Der Weg vom Kindergartenkind zum Schulkind ist voller einzigartiger, wunderschöner Erfahrungen. Allerdings kann es auch Herausforderungen geben, die Eltern und Kinder auf die Probe stellen. Doch bevor man ständig versucht schon im voraus den für die Kinder zu ebnen, sollte man auch im Kopf haben, dass Kinder genau daran wachsen können.
Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, erklärte: „Das Schönste, was eine Fee einem Kind in die Wiege legen kann, sind Schwierigkeiten, die es überwinden muss.“
Vom Kindergartenkind zum Schulkind – so wird der Wechsel einfach
Die ersten Wochen beim Schulstart sind eine große Umstellung, denn allein schon das stundenlange Sitzen bereitet einigen Kindern Schwierigkeiten. Doch meist gewöhnen sich die Kleinen schnell an die veränderten Umstände.
Was noch wichtig ist, wenn aus dem Kindergartenkind ein Schulkind wird:
Das sollen Schulkinder lernen: Selbständigkeit und Organisationsfähigkeit
Um ein Kind auf seinen ersten Schritten als Schüler oder Schülerin bestmöglich zu unterstützen, sollten Eltern vor allem Geduld, Zuversicht und Zeit schenken. Zunächst geht es darum, die Selbstständigkeit und Organisationsfähigkeit des Kindes zu fördern, denn dies wird zunehmend von den Pädagogen deines Kindes eingefordert.
„Besprechen Sie mit ihrem Kind, was es für den morgigen Schultag benötigt, kontrollieren Sie gemeinsam, ob es all seine Aufgaben erledigt und die Schultasche richtig gepackt hat“, empfiehlt die Grundschuldirektorin Regina Schiefer. „Ein Schulneuling braucht insbesondere im ersten Schuljahr viel unverplante Freizeit, in der Stress und Müdigkeit durch freies Malen oder Spielen abgebaut werden können. Melden Sie Ihr Kind daher nicht zu mehr als zwei Nachmittagskursen an.“

So finden sich Kinder in ihre neuen Rolle als Schüler ein
Die anstrengendste Aufgabe, die ein Kind im ersten Schuljahr erwartet, ist das Einfinden in seine neue Rolle als Schüler oder Schülerin. Eltern helfen ihrem Kind, indem sie versuchen, sein Selbstwertgefühl zu fördern, also das Wissen darüber, wer es ist.
Der Gruppen- und Familientherapeut und mehrfache Bestsellerautor Jesper Juul beschreibt das Selbstwertgefühl als „existentielle Qualität“. „Wir kennen das gesunde, gut ausgeprägte Selbstgefühl als ein Gefühl des In-sich-Ruhens, Sich-Wohlfühlens. Geringes Selbstgefühl wird als konstantes Gefühl von Unsicherheit, Selbstkritik und Schuld erlebt“, so Juul.
In der Grundschule wird das Kind in eine neue Gemeinschaft aufgenommen. Es nimmt dabei eine Vielzahl an Rollen zugleich ein: die Rolle als Freund oder Freundin, die des Mitschülers oder der Mitschülerin, es ist Schüler oder Schülerin, ganz abgesehen von den Rollen als Sohn oder Tochter, Enkel oder Enkelin… Das Kind sollte daher nicht (nur) von dem erzählen, was es gelernt hat, sondern Eltern sollten es auch nach seinen Freunden und dem Klassenleben fragen.
Die Kinder nicht nur für schulische Leistungen loben
Viele Eltern berichten, dass ihr Kind wenig von der Schule erzählt und nur in knappen Sätze antwortet, wenn sie es am Nachmittag von der Schule abholen. Keine Sorge, das Kind braucht einfach selbst ein wenig Abstand und Pause.
Später beim Spielen oder beim gemeinsamen Abendbrot kann man es noch einmal darauf ansprechen, sollte aber auch Verständnis dafür haben, wenn es gerade nichts erzählen möchte.
Hier findest du hilfreiche Tipps, wie Gespräche mit Kindern klappen können.
Wichtig ist, dass Kinder nicht nur für die schulischen Fähigkeiten und Fertigkeiten als Schüler oder Schülerin gelobt werden. Eltern sollten genau hinsehen und sich auch über kleine Dinge freuen, zum Beispiel wenn es liebevoll eine Katze streichelt oder mit seinem Bruder oder seiner Schwester spielt. Auch wie hilfsbereit oder aufmerksam das Kind ist, wie freundlich es die Nachbarin grüßt oder wie konzentriert es an seinem Legohaus baut ist einen positiven Kommentar wert. Grundschullehrerin Martina Brugger sagt: “Es ist erschreckend zu sehen, wie wenig viele Kinder über ihre eigenen Qualitäten wissen, wenn sie danach gefragt werden.”
Konzentrationsfähigkeit und Aufgabenverständnis gemeinsam üben
Neben der Organisationsfähigkeit, Selbstständigkeit und dem positiven Selbstgefühl sind auch die Konzentrationsfähigkeit und das Aufgabenverständnis wichtig für dein Kind. Das sind Fähigkeiten, die du mit deinem Kind gut üben kannst.
„Lassen Sie Ihr Kind Bilder zu einer Geschichte ordnen und die Geschichte dann nacherzählen. Und üben Sie beim Spielen die Simultanauffassung. Ihr Kind soll die Anzahl der Würfelaugen ohne Nachzählen erkennen und sie einer bestimmten Menge zuordnen können“, erklärt Rektorin Schiefer.
Auch zu Hause sollte es einen geordneten Arbeitsplatz für das Schulkind geben. Tägliche, wiederkehrende Rituale können zudem dabei helfen, schnell in eine Konzentrationsphase zu finden.
Schreibschrift: Darum ist die korrekte Stifthaltung so wichtig
Ein durchwegs wichtiges Thema, dem von vielen Eltern zu wenig Bedeutung beigemessen wird, ist die korrekte Stifthaltung. Wenn Kinder in den ersten Schulwochen den Spaß am Buchstaben schreiben verlieren, hängt das nicht selten damit zusammen, dass sie schlicht und einfach die Finger verkrampfen und Nacken und Rücken schmerzen.
Im Schulalltag ist der Pädagoge oder die Pädagogin der Kinder darum bemüht, solche Fehler in der Schreib- und Stifthaltung zu korrigieren. Doch nicht immer ist das bei einer hohen Schülerzahl einfach möglich.
Eltern sollten darum darauf achten, dass das Kind bei den Hausaufgaben oder beim Ausmalen so sitzt, dass die Füße flach auf dem Boden stehen und die Kniekehlen die Sitzfläche nicht berühren. Zwischen Ober- und Unterschenkel, sowie zwischen Ober- und Unterarm sollte ein 90 Grad Winkel liegen.

Schreiben lernen: Wie geht der Drei-Punkt-Griff?
Bei der korrekten Stifthaltung spricht man vom „Drei-Punkt-Griff“. Dabei liegt der Stift zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger auf dem vordersten Glied des Mittelfingers. Die ungewohnte Bewegung der Hand kann zu Beginn schmerzen, ist aber auf Dauer die schonendste Haltung bei Schreiben.
Graphomotorische und feinmotorische Übungen können das Kind dabei unterstützen, die richtige Schreibhaltung einzuüben. Super Übungen sind zum Beispiel mit einer Zuckerzange Murmeln von einer Schüssel in eine andere Schüssel zu sortieren oder Perlen auf eine Schnur fädeln. In weiterer Folge sind Nachspurübungen sinnvoll. Spielerisch den Weg durch ein Labyrinth zeichnen oder ein vorgedrucktes Muster nachfahren helfen.
Bittet den Lehrer oder die Lehrerin eures Kindes darum zu zeigen, wie die Buchstaben geschrieben werden. Viele Eltern haben das in ihrer Schulzeit ganz anders gelernt. Das kann beim gemeinsamen Üben verunsichern, wenn Eltern plötzlich eine ganz andere Schreibweise zeigen. Linkshändern hilft es übrigens, wenn die Buchstaben statt auf der linken Seite am rechten Heftrand vorgeschrieben werden.
Mein Kind fühlt sich in der Schule überfordert – was tun?
Manchmal kann es sein, dass ein Kind sich mit den vielen neuen Herausforderungen überfordert fühlt. Es zieht sich zurück, wird schnell ungeduldig, zweifelt an seinen Fähigkeiten. „Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind Schwierigkeiten hat, sollte der erste Weg zum Lehrer oder zur Lehrerin des Kindes führen. Es gilt das Kind vor Überforderung zu schützen und gleichzeitig ein „gesundes“ Maß an Forderung zuzulassen. Das ist eine Gratwanderung und bedarf der fachlichen pädagogischen Begleitung aller Erzieher und Erzieherinnen des Kindes“, rät die Grundschuldirektorin Regina Schiefer Eltern, die unsicher sind, ob ihr Kind bereits schulreif ist.
„Geben Sie Ihrem Kind aber Zeit. Prinzipiell bestimmen nicht die Eltern die Schulreife des eigenen Kindes, sondern die Pädagogen. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass Schulreifefeststellungen nur punktuelle Momentaufnahmen sind. Bis Weihnachten sind die Schulneulinge meist zu „richtigen“ Schulkindern geworden. Sollte es danach weiterhin Probleme geben, besteht Handlungsbedarf“, so Schiefer.

Kann ich mein Kind auch nach der Einschulung zurückstellen lassen?
Eine Zurückstellung nach der Einschulung ist eher selten und wird in Deutschland bundeslandspezifisch gehandhabt. Vor dem flexiblen Einschulungsstichtag ist das einfacher. In Niedersachsen gibt es beispielsweise seit diesem Jahr die Möglichkeit, dass Eltern per Brief an die Schulleitung ihr Kind um ein Jahr vom Schulbesuch zurückstellen können.
In immer mehr Bundesländern setzt sich die flexible Schuleingangsphase durch, in der die ersten beiden Schuljahre als Einheit betrachtet werden und somit die Kinder länger Zeit haben, sich in das Schulsystem einzufügen. Meist kann die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer in den ersten sechs Schulwochen eine Zurückstellung eines Kindes beantragen. Manchmal ist dies sogar bis zum 31. Dezember möglich.
Bei Anzeichen von Ängsten oder Überforderung beim Kind, sollten Eltern in jedem Fall schnell reagieren. Nur wenn ein Kind Freude an der Schule hat, kann Lernen gelingen. Gerade die Grundschule ist wegbereitend für künftige Lernerfolge, und das meist ein Leben lang.
So stärkst du das Selbstvertrauen deines Schulkindes
Jüngeren Kindern fällt es oft schwer, eigene Ängste zu erkennen und auszusprechen. Hier kann es helfen, wenn man gemeinsam mit dem Kind „Schule“ spielt. Das darstellende Spiel kann Anstoß für ein Gespräch sein oder Eltern können dabei in die Beobachtungsrolle schlüpfen. „Ich kann das alles nicht. Ich bin so dumm!“- für Eltern sind diese Aussagen aus dem Mund ihres Sprösslings erschütternd.
Wichtig ist jetzt: Stärke dein Kind, indem du ihm Erfolgserlebnisse ermöglichst, sei es beim Sport, beim freien Spiel oder bei kreativen Tätigkeiten. Lass dir von deinem Kind die Aufgabe mit eigenen Worten erklären, nicht vorlesen. Achte darauf, dass Übungseinheiten nicht das Familienleben belasten. Oft wirkt es Wunder, wenn statt Mama und Papa, ein Freund der Familie, Oma und Opa oder die Tante mit dem Kind üben.

Schulanfänger müssen ihren Platz im Klassenverband erst finden
Bei Problemen im Sozialbereich sollten Eltern daran denken, dass jedes Kind seinen Platz im Klassenverband erst finden muss. Das dauert eine Weile und kann für die Schulanfänger herausfordernd sein.
Wichtig ist, eine mögliche Abneigung des Kindes gegenüber einem Mitschüler oder einer Mitschülerin nicht noch zu verstärken, sondern zu relativieren. Man sollte bedenken, dass ein Kind noch ein paar Jahre im Klassenverband bleibt.
Selten treffen 25 Menschen aufeinander, die einander von Anfang an nur sympathisch sind. Sollte es dennoch Bedenken haben, dass das Kind mit seinen Mitschülern und Mitschülerinnen nicht gut zusammenarbeiten kann, wendet man sich am besten an den Lehrer oder die Lehrerin.
„Wir müssen uns darauf einstellen, die verborgenen Wunder im Kinde zu sehen und ihm zu helfen, sie zu entfalten“, ist sich die Pädagogin Maria Montessori sicher. Das lässt sich nur gemeinsam schaffen. Das neue Schuljahr ist ein guter Anfang.
Zur Person: Unsere Autorin Marion Brugger arbeitet seit vielen Jahren als Grundschullehrerin in Österreich und hat für den Artikel zusätzlich Tipps von der Grundschuldirektorin Regina Schiefer eingeholt.
IMMER AUF
DEM NEUSTEN
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