Kolumne – Das Kind hat Stadtfrust

Uli Morant

Die kleine Landliebe

Der jüngere Sohn nörgelt uns im Moment die Hucke voll. Der Grund: Er will unbedingt aufs Land ziehen. Dorthin, wo man Baumhäuser bauen, Hühner und Hasen halten und ohne ständige Aufsicht rumstromern kann. Seit sein bester Freund in den Speckgürtel der Stadt gezogen ist, liegt er uns damit in den Ohren, dass er „auch so wohnen will“. Und überhaupt will er später mal Bauer werden, zusammen mit seinen Freunden einen Bauernhof kaufen und den ganzen Tag mit dem Traktor über die Felder fahren. “Und du Mama, darfst dich um den Gemüsegarten und die Hühner kümmern.”

Für uns stadtverliebte Eltern ist die Vorstellung völlig abwegig und wir sind relativ immun gegen den grassierenden Landlust-Boom. Aber als echtes Landkind weiß ich genau, was der Sohn vermisst. Freiheit! Ich bin damals mit einer „Bande“ von Garten zu Garten gezogen, wir haben Räuber und Gendarm, Verstecken oder Fangen gespielt, Lager gebaut und am nahe gelegenen Bach versucht kleine Krebse zu fangen. Wenn wir hungrig waren plünderten wir einen Apfelbaum und niemand kümmerte sich ernsthaft darum wo wir gerade steckten, bevor die große Kirchturmuhr abends sechs Uhr geschlagen hatte. Ein Idyll.

Manchmal werde ich wehmütig und bekomme ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich meinem Kind all das vorenthalte. Bin ich egoistisch?

Was mich tröstet ist die Erfahrung, dass die Sehnsucht nach dem Landleben auch bei Kindern endlich ist. Bei mir begann die Idylle mit elf, zwölf Jahren zu bröckeln, denn ohne die Fahrdienste der Eltern war man als junger Mensch abgeschnitten von lebenswichtigen Ereignissen. Man konnte nicht einfach mal ins Kino um den neuen Blockbuster zu sehen, nicht zur angesagten Schulparty und auch nicht immer wenn man wollte zur besten Schulfreundin, die leider fünfzehn Kilometer entfernt wohnte.

Der britische Autor Tom Hodgkinson empfiehlt in seinem Ratgeber „Leitfaden für faule Eltern“ allen Familien das Leben auf dem Lande, weil es die Erziehung so viel lässiger macht, wenn man die Kinder einfach laufen lassen kann. Als ich neulich zufällig gelesen habe, dass Familie Hodgkinson bereits wieder zurückgezogen ist in die Metropole London, unter anderem weil es den Autor genervt hat die Kinder ständig von A nach B zu shutteln, fühlte ich mich bestätigt.

Das Landidyll ist super für die Kleinen – aber eben oft anstrengend für die Eltern. Der Weg zur Arbeit muss kombiniert werden mit dem Weg zur Schule, zum Fußball-, Tennis- oder Hockeytraining, zur Klavierstunde oder was auch immer… Wenn beide Eltern berufstätig und durch ihre Jobs an die Stadt gebunden sind, ist das mit viel logistischem Aufwand und vielen Fahrten des sprichwörtlichen Muttertaxis verbunden. Fazit: Für unser kleines Familienidyll ist es im Moment einfach stressfreier in der Stadt zu wohnen.

Damit die Landliebe unseres kleinen Sohnes trotzdem nicht zu kurz kommt, gibt es am Wochenende ausgedehnte Ausflüge in die Natur, Urlaub auf dem Bauernhof und unter der Woche Spaziergänge im nahe gelegenen Wald, in dem man prima Lager bauen kann. Und ich halte mich inzwischen an der Hoffnung fest, dass das Genörgel spätestens an seinem elften Geburtstag in ein erleichtertes Seufzen umschlägt.