Warum? Weil wir verabredet haben, dass er ein Pseudonym benutzt, nicht von sich selbst spricht in den Videos und natürlich, dass es kein “echtes” Bild oder eine Aufzeichnung von ihm gibt. Ich hab ihm extra einen kleinen Avatar kreiert und das findet er lustig. Bevor die Videos auf YouTube hochgeladen werden, schneide ich sie und achte darauf, dass er nicht doch irgendwo aus Versehen seinen Namen oder irgend etwas erwähnt hat, das nicht öffentlich werden soll.

Wie sieht es mit Instagram oder TikTok aus?
Nein, das erlaube ich auf keinen Fall. Das möchte ich bei meinen Kindern am liebsten so weit hinauszögern, wie es nur möglich ist. Wenn ein Gesetz kommt, das die Nutzung dieser Kanäle bis zu einem gewissen Alter verbietet, dann sag ich: Super! Denn dann habe ich das beste Argument bei meinen Kindern.
Was mich persönlich am meisten nervt wenn die Kinder mit Social Medias in Kontakt kommen, ist das Scrollen. Das nervt mich auch bei mir selber, aber mein Gehirn ist schon “verloren”. Bei dem meines Sohnes kann man noch ‘was machen.
Was rätst du also uns Eltern als Experte?
Ich kann nur raten, dem Druck der Kinder nicht nachzugeben wenn es um Social Medias geht. Selbst wenn es verführerisch ist, weil man dann mal eine Stunde Ruhe hat – man muss da unbedingt konsequent bleiben. Beim Scrollen wird ständig Dopamin ausgeschüttet, das ist wie eine Sucht. Es ist viel besser den Kindern zu erlauben, dass sie eine Serie oder einen Film angucken dürfen.
Das Problem ist auch, dass die Kinder in dem Alter noch gar nicht wissen, wie sie mit sozialen Medien umgehen sollen, oder?
Ja, es ist wichtig, dass man sie begleitet. Am besten ist sich gemeinsam mit dem Kind zu informieren, wie soziale Medien eigentlich funktionieren. Vielleicht gibt es eine Folge von Checker Tobi darüber, oder Bücher für Kinder, die man gemeinsam lesen kann.

Das gilt dann auch für Künstliche Intelligenz?
Ja, klar. Man sollte den Kindern die Möglichkeiten aber auch die Grenzen von KI aufzeigen. Die größte Gefahr hier sehe ich nicht in den viel beschworenen Endzeit-Szenarien, dass die KI sich verselbständigt – das ist etwas, wovon wir technisch noch richtig weit entfernt sind. Die Gefahr, die ich für eine reale Bedrohung durch generative KI halte, sind Kampagnen mit Fehlinformationen, aus welchem Land sie auch immer kommen. Der Rechtsruck in der Bevölkerung passiert ja nicht, weil die Ideologien die auf TikTok usw. verbreitet werden so plausibel sind, sondern weil man ständig und vielfach damit penetriert wird. Je öfter ich etwas höre, desto eher glaube ich es. Gerade für Kinder und Jugendliche halte ich das für extrem gefährlich.
Und was schlägst du vor? Wie kann man die Kinder davor schützen?
Aufklärung und Skepsis, das sind zwei Dinge, die wir unsere Kinder lehren müssen. Das eine ist sich selbst zu fragen: Kann das echt sein, was ich sehe? Ich muss meinen Sohn im Moment dahingehend korrigieren, dass er auch echte Inhalte als Fake im Verdacht hat. Dabei denke ich mir: Eigentlich ist das gut, denn er stellt sich und anderen diese Frage. Dann ist die Skepsis gegenüber einem Bild schon mal verankert. Das zweite ist, dass die Kinder (ab einem gewissen Alter) ein Fact Checking machen sollen: Kann dieser Text, dieses Bild, Video so wie ich ihn hier lese oder den Beitrag sehe, wirklich stimmen? Welchen Quellen kann ich vertrauen?
Aber das machen selbst Erwachsene nicht immer…
Ja, leider. Aber das ist etwas, das man seinen Kindern unbedingt vorleben sollte: Kurz überlegen, ob die Meldung stimmen kann und bei Bedarf die Fakten checken. Das geht ja ganz schnell, auch mit KI. Man geht in Gemini oder Perplexity, lädt den entsprechenden Post hoch und sagt: Mach mir dazu bitte mal einen Fakten-Check. Häufig kann innerhalb von Sekunden aufgelöst werden, ob man eine echte Meldung oder Fake-News vor sich hat.
Wie hast du dies deinem Sohn beigebracht?
Einfach indem ich ihn habe teilhaben lassen an diesen Tools. Wir haben zum Beispiel ein Bild von ihm genommen und ich hab ihm gezeigt wie wir das Haus hinter ihm brennen lassen können oder die Sonne scheinen lassen … Er sieht das und findet es natürlich total verrückt. Im Gehirn ist aber verankert: Es gibt da draußen eine Technik, die ein Bild erstellen kann auf dem ich drauf bin und um mich herum passieren Dinge, die in der Realität so nie passiert sind. Er versteht, dass er in einer Welt existiert in der nichts was er in den Medien sieht, zwingend real ist und er weiß, dass man alles umindest einmal hinterfragen sollte.

So formuliert, klingt das richtig frustrierend, weil man selbst dokumentarischer Fotografie oder dokumentarischen Filmen nicht mehr wirklich trauen kann.
Letzten Endes müssen wir uns immer fragen: Wer ist die Quelle? Wer ist denn derjenige oder diejenige, der oder die das gerade gepostet hat? Wenn es ein Medium ist, wie die Tagesschau, dann kann ich davon ausgehen, dass dahinter ausgebildete Nachrichtenredakteure und Faktenchecker sitzen. Dann muss es wohl die Wahrheit sein. Wenn es aber eine Newsseite mit einem Titel wie Sixtynine ist, von der ich noch nie zuvor etwas gehört habe, dann weiß ich: Ich kann diese Nachricht nicht für voll nehmen. Auch das müssen unsere Kinder lernen: Dass es so viele Seiten gibt, die sich als Nachrichtenseiten ausgeben und Dinge posten, die wie echte Nachrichten aussehen – aber sie sind es nicht.
Müsste das nicht auch über Gesetze geregelt oder reguliert werden?
Ich denke wir müssen uns damit abfinden, dass diese Technik jetzt da ist und wir können uns nicht darauf verlassen, dass Regierungen oder große Tech-Unternehmen sagen: Wir haben das Problem erkannt und wir regulieren das jetzt für euch. Wir müssen schneller sein, wir müssen uns besser informieren und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es manipulierte Bilder und Videos gibt. Selbst dann werden wir noch öfter einmal selber in die Falle tappen und eine Fake News nicht als solche erkennen – aber doch deutlich weniger häufig, als wenn wir uns nicht informiert hätten.
Was ist dir noch bei Kinder und KI wichtig?
Wir Eltern stellen uns ja immer die Frage: Wie kann ich mein Kind schützen vor KI-generierten despektierlichen Inhalten? Was, wie ich finde, viel zu wenig besprochen wird, ist: Wie können wir andere Kinder vor unserem Kind schützen?
Das mag jetzt etwas seltsam klingen, aber was ich damit sagen möchte: Kinder tauschen in der Generation Smartphone viele Dinge untereinander aus. Und im Moment sind die sogenannten Nudify-Apps natürlich auch ein Thema. Sie funktionieren meist über Telegram-Bots, was es für Eltern nochmal schwerer macht zu verstehen, wie ihre Kinder da überhaupt drankommen. Mit soo einer App kann man von jedem, der auf dem Bild zu sehen ist, eine “nackte” Version generieren. Die mag vielleicht anders aussehen als der Mensch in Wirklichkeit, aber das ist fast schon egal.
Aber die Kids kommen ja wohl nicht an diese Apps ran, oder? Hier muss es doch Altersbeschränkungen und Guidelines geben.
Leider doch, denn es gibt von diesen Apps Open Source Modelle, die kaum Beschränkungen haben. Was ich sagen möchte ist: Wir müssen bei unseren Kindern eine Sensibilität dafür schaffen, dass es weder moralisch noch rechtlich okay ist, gewisse Dinge zu machen. Auch wenn in der Schule jemand auf sie zukommt und sagt: “Du musst mal diese App ausprobieren, das ist lustig und wenn das Bild kommt, dann schick es mal in den Chat”, dann muss das eigene Kind soweit aufgeklärt und informiert sein, dass es ablehnt. Es ist für Eltern ein traumatisches Erlebnis wenn sie mitbekommen, dass von ihrem Kind ein Nacktbild generiert wurde und im Umlauf ist. Es ist aber auch ganz schön traumatisch festzustellen, dass das eigene Kind der “Täter” ist.

Gut, dass du das sagst. Ich denke viele Eltern wissen nicht, dass sich die Kinder damit strafbar machen können, denn ab einem Alter von 14 Jahren sind sie bedingt strafmündig.
Ja, selbst wenn man keine böswillige Handlung oder einen Vorsatz unterstellen würde, kann das strafrechtlich erhebliche Konsequenzen haben. Darum ist es wichtig, auch bei den eigenen Kindern ein Bewusstsein dafür zu schaffen.
Findest du nicht, dass auch in den Schulen mehr über das Thema aufgeklärt werden müsste und auch, dass KI ein Thema sein sollte?
Absolut. Aber wir wissen ja, wie schwer das an unseren staatlichen Schulen ist. Und ich glaube wir können als Eltern nicht immer darauf warten, dass sich so etwas regelt. Ich kann nur den Tipp geben: informiert euch, fragt Bekannte, Freunde, wie sie das handhaben, vielleicht gibt es auch im Umfeld Leute, die mehr Ahnung haben als man selbst, die man um Informationen bitte kann … Es gibt viele Möglichkeiten.
Lieber Christian, danke für das Gespräch.
Zur Person:

Christian Jacks ist KI-Experte. Bei Jacks Beauty Line ist er Head of A.I. und Digital Media Projects. Außerdem berät er Firmen beim Einsatz von KI und gibt als Speaker Impulsvorträge zum Thema. Christian lebt mit seiner Familie in Berlin. In Zukunft wird er uns bei Luna regelmäßig als Kolumnist unterstützen und alles Wichtige im Umgang mit KI erklären, was Eltern und Kinder wissen sollten.
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