Aengste bei Kindern

Wie geht man mit Kinderängsten um?

Eltern, Erziehung, Familie, Gesundheit

Kinderängste äußern sich ganz anders als Ängste, die Erwachsene haben. Was Kindern Angst macht, wie man sie beruhigen kann und was es mit dem Gefühl generell auf sich hat, wollten wir genauer wissen.

Kinder haben vor allem möglichen Dingen oder Situationen Angst: Dunkelheit, die Trennung von Mama oder Papa wenn es in den Kindergarten geht, dem bellenden Hund oder dem eigenen Nachttraum. Christine Rickhoff hat darüber vor einiger Zeit ein Buch veröffentlicht: „Keine Angst vor der Angst“. Darin geht sie dem Gefühl auf den Grund und hat einige hundert Menschen befragt. Wir haben mit der Autorin über typische Kinderängste, ihre ganz persönlichen Ängste, hilfreiche Sätze und Mutmacher gesprochen.

Liebe Frau Rickhoff, wie sind Sie auf die Idee gekommen ein ganzes Buch dem Thema Angst zu widmen?

Christine Rickhoff: Das war tatsächlich gar nicht meine Idee, sondern die Idee meines damals sechsjährigen Sohnes Emil. Er hatte Angst vor seinen Albträumen und hat mich nach Tipps gefragt, die ihm helfen könnten. Als ich ihm erklärt habe, dass es bestimmt unzählige Tipps gibt, von denen ich aber eine Menge gar nicht kenne, hatte er die Idee, ganz viele Menschen zu fragen und dann aus all den Ratschlägen ein Buch für Kinder zu machen, die genau wie er Angst haben.

Was genau hat Ihnen als Kind Angst gemacht, wovor haben Sie sich gefürchtet?

Christine Rickhoff: Ich hatte vor ganz vielen Dingen Angst. Vor dem gruseligen Waschkeller zum Beispiel, oder dass meinen Geschwistern etwas zustoßen könnte. Im Grunde konnte ich bei fast allen Interviews für das Buch nicken und „Kenn ich!“ sagen, denn ich habe einfach schon immer sehr viel Fantasie gehabt, konnte mir die schlimmsten Szenarien ausmalen und das ist manchmal eine echte Bürde.

Gerade nachts haben viele Kinder Angst – vor Geräuschen, vor der Dunkelheit oder weil sie schlecht geträumt haben.

Ängste verändern sich im Lauf des Lebens. Kleinere Kinder fürchten sich oft noch vor Tieren, Monstern, Situationen, die Gefahr bedeuten können. Später kommen oft Versagensängste hinzu. Können Sie diese Angst-Entwicklung beschreiben?

Christine Rickhoff: Die Ängste spiegeln immer ganz gut die Entwicklungsstufe des Kindes oder auch das tägliche Erleben wider. Ein Kind, das zum Beispiel viel fernsieht, muss natürlich ganz andere Bilder verarbeiten als ein Kind, das nur pädagogisch wertvolle Bilderbücher kennt. Aber es gibt ein paar Entwicklungsschritte, die fast jedem Kind Angst einjagen. Als Baby geht es meist los mit Trennungsängsten, sobald dem Kind die Abhängigkeit von der Bezugsperson unbewusst und später dann auch bewusst klar wird.

Im dritten Lebensjahr geht dann die magische Phase los, in der Kinder im Grunde alles für möglich und sich selbst für sehr mächtig halten, was zum Teil sehr unterhaltsam für die Kinder selbst und für die Eltern ist, aber eben auch sehr Furcht einflößend sein kann. Sobald ein Kind dann in die Schule geht, kommen Versagensängste hinzu, weil plötzlich Leistung erwartet wird. Dazwischen und danach gibt es viele kleine Schritte, die Ängste schüren können, und dann sind da noch die rein individuellen Ängste. Da haben aber Experten und Expertinnen schon ganze Doktorarbeiten drüber geschrieben und ich kratze mit meiner Antwort in der Kürze natürlich nur an der Oberfläche. 

Wie haben Sie die Personen ausgewählt, die in Ihrem Buch zu Wort kommen?

Christine Rickhoff: Das sind ja ganz unterschiedliche Leute, von der Psychologin über den Polizisten bis zum Prominenten, aber auch Kinder, Eltern, Großeltern … Ich wollte einerseits ein Buch schreiben, in dem sich jedes Kind, aber auch jeder Erwachsene irgendwie wiederfinden kann. Deshalb kommen im Buch sowohl Kinder als auch ganz normale Erwachsene zu Wort, die unsere Nachbarn sein könnten. Andererseits war ich auch an Fachwissen und wissenschaftlich fundierten Antworten interessiert, weshalb ich viele Experten und Expertinnen gefragt habe. Die dritte Gruppe bilden Prominente, die von meinen Kindern gemocht werden, wie die Band Deine Freunde, Max Giesinger, Lina Larissa Strahl, also vor allem Leute, die viel Vertrauen bei Kindern genießen. Es ist stets ein großes Aha-Erlebnis für Kinder, dass auch diese berühmten Menschen, die auf sie so mutig wirken, die Hosen manchmal gestrichen voll hatten und immer noch haben.

Sie sind selbst Mutter von vier Kindern. Wovor haben Ihre Kinder derzeit am meisten Angst?

Christine Rickhoff: Mein jüngstes Kind ist 2 Jahre alt und das älteste ist gerade 17 geworden. Da gibt es natürlich eine gewaltige Spanne. Unser Jüngster kriegt schon die Krise, wenn er nur das Wort Autowaschanlage hört, bei unseren beiden Mittelkindern sind es eher gruselige Gestalten aus dem Fernsehen oder aus Hörspielen, die ihnen abends Angst einjagen. Und meine Älteste hätte vielleicht am ehesten Angst davor, dass ich ihre Ängste in einem Interview einfach so ausplaudere (lacht)

Und was hilft Ihnen, die Ängste Ihrer Kinder zu besänftigen oder sie ihnen gar zu nehmen?

Christine Rickhoff: Ich habe mich da durch die vielen Gespräche mit Experten und Expertinnen wahrscheinlich schon weiterentwickelt und gehe jetzt deutlich kompetenter mit den Ängsten meiner Kinder um, als ich das früher intuitiv getan habe. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es Wunder wirkt, den Dingen wirklich genau auf den Grund zu gehen, also die Angst mit dem Kind gemeinsam so konkret wie nur irgendwie möglich zu machen. Denn mit einer ganz konkreten Angst können wir arbeiten, Pläne schmieden und Handlungsoptionen besprechen. Was auch stimmt, ist ein Tipp von Laura Maire aus dem Buch: Es braucht nur ein entspanntes Lebewesen in deiner Nähe, das hilft schon. Unser Zweijähriger ist bei uns gerade nachts ein sehr beliebtes entspanntes Lebewesen. Da legen wir uns alle ganz gerne mal abends dazu und lassen uns von seinem gleichmäßigen Atem in den Schlaf wiegen. Sogar ich.

Für die einen das pure Vergnügen, für die anderen ein Angstmoment – die Fahrt in der Achterbahn.

Ich kann mich an einen Tipp meiner Oma erinnern, wenn ich als Kind Angst hatte, in den dunklen Keller zu gehen: Laut singen oder pfeifen war ihr Rat. Haben Sie einen Lieblingstipp? In Ihrem Buch kommen ja viele tolle vor …

Christine Rickhoff: Omas sind so klug! Das ist ein ganz hervorragender Tipp, den im Buch sogar gleich zwei Menschen in leicht abgewandelter Form geben. Er funktioniert unter anderem deshalb, weil unsere Angst nur eine supersimple Sprache versteht, aber die wirklich perfekt. Wenn wir pfeifen und singen, erkennt unser Nervensystem, dass wir etwas tun, das nicht mit einer konkreten Gefahr zusammenpasst. Wer wäre schon so dumm, zu pfeifen und damit auf sich aufmerksam zu machen, wenn ein Tiger herumstreift? Wenn das Nervensystem also eine paradoxe, nicht zur Gefahr passende Handlung erkennt, dann beruhigt es sich. Einfach, weil es dann ja so gefährlich nicht sein kann.

Ich glaube, mein Lieblingstipp ist vermutlich auch der Tipp meiner Oma, die im Buch „Uroma Hilde“ heißt. Sie ist leider noch vor Veröffentlichung des Buchs verstorben, aber ihr Tipp liest sich für mich wie ein tröstlicher Gruß aus einer anderen Welt: „Erinnere dich, dass du nicht alleine bist, wenn die Angst kommt. Ich bin mir sicher, dass du jemanden findest, der dir ein kleines Plätzchen unter seiner Decke frei macht oder deine Hand hält, wenn du Trost brauchst.“ 

Mir gefällt der Satz der Moderatorin Tanja Mairhofer gut: “Die Angst wird weiterziehen wie eine Regenwolke.” Können Sie damit etwas anfangen?

Christine Rickhoff: Ich fand den Satz auch super. Im Grunde fasst er all die Weisheit über Angst zusammen, die uns Erwachsenen das Leben allein durch unsere vielen gesammelten Erfahrungen schenkt. Kinder haben dieses Wissen natürlich noch nicht in dem Umfang und es ist total schön, dass Tanja ihre Erfahrung so kindgerecht und bildlich mit ihnen teilt. Denn es ist ja einfach so: Die Angst verzieht sich immer irgendwann. Kein Mensch kann ständig Angst haben, das würde der Körper ja gar nicht aushalten. Wenn es so wäre, bräuchte man definitiv Hilfe.

Kinder Angst
Je nach Alter ändern sich auch die Situationen oder Dinge, die Kindern Angst machen können.

Wovor haben Sie heute als Erwachsene Angst? Und was hilft Ihnen dagegen?

Christine Rickhoff: Ich habe auch heute noch viel Fantasie, was mich natürlich auch manchmal ängstlich macht, gerade in Hinblick auf die Kinder. Ich bin dann immer froh, dass es auch noch einen Papa gibt, der ihnen oft mehr zutraut, und das lasse ich dann auch ganz bewusst zu – selbst wenn es mir den Atem raubt. Ansonsten hilft es mir sehr, mich zu fragen, was die Angst mir sagen will. Wenn ich darauf eine Antwort habe und mich oder die Person, um die ich Angst habe, bestmöglich geschützt habe, dann schiebe ich die Angst tatsächlich einfach von mir. Es war mir früher nie klar, dass das auch eine Entscheidung ist, die man treffen kann. 

Wie können Eltern mit Ängsten ihrer Kinder umgehen, die stark durch die Medien beeinflusst werden? Wir alle sehen jeden Tag schlimme Bilder: Erdbeben, Krieg, verletzte Menschen, Naturkatastrophen … Wegschalten ist ja keine Lösung?

Christine Rickhoff: Doch. Wegschalten ist schon eine Lösung, wenn es zu viel wird. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Es ist sehr unterschiedlich, wie wir auf all diese Bilder und Schlagzeilen reagieren, aber auch die Hartgesottensten unter uns werden irgendwann entweder sehr angespannt werden oder aber abstumpfen – wobei ich Zweiteres fast noch schlimmer finde. Die Expertinnen und Experten, mit denen ich über genau diese Frage gesprochen habe, waren sich einig, dass Schreckensmeldungen und schlimme Bilder nur in verträglicher Dosis in den Kopf gelassen werden sollten – ganz besonders bei Kindern. Das bedeutet ja nicht, dass wir uns nicht informieren sollten. Aber die Frage ist doch immer, auf welche Art und Weise, durch welche Medien und in welcher Frequenz.

Wann sollten Eltern professionelle Hilfe für ihr Kind suchen, das vielleicht Schwierigkeiten hat, mit Ängsten umzugehen?

Christine Rickhoff: Ich glaube, dass viele Eltern intuitiv meist wissen, wann Hilfe gebraucht wird, dieser Intuition aber nicht unbedingt folgen. In aller Kürze kann man sagen, dass dann Hilfe gebraucht wird, wenn das Kind oder die Familie durch die Angst des Kindes stark eingeschränkt ist, wenn Angst das Kind in einem wichtigen Entwicklungsschritt behindert oder wenn das Kind sich durch die Sorgen deutlich in seinem Wesen verändert. Aber das ist eigentlich eine unzureichende Antwort. Im Zweifel würde ich mir doch immer lieber einmal zu viel als einmal zu wenig professionelle Beratung einholen.

Und zum Schluss noch die Frage: Wer oder was ist denn Ihr persönlicher Mutmacher? Oder Ihr liebstes Mutmach-Tier?

Christine Rickhoff: Gefürchtet habe ich mich, wie schon gesagt, vor vielem, aber vor allem hatte ich oft Angst, zu nerven. Mir wurde häufig gesagt, dass ich sehr viel rede und ein bisschen vorlaut bin. Das fand ich einerseits schrecklich, konnte es aber andererseits bis heute nicht wirklich abstellen. So bin ich offensichtlich einfach. Deshalb habe ich zu meiner eigenen Beruhigung oft an Delfine gedacht, die auch sehr laut, lustig und lebendig sind, aber trotzdem nicht als nervig gelten. Noch immer sind Delfine für mich sehr besondere Tiere.

Tipps aus dem Buch: Was kann ich tun, wenn mein Kind Angst hat?

Nicht bagatellisieren und nicht verschlimmern!

„Eltern tendieren dazu, Angst entweder zu bagatellisieren oder zu verschlimmern. Beides ist wenig hilfreich. Ich kann die Angst meines Kindes nicht einfach mit schönen Worten wegreden. Das wird dem Kind nur vermitteln, dass sein Gefühl falsch ist. Total in die Emotion einzusteigen und sofort in Aktionismus zu verfallen, ist letzten Endes nicht besser, denn es verstärkt das Gefühl. Was hingegen immer hilft: zuhören, reden, ernst nehmen, ruhig bleiben, genauer fragen und in der Lösungsfindung unterstützen.“ René Borbonus, Kommunikationsexperte, Rhetoriktrainer und Autor 

Kinder wollen ernst genommen werden.

„Angst entsteht oft bei gefühltem oder echtem Kontrollverlust. Kindern hilft es sehr, wenn sie ernst genommen und in Situationen, die ihnen Angst machen, mit einbezogen werden. Es ist immer wichtig, dass Erwachsene genau nachfragen: Was brauchst du, um dich zu trauen? Was könnte dir helfen? Sollen wir uns Schritt für Schritt herantasten oder willst du einfach schnell ins kalte Wasser springen? Da hat jedes Kind seinen ganz eigenen Weg.“ Hiltrud Bierbaum-Luttermann, Paychologin und Psychotherapeutin

Eltern können Brücken bauen und dürfen ihren Kindern vertrauen. 

„Wenn Kinder Angst haben, ist es sinnvoll, immer wieder Angebote zu machen und Gelegenheiten zu bieten, die Angst zu überwinden. Ganz wichtig ist es, dabei keinen zu großen Druck auszuüben und geduldig zu sein. Wenn das Kind bereit ist, wird es aus eigener Kraft die Brücken überqueren, die man ihm baut.“ Prof. Dr. Julian Schmitz, Psychologieprofessor mit dem Forschungsschwerpunkt Kinderängste


Bilder: Gettyimages M.Kolchins, Andrey Sayfutdinov

Bildquelle: Gettyimages M.Kolchins, Andrey Sayfutdinov

Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 97

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