Durch die Corona-Pandemie bewegen sich Kinder viel zu wenig. Kinderärzte warnen bereits vor den medizinischen Folgeerscheinungen einer ganzen „Corona-Generation“. Wir haben die Sportpädagogin Dr. Renate Zimmer gefragt, welche Auswirkungen das Ausfallen von Sport- und Tobestunden auf unsere Kinder hat und wie man mehr Bewegung in den Alltag integrieren kann.

LUNA: Seit einem Jahr begleitet uns die Corona-Pandemie, mit vielen Auswirkungen auf den Alltag. Worunter Kinder (und Erwachsene) leiden, ist der Wegfall von sportlichen Aktivitäten: Schulen geschlossen, Sport im Verein nicht erlaubt, Schwimmbäder, Fitnessstudios – alles zu. Was macht das mit uns?

Prof. Dr. Renate Zimmer: Der Lockdown und das Homeschooling bedeuten für Eltern, Kinder und Lehrer zunehmend Druck. Was jedoch wegfällt, ist der Ausgleich. Es fehlt Bewegung, und es fehlen soziale Kontakte, die Kinder sonst in der Schule, im Kindergarten oder beim Sport haben. Und diese Unausgeglichenheit äußert sich dann in innerer Unruhe, Gereiztheit, Angespanntheit, auch Aggression. Viele Kinder schlafen schlechter, können sich schlechter konzentrieren, sitzen zu viel drinnen, verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher und Computer.

Gibt es bereits Statistiken, um wie viel Prozent die Bewegung von Kindern während der Pandemie nachgelassen hat?

Das lässt sich noch nicht in Zahlen fassen, und ich denke, es gibt dazu auch noch keine Erhebungen. Aber ich schätze, dass die Bewegungsaktivitäten um die Hälfte zurückgegangen sind. Allein durch den Wegfall des täglichen Wegs zu Kindergarten und Schule, den Wegfall der Pausen, in denen Kinder draußen auf dem Schulhof sind, und des Sportunterrichts.

Dabei ist Bewegung so wichtig, gerade für Kinder. Sie schult die motorischen Fähigkeiten, hilft beim Stressabbau, fördert das Gehirn, stärkt das eigene Körpergefühl. Welche positiven Aspekte gibt es noch?

Bewegung gehört zu den Grundbedürfnissen von Kindern und ist unersetzlich für die Gesunderhaltung. Durch Bewegung werden die Entwicklung der Muskulatur, der Knochenaufbau, das Herz-Kreislauf-System unterstützt. Hinzu kommt, dass Bewegung auch wichtig ist für die Vernetzung des Gehirns. Konzentration und Gedächtnisleistungen werden verbessert. Das Nervensystem wird aktiviert. Der Gleichgewichtssinn geschult. Auch der Spracherwerb kann durch  Bewegung unterstützt werden.

Und dann kommt natürlich noch der soziale Aspekt hinzu. Beim Sport haben Kinder Kontakt zu anderen Kindern, machen wichtige soziale Erfahrungen der Kooperation, Hilfsbereitschaft und des Einhaltens von Regeln. Sie haben Freude am Sich-Austoben, trauen sich etwas zu und gewinnen dadurch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das alles ist momentan durch die Corona-Maßnahmen nur eingeschränkt möglich.

Bewegung Kinder
Was können Eltern tun, um ihre Kinder trotz des Lockdowns mit eingeschränkten Möglichkeiten zur Bewegung und zum Sport zu animieren?

Ich empfehle, möglichst viel Bewegung in den Alltag zu integrieren. Das fängt bei ganz simplen Dingen an. Lieber zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum Einkaufen als mit dem Auto. Spazieren gehen. Auf den Spielplatz gehen, unabhängig vom Wetter jeden Tag mindestens eine Stunde lang draußen sein. Kinder haben mit dem Wetter eigentlich kein Problem, da finden sich Spielmöglichkeiten, auch durch Pfützen hüpfen ist Bewegung – das ist dann eher eine Frage der richtigen Kleidung.

Auch in der Wohnung lassen sich mit einfachen Mitteln kleine Bewegungseinheiten integrieren. Luftballons, Stoffbälle, auch mit Zeitungen kann man Bewegungsspiele erfinden, auf dicken Polstern oder Matratzen wie auf einem Trampolin springen. Oder Kissen für eine Kissenschlacht nutzen. Auch Seilspringen ist hervorragend geeignet. Man kann sich ruhig hin und wieder an seine eigene Kindheit erinnern und mit welch einfachen Mitteln man da Spaß an Bewegung hatte.

Wie viele Minuten Sport bzw. Bewegung täglich empfehlen Sie?

Es gibt die offizielle Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die man nachlesen kann und die sich nach dem Alter der Kinder richtet. Bei Kindern von drei bis sieben Jahren liegt sie bei 180 Minuten, also drei Stunden pro Tag. Diese Forderung möchte ich nachdrücklich unterstützen. Ich rate aber auch dazu, die Sitzzeiten im Auge zu behalten. Länger als eine Stunde sollten Kinder in dem Alter nicht ohne Unterbrechung sitzen. Zwischen allen Sitzzeiten sollten Bewegungseinheiten und Pausen stattfinden. Aufstehen, laufen, am besten raus an die frische Luft.

Leiden Stadtkinder mehr unter Bewegungsmangel als Kinder auf dem Land? Dort gibt es meist mehr Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen. Zumindest ein Garten ist ja ein Plus.

Natürlich gibt es in der Kleinstadt oder auf dem Land mehr Möglichkeiten, rauszugehen. Man wohnt näher am Wald, hat vielleicht einen Garten, ist näher an der Natur. Aber auch in der Stadt gibt es Parks und Spielplätze. Das allein ist kein Argument. Kinder bewegen sich eigentlich überall gerne, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt und Anreize schafft.

Welche Rollen spielen die Eltern und das soziale Umfeld in Sachen Bewegung?

Eine große Rolle. Wir merken ja gerade während der Coronakrise, dass sich die gesellschaftlichen Unterschiede noch verschärfen. Gut situierte Familien achten mehr auf gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung als Familien, die in kleinen Wohnungen leben und weniger finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Gerade deshalb ist es ja so wichtig, Empfehlungen und Tipps zu geben, wie Bewegung ohne großen Aufwand in den Alltag integriert werden kann.

Der Schulunterricht findet digital statt, Kinder sind inzwischen „digital natives“ und wachsen mit Smartphone und Tablet auf. Auch da gibt es inzwischen digitale Sportprogramme. Was halten Sie davon?

Alles, was auf dem Bildschirm läuft, hat einen Reiz für Kinder. Deshalb spricht nichts dagegen, Kindern auch digitale Sportprogramme anzubieten, wenn ihnen das Spaß macht. Besser zehn Hampelmannsprünge vor dem Bildschirm als gar nichts. Aber den Sport und die Bewegung mit Gleichaltrigen, draußen oder als gemeinschaftliches Erlebnis in einer Mannschaft, kann das nicht ersetzen. Kinder brauchen es, Grenzen auszutesten und ihren Körper zu erleben. Das geht am besten beim Spielen und Toben mit anderen.

Welche Sportarten sind für Eltern und Kinder gleichermaßen geeignet? Nehmen wir unsere Kinder jetzt mit zum Joggen oder machen zu Hause gemeinsam mit ihnen Yoga?

Wenn Eltern gerne Sport ausüben, dann tun sie das für sich, und das ist auch gut so. Kinder sollten nicht gezwungen werden, mit dem Vater zum Joggen zu gehen. Aber wenn sie daran Spaß haben oder neugierig sind, wenn die Mama zu Hause Yoga macht, dann kann man sie natürlich einladen, dabei mitzumachen. Ansonsten lassen sich Bewegungen auch kreativ integrieren und dabei die Spielbedürfnisse der Kinder berücksichtigen, also zum Beispiel auf Staubtüchern oder Putzlappen über den Fußboden rutschen, den Flur zu einer Schlittschuhbahn umfunktionieren. Anstöße und Ideen gibt es in meinem Buch Wilde Spiele zum Austoben. Durch Bewegung zur Ruhe kommen. Denn auch Ruhe und Entspannung sind ja ganz wichtige Aspekte für Kinder und Eltern, gerade in solch angespannten Zeiten.

Wie hat sich Ihr eigenes Bewegungspensum verändert? Sind Sie noch so fit wie davor?

Ich bin, muss ich sagen, sogar fast aktiver als vor Corona. Früher war ich sehr viel unterwegs auf Vortragsreisen, saß viel und lange in der Bahn oder im Flugzeug und habe häufig nächtelang durchgearbeitet. Dadurch, dass das momentan wegfällt und ich mehr Zeit habe, kann ich mein persönliches Sportprogramm besser durchziehen. Und ich gehe darüber hinaus jeden Tag ausgiebig spazieren.

Zur Person
Bewegung Sport KinderProf. Dr. Renate Zimmer ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt „Frühe Kindheit“ und Professorin für Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Osnabrück. Sie hat über 50 Fachbücher zu den Themen Entwicklungsförderung von Kindern, Frühkindliche Bildung, Bewegtes Lernen, Bewegungserziehung und Psychomotorik veröffentlicht und ist Gründerin der Initative „Bewegte Kindheit“. Ihr Buch Wilde Spiele zum Austoben. Durch Bewegung zur Ruhe kommen ist im Herder Verlag erschienen.
Weitere Infos unter renatezimmer.de

Bilder: Gettyimages, privat