Etikette, Werte, Höflichkeit: Ist das noch zeitgemäß und wie wird es darum in Zukunft, wenn unsere Kinder erwachsen sind, bestellt sein? Wir sprachen mit Dr. Dr. Rainer Erlinger, der durch seine Kolumne „Die Gewissensfrage“, die regelmäßig im SZ-Magazin erscheint, bekannt und zur moralischen Instanz wurde. Welche Bedeutung hat Höflichkeit bei Kindern und wie können wir sie unserem Nachwuchs am besten vermitteln?

 

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Dr. Dr Rainer Erlinger

Herr Erlinger, was ist Höflichkeit für Sie?

Rainer Erlinger: Höflichkeit ist der Respekt für das Gegenüber, also Achtung, aber nicht Hochachtung. Es ist keine Verehrung, sondern Ausdruck dafür, dass ich den anderen als mir gleichwertigen Menschen respektiere und achte.

Wie wichtig ist Höflichkeit für unser gesellschaftliches Zusammenleben?

Ich glaube, Höflichkeit ist heute schon immens wichtig, in Zukunft wird sie aber noch wichtiger. Wir steuern ja – von manchen Landstrichen abgesehen – auf Zeiten zu, in denen man immer enger zusammenleben wird, in denen noch mehr Megacitys entstehen. Die Höflichkeit ist eine Form des Umgangs und ein Mittel, mit dem es zu weniger Reibungen kommt und weniger Konflikte entstehen, selbst wenn wir uns auf engem Raum begegnen und bewegen.

Höflichkeit wurde früher oft über Drill gelehrt und Unhöflichkeit öfter mal mit einer Ohrfeige abgestraft. Das ist natürlich unzeitgemäß. Wie soll man Kindern diesen abstrakten Begriff heute näherbringen?

Man kann Kindern diesen Respekt, der in der Höflichkeit steckt, anfangs nicht beibringen, denn sie begreifen ihn nicht. Das findet man in der Philosophie schon bei Immanuel Kant: dass Kinder zunächst die Höflichkeit erlernen müssen und erst später verstehen, was eigentlich dahintersteckt. Kant nennt es dann „die Pflicht“.
Was man früher mit Drill gelehrt hat, kann ja nicht so recht der Respekt sein. Warum sollte man jemanden mit einer Ohrfeige dafür bestrafen, dass er sein Gegenüber nicht achtet? Was Sie hier ansprechen, ist eher die Etikette oder der Benimm im Stile von „Gib die schöne Hand!“. Das ist etwas, was gar nicht so wichtig ist. Das Wichtige bei der Höflichkeit ist, dem anderen zu zeigen, dass man ihn achtet. Ich glaube, das kann man schon bei relativ kleinen Kindern erreichen durch die von mir sehr geschätzte goldene Regel. Man fragt das Kind: „Wie würde es dir denn gehen? Wie würdest du es haben wollen?“ Oder einfacher gesagt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.

Es gibt den Ausdruck der „höflichen Zurückhaltung“. Ist diese erstrebenswert für Kinder in Zeiten, in denen gesellschaftlich eine egoistische Haltung vorangetrieben wird im Sinne von „Zuallererst komm ich“?


Diesen Egoismus weiter zu propagieren mit Sprüchen wie „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“, das wünscht man sich ja generell nicht. Wir wollen doch keine Gesellschaft, in der jeder nur an sich selbst denkt. Natürlich darf auch jeder an sich denken, denn man ist im Umkehrschluss nicht weniger wert als der andere – aber man ist auch nicht mehr wert. So wäre auch die Reihenfolge: Ich muss nicht immer an erster Stelle kommen, ich muss aber auch nicht an letzter Stelle kommen.
Bezogen auf die Höflichkeit ergibt sich hier ein interessanter Ansatz, denn sie ist ja viel mehr Form als Inhalt. Das heißt, man kann sehr höflich und trotzdem ganz hart seine eigenen Belange durchsetzen. Das ist kein Widerspruch. Höflichkeit macht nur den Umgang leichter, ohne Dinge wie Gerechtigkeit oder Moral zu betreffen.

Kindheit 2050 ErlingerWelche moralischen Werte sollten wir unseren Kindern mitgeben, damit wir die Gesellschaft in der Zukunft positiv beeinflussen und gleichzeitig das Kindsein beschützen?


Ich denke, ein zentraler Wert ist das Gefühl für das Gegenüber. Der ist auch ein Mensch, der wird verletzt, dem tut etwas weh. Zu mir hat einmal jemand gesagt, der zentrale Satz der Erziehung müsse doch eigentlich sein: „Du bist nicht allein“. Ich finde, das trifft es sehr gut.

Denken Sie, dass das reicht?

Nein, natürlich nicht. Die Frage der Gerechtigkeit ist auch ganz wichtig: klarzumachen, dass es nicht gerecht sein kann, wenn jemand so viel und der andere nichts hat. Verantwortung zu übernehmen für Menschen, die sich nicht helfen können, denen es nicht so gut geht. Ich denke aber, das meiste leitet sich aus diesem Gefühl für das Gegenüber ab. Der Rest ist Ausgestaltung.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach das Zusammenleben durch die Globalisierung ändern?


Die Etikette wird immer weniger wichtig werden, weil man in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Umgangsformen hat. Wir werden uns zukünftig ganz klar darauf einstellen müssen, wie Höflichkeit in anderen Kulturen funktioniert. Also dass man zum Beispiel erkennt, wie zentral es in asiatischen Ländern ist, das Gesicht zu wahren. Dieses Bewusstsein wird in einer globalisierten Gesellschaft eine stärkere Rolle spielen. Trotzdem sollten wir nicht unsere freiheitlichen Werte aus Rücksicht auf andere aufgeben. Sie sind eine Errungenschaft unserer Gesellschaft, die man dann auch verteidigen darf.

Zur Person: Rainer Erlinger hat auch ein Buch zum Thema geschrieben „Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend“, das im Fischer Verlag erschienen ist. Außerdem gibt es von ihm eine Sammlung der Gewissensfragen in dem Taschenbuch: „Darf man Eltern sagen, dass ihr Kinder nerven?“, ebenfalls bei Fischer.

Wo werden Familien 2050 leben? Nimmt die Verstädterung zu. In unserer Interviewreihe zum Thema Kindheit 2050 haben wir dazu eine Sozialwissenschaftlerin befragt.

 

Illustrationen: Daphne Braun/Foto: Andreas Labes