Schwierigkeiten beim Schulstart – das rät die Expertin

Familie, Schule

Was tun, wenn es mit dem Schulstart nicht reibungslos klappt oder wenn Kinder vor der Einschulung schon verkünden: “Ich möchte nicht in die Schule gehen!” ? Wir haben mit einer Pädagogin gesprochen und uns Tipps geben lassen, die Schulanfängern und Eltern von Anfang an Stress ersparen.

Interview: Claire Marcussen

Valerie Berhalter aus Heidelberg berät bei “Schulstart mit Herz” (schulstartmitherz.com) Eltern, deren Kinder nicht sofort begeisterte Schulanfänger sind. Sie selbst war bis zur Geburt ihrer Kinder (7 und 4 Jahre) als Schulleiterin an einer Förderschule tätig. Aufgrund ihres Erfahrungsschatzes ist es ihr heute ein Anliegen, Müttern mit Vorschulkindern und Erstklässlern aufzuzeigen, wie sie mit ihrem Kind ohne Druck und gut vorbereitet ins Abenteuer Schule starten, um diese prägende Anfangszeit stressfrei zu erleben. 

Frau Berhalter, kommt es häufig vor, dass es Schwierigkeiten beim Schulstart gibt?

Valerie Berhalter: Unabhängig von Studien, die erhoben werden um herauszufinden, wie viele Kinder beispielsweise Schwierigkeiten mit der Sprache haben, wenn sie eingeschult werden, oder bei wie vielen Kindern Konzentrations- oder feinmotorische Schwierigkeiten vorliegen, betrifft dies meiner Erfahrung nach rund drei Viertel der Eltern.

Für einen Großteil der Familien besteht die Schwierigkeit darin, überhaupt diese erste Routine mit Schuleintritt neu zu finden. Es ist für viele nicht so einfach, das Kind anders als im Kindergarten, pünktlich abzuliefern, sodass morgens oftmals Chaos und Hektik entsteht und dies eine schwierige Situation für die gesamte Familie und das Kind selbst darstellt. Später sitzt das Kind schließlich im Unterricht, wo es sich konzentrieren soll, aber mit dem Groll vom Morgen in den Gliedern und im Herzen gar nicht richtig anwesend sein kann. Es bedarf einer Umstrukturierung, die die ganze Familie betrifft, sowohl jüngere als auch ältere Geschwister.

Nicht allen Kindern fällt der Schulstart leicht.

Was sind typische Schwierigkeiten beim Eintritt in die Schule? 

Trennungsangst, Sorge vor dem Ungewissen, keine Eingewöhnung mit Eltern, Hausaufgaben und körperliche Unruhe. Dazu kommen Konzentrationsschwierigkeiten: Lange fokussiert zu bleiben, sich nicht ablenken zu lassen, fällt Kindern ebenfalls schwer. Auch dass Eltern eher naiv das Thema Schule angehen, indem sie zum Beispiel beruflich ihre Stunden aufstocken, am Ende jedoch damit ins Straucheln geraten, kann zusätzlich Stress herbeiführen. Bei Kindern, oftmals Jungen, die nicht gerne malen, tritt des Öfteren die Problematik der Stifthaltung auf.

Wovon hängt es ab, wie leicht oder schwer der Übergang vom Kindergarten in die Schule fällt?

Wieder mal auf die Schulfähigkeit bezogen: Das Umfeld sollte einen Blick dafür haben, worin die Stärken des Kindes liegen. Jedes Kind ist anders. Wenn man Probleme bei der Stifthaltung bemerkt, könnte man gezielt fördern – ähnlich im sprachlichen Bereich. Auch die Art und Weise, wie mit Eltern kommuniziert wird, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt bei diesem einen Kind etwas noch nicht so angelegt ist, wie man es sich erhofft, löst teilweise Panik aus. Damit entsteht eine Art Teufelskreis: Eltern zweifeln am Kind, was sich auf dieses überträgt, sodass es ebenfalls an sich zu zweifeln beginnt und das Selbstvertrauen verliert. Man sollte weniger defizit-orientiert sein und im Bereich der Stärken ansetzen: Stärken stärken! 

Sind Pädagogen und Pädagoginnen dazu ausgebildet, mit solchen Situationen umzugehen?

Wenn es um die ersten Wochen geht, in denen es viele Tränen geben kann, oder darum, dass Kinder sich schlecht von ihren Eltern lösen können, sind Lehrer größtenteils und prinzipiell emphatisch. Jedoch ist es der Lehrkraft nicht möglich, sich – neben weiteren 22 bis 24 Mitschülern – einem Kind komplett zuzuwenden, das in seinem Schmerz und in seiner Trauer ist oder einfach nur gesehen werden will. Lehrer sind ebenso im Hinblick auf Kinder ausgebildet, die sich nur kurze Zeit konzentrieren können. Da es in einigen Bundesländern nun aber gar keine Förderschulen mehr gibt, es jedoch an Integrationshelfern fehlt, sitzen Kinder, die seinerzeit eigentlich eine Förderschule in einem kleinen Rahmen mit einer überschaubaren Klasse besucht hätten, nun in einem großen Klassenverband, dessen Gefüge sie überhaupt nicht gewachsen sind. In solchen Situationen als Lehrer zurechtzukommen, egal wie ausgebildet er oder sie ist, oder auf all die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können, ist in Klassen, wie sie derzeit an einer Regelgrundschule bestehen, schier unmöglich. Auch Krankheitsfälle und Vertretungsstunden tragen zu dieser unbefriedigenden Situation bei.

Erster Ansprechpartner bei Problemen sollte die Lehrerin oder der Lehrer der Klasse sein.

Was raten Sie den Eltern, wenn diese am Ende ihrer Kräfte sind?

Nicht alles steht in der Macht der Eltern. Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht: einen Schritt zurücktreten! Sich fragen, was kann ich selbst tun? Wann gilt es, externe Hilfe miteinzubeziehen? Kontakt mit dieser aufnehmen! Dem Kind zeigen: „Ich sehe dich. Ich sehe deine Not. Ich habe auch meine eigene Not. Wie können wir damit umgehen?“ Außerdem Kontakt mit der Lehrkraft aufnehmen und von ihrer Expertise profitieren sowie Möglichkeiten seitens der Schule ausloten. Je nachdem, wie diese aufgestellt ist, kann schon vor Ort agiert werden. Manchmal bedarf es einer Logopädie oder Ergotherapie.

Wie viel Zeit braucht es, bis das Kind „angekommen“ ist und wie lange darf man „Ruhe bewahren“?

Das hängt grundsätzlich von der jeweiligen Situation ab. Was die einen Eltern aushalten können, lässt die Welt der anderen zusammenbrechen. Die einen finden einen Weg, damit umzugehen; für die anderen ist jeder Tag, an dem das Kind weinend vor der Schule steht, zu viel. Eine sehr zentrale Rolle spielt die innere Haltung, weshalb mein erster Ansatz immer der ist, das eigene Mindset zu betrachten. Es gibt kein Patentrezept dafür, wie ein Kind wann in der Grundschule angekommen sein sollte. Man sollte nah beim Kind sein und nicht darauf warten, dass sich etwas auswächst. In der Regel spielt sich alles in der Zeit zwischen Sommer- und Herbstferien ein; vereinzelt auch erst bis zu den Winterferien. Auch dann sollte man nicht in Panik verfallen. Es gibt Kinder, die brauchen das ganze erste Schuljahr, bis alles optimal läuft. Manchmal brütet das Kind all die Symptome zwar aus. Die Ursache hingegen liegt in der Familie, die mit der Umstellung und Umstrukturierung des Schulalltags nicht zurechtkommt. Dann gilt es, einen Blick auf das ganze Familiensystem werfen. 

Wozu raten Sie, wenn der Zustand – Kind hat Schwierigkeiten, sich zu integrieren, verweigert die Schule, weint und/oder hat Angst … – andauern sollte?

Der erste Schritt sollte sein, sich an den Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin zu wenden, wo im Idealfall eine Vertrauensbasis vorhanden sein sollte, da er oder sie am meisten mit dem Kind in Berührung ist. Sofern das nicht gegeben ist, gibt es die Möglichkeit, die Elternvertreter der Klasse anzusprechen, oder sich an die Schulsozialarbeiter und Vertrauenslehrer und -lehrerinnen, je nach Möglichkeit, zu wenden. Bei gravierenden Angelegenheiten wäre die Schulleitung Ansprechpartner.

Die Schwierigkeiten umfassen mitunter Dinge, die im Kind selbst liegen, weil bestimmte Voraussetzungen, also Kompetenzen für den Schulstart, noch nicht angelegt sind. Für den Begriff „Schulfähigkeit“ gibt es keine gültige Definition: Damit verknüpft sind kognitive Leistungen, soziale Kompetenzen sowie die Kompetenzen der Arbeitshaltung und Motivation. Auch die körperliche Verfassung ist dabei relevant. Mit dem veralteten Begriff der „Schulreife“ hat das nichts mehr zu tun. Schulfähigkeit setzt auch ein Umfeld, egal ob in Kindergarten oder Elternhaus, voraus, das ein Angebot liefert, damit das Kind bestimmte Kompetenzen überhaupt erlernen kann. Die vorangehenden Schuluntersuchungen schauen aber auch danach, ob gesundheitliche Probleme vorliegen: Wenn das Kind etwa nicht gut hören oder sprechen kann, bestimmte Sachen nicht erkennt oder sieht, womöglich deshalb kein Formempfinden hat und daraus resultierend vorgegebene Zeichnungen nicht nachmalen kann. 

Wiederum andere Probleme ruft der Aspekt des Personalmangels in Kindergärten hervor, wo der Vorschulunterricht nicht so stattfinden kann wie in den Jahren vor der Pandemie. Oder – pandemieunabhängig – erst gar kein Fokus auf die Vorschulkinder gesetzt wird. Oftmals finden keine Kooperationen mit den Schulen statt, sodass Kindergärten nebulös auf diese vor­bereiten, jedoch nicht wissen, was die aufnehmenden Schulen von den Kindern später verlangen. 

Bilder: Gettyimages