Generation Corona: Kita-Kinder brauchen jetzt extra Unterstützung

Eltern, Erziehung, Gesundheit

Kita-Kinder gehören zu den jüngsten Betroffenen der Corona-Pandemie. Doch sie werden von Politik und Wissenschaftlern viel weniger beachtet als Schulkinder. Dabei sind die Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre familiäre Situation enorm. Experten empfehlen rasche Unterstützung.

Text: Kirsten Hemmerde

Stress, Geldsorgen und Einsamkeit: Diese Erfahrungen mussten viele Familien in der Corona-Pandemie machen. Das bestätigt Yvonne Anders, Professorin für frühkindliche Bildung und Erziehung an der Universität Bamberg. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden befragte sie über 9.000 Eltern mit Kindern im vorschulischen Alter nach deren Erfahrungen in der Corona-Pandemie.

Ihr Fazit: „Wie die Familien durch den Lockdown gekommen sind, hing in hohem Maße vom Zusammenspiel unterschiedlicher Anforderungen und Voraussetzungen ab. Die Kombination von Home-Office und Kinderbetreuung wurde von den Familien, die es betraf, als herausfordernd erlebt, und genau diese Eltern berichteten auch die größten Erschöpfungszustände. Darüber hinaus wurde auch Stress durch (zusätzliche) finanzielle Engpässe ausgelöst, der die Belastungen weiter verstärkt hat. Der Verzicht auf soziale Kontakte, vor allem auch für die Kleinen, war ebenfalls ein großer Faktor.“

Frühkindliche Bildung muss schnell nachgeholt werden

Ohne diese sozialen Kontakte mussten viele Mädchen und Jungen für einen längeren Zeitraum auskommen. Laut Anders’ Untersuchung gingen durchschnittlich nur rund 13 Prozent aller Kinder, deren Eltern sich an der Befragung beteiligten, während des ersten Lockdowns in ihre Kita. In den meisten Bundesländern gab es strenge Regeln für die Notbetreuung. Daher wurden viele Familien von heute auf morgen vor große Herausforderungen gestellt. Plötzlich mussten Kinder komplett zu Hause betreut werden. Berufstätige Eltern waren besonders gefordert. Viele von ihnen arbeiteten früh morgens, spät abends, in Etappen oder am Wochenende, um auch noch für ihre Kinder da zu sein. Die Kleinen selbst fanden sich ebenfalls in einer ungewohnten Situation wieder. Sie durften plötzlich ihre Spielkameraden in der Kita nicht mehr sehen, auch Besuche bei Freunden oder den Großeltern waren auf einmal tabu. Yvonne Anders berichtet, „dass ein eingeschränktes Wohlbefinden und Gefühle von Einsamkeit vor allem bei Einzelkindern und solchen Kindern auftraten, die nicht in einer Kita betreut werden konnten“. Viele Eltern taten ihr Möglichstes, um diese Situation wieder aufzufangen. So gaben knapp 80 Prozent der befragten Mütter und Väter an, dass sie mehr gemeinsam mit ihren Kindern basteln und malen. Zugleich nahm bei zwei Dritteln der Teilnehmer auch der Fernsehkonsum zu.

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Yvonne Anders und weitere Experten weisen darauf hin, dass zu den sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie auch noch Bildungslücken kommen können. So bemängeln die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und die Gesellschaft für empirische Bildungsforschung, dass der Bereich der frühkindlichen Bildung durch die Schließung von Kitas und Kindergärten ersatzlos weggefallen sei. Sie befürchten einen Schereneffekt. Denn wie Kinder beschäftigt und betreut werden, hing im Lockdown einzig und allein vom Elternhaus ab. Vor allem für diejenigen, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, kann das den Spracherwerb verzögern und sogar die Integration beeinflussen. Damit würde die Corona-Pandemie die oft kritisierte Ungleichheit in Deutschland sogar noch weiter verschärfen. Daher fordert Anders: „Die Kita sollte auch in Krisenzeiten als Bildungsort ernst genommen werden.“ Dabei helfen kann ein neues Angebot der Bundesregierung. Zwei Milliarden Euro stellt ihr Programm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ für dieses und nächstes Jahr zur Verfügung. Davon profitieren auch Kindertagesstätten. So werden bis zu 1.000 neue zusätzliche Fachkräfte für die sprachliche Bildung in Kitas finanziert. Zudem fördert die Bundesstiftung Frühe Hilfen mit einem Teil des Geldes Unterstützungsangebote für belastete Familien mit Kindern bis drei Jahre wie zum Beispiel Familienhebammen, Familienpaten oder digitale Beratungsangebote. Auch Sportvereine, Musikschulen und Familienfreizeitstätten erhalten zusätzliches Geld, um mehr Familien mit Kita-Kindern passgenaue Angebote ermöglichen zu können.

Vorschulkinder brauchen Förderung

Damit vor allem die Kita-Förderungen auch bei denjenigen ankommen, die sie am dringendsten benötigen, empfiehlt Yvonne Anders eine gründliche Bestandsaufnahme. Die Professorin gehört zur Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, einem Expertenrat der Kultusminister. Deren Mitglieder raten, in Kitas einen besonderen Blick auf die Vorschulkinder zu legen. Denn diese Kinder müssen nach den herausfordernden Corona-Zeiten auf den Übergang zur Schule vorbereitet werden. Ihre vorschulische Förderung sollte daher intensiver als in den Jahren zuvor geschehen. Es gibt bereits zahlreiche Programme und Methoden, die im Kita-Alltag die sprachlich-mathematischen Fähigkeiten und auch die sozio-emotionale Entwicklung stützen. Fachberater und Zusatzkräfte können hier beraten und helfen.

Die Familienzeit auch genießen

Bei aller Sorge um die Kinder der „Generation Corona“ hat Expertin Anders in ihren Befragungen auch Lichtblicke gesehen. Sie berichtet, dass Familien im ersten Lockdown trotz allen Stresses „das Mehr an Zeit mit ihren Familien und Kindern durchaus genießen. Dementsprechend haben gemeinsame Aktivitäten mit den Kindern in dieser Zeit auch zugenommen.“ Zudem seien viele Kitas außerordentlich kreativ geworden, um den Kontakt zu den Familien zu halten. Einige Einrichtungen versendeten digitale Newsletter oder stellten in kürzester Zeit Angebote wie den digitalen Morgenkreis auf die Beine. Andere Kitas wiederum schickten Bastelanregungen und Beschäftigungsideen nach Hause. Die Professorin der Uni Bamberg wünscht sich: „Auch wenn nicht alle Einrichtungen sich gleichermaßen engagiert haben, ist zu hoffen, dass von diesen Ansätzen einigen erhalten bleiben.“

YVONNE ANDERS

Prof. Dr. phil. Yvonne Anders lehrt und forscht zur frühkindlichen Bildung und Erziehung an der Universität Bamberg. Außerdem ist sie Mitglied der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der KMK, der deutschen Kultusministerkonferenz.

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