Kinder lernen Selbstständigkeit nicht von heute auf morgen. Sie entwickeln sie Schritt für Schritt durch Vertrauen, kleine Freiräume und die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen. Genau darin liegt der Schlüssel: nicht im Loslassen, sondern im begleiteten Wachsen.
Die drei wichtigsten Wege, Selbstständigkeit bei Kindern zu fördern:
- Kleine Aufgaben im Alltag überlassen
- Fehler zulassen und begleiten
- Vertrauen statt Kontrolle
Warum Selbstständigkeit für Kinder so wichtig ist
Eigene Entscheidungen treffen, Herausforderungen bewältigen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln – all das bedeutet Selbstständigkeit für Kinder. Tatsächlich entwickeln Kinder, die früh lernen Aufgaben selbst zu erledigen mehr Selbstvertrauen. Sie finden sich auch besser mit neuen Situationen zurecht, haben eine hohe Problemlösungskompetenz, übernehmen für sich und andere Verantwortung und bewegen sich sicher in ihrer Umwelt.
Kurz: Selbstständigkeit macht Kinder stark fürs Leben.
Wie sieht die Erziehung zur Selbstständigkeit in anderen Ländern aus?
Andere Länder, andere Sitten: In Japan gehören Kleinkinder, die große Straßenkreuzungen ganz allein überqueren oder mit dem Zug ganz selbstverständlich ohne Begleitung in den Kindergarten fahren, zum Alltag. In der seit über einem Vierteljahrhundert wohl beliebtesten TV-Show des Landes, „Hajimete no Otsukai“ – zu Deutsch etwa „Meine erste Besorgung“ –, werden Kinder mit einem Durchschnittsalter von zwei bis fünf Jahren sogar allein losgeschickt, um selbstständig in großen Supermärkten Dinge wie Fisch, Kiwis oder Toilettenpapier zu besorgen.
Für japanische Eltern ist das ganz normal. Eigenverantwortung übernehmen ist ein essenzieller Bestandteil der Kultur und wird so früh wie möglich vermittelt.

Übung zur Selbstständigkeit: Den Schulweg alleine meistern
In Deutschland hingegen ist das Bild eines dreijährigen Jungen, der am Sonntagmorgen beim Bäcker ganz allein Brötchen kauft oder von einem Sechsjährigen, der mit dem Fahrrad im Straßenverkehr ohne Begleitung zur Schule fährt, undenkbar. Hier spielt sich jeden Morgen das gleiche Bild ab: Mit dem Auto wird am liebsten direkt vor der Schule geparkt, auch wenn die Elterntaxis ein Verkehrschaos zur Folge haben. Dann wird das Kind möglichst bis an seinen Platz ins Klassenzimmer geführt.
Einer schwedischen Studie zufolge sorgt dieses elterliche Verhalten nicht nur für Chaos vor dem Schultor, sondern schwächt das Selbstvertrauen der Kinder und verzögert unter Umständen sogar ihre natürliche Entwicklung.

Schrittweise Entwicklung zu mehr Selbständigkeit begleiten
Schulpsychologe a.D. Klaus Seifried erklärt die Selbstständigkeit bei Kindern wie folgt: „Sobald Kinder auf die Welt kommen, findet ein Abnabelungsprozess statt. Selbst die Geburt an sich ist bereits eine Art der Abnabelung von der Mutter. Irgendwann fängt das Kind dann an zu krabbeln, und schließlich kann es laufen, sich verstecken, sich alleine ein Brot belegen oder die Schultasche packen. Mit jedem Lebensabschnitt entwickelt es sich schrittweise zu einem eigenständigen Menschen, der altersgemäß Verantwortung für sich selbst übernehmen kann.“
Selbstständigkeit lernen Kinder durch Vertrauen
Ein wichtiger Tipp für Eltern ist, ständige Anleitungen möglichst zu unterlassen. Kinder lernen Selbstständigkeit nicht dadurch, dass wir ihnen sagen wie Dinge zu erledigen sind. Wenig Druck ausüben, ist der Schlüssel zum Erfolg.
Ganz entscheidend ist das Gefühl: Ich darf mich ausprobieren. Die Geduld der Eltern die Kleinen einfach mal machen zu lassen, ist wichtig. Wenn Kinder erleben, dass ihnen etwas zugetraut wird, wachsen sie oft über sich hinaus. Gleichzeitig brauchen sie aber liebevolle Begleitung und Sicherheit, wenn etwas nicht gelingt. Hier die richtige Balance aus Unterstützung und “machen lassen” zu finden, ist für Eltern nicht immer einfach.
Tipp: Am besten ist es, ihr bietet eure Hilfe erst an, wenn ihr seht: jetzt geht es nicht weiter. Und gut ist immer eine kleine Frage: Soll ich dir helfen? Wenn dann eine kindliche Absage kommt, nicht aufdrängen sondern geduldig machen lassen.
Die eigenen Ängste nicht auf Kinder übertragen
Kinder wollen selbstständig sein, das gehört zu ihrem grundlegenden „Bauplan“. Sie wollen sich alleine die Schnürsenkel zubinden, kleine Besorgungen machen oder eben auch allein zur Schule gehen. Eltern, die ihren Kindern diese Verantwortung bewusst oder unbewusst abnehmen, entmutigen damit den Nachwuchs und senden ihm unter Umständen eine gefährliche Botschaft: Das traue ich dir allein nicht zu, dabei brauchst du Hilfe.

„Unbewusst übertragen Eltern ihre eigenen Ängste auf ihre Kinder. Vielleicht hat das Kind gar keine Furcht auf dem Klettergerüst, aber wenn die Mutter die ganze Zeit daneben steht und ihm zuruft, vorsichtig zu sein, entwickelt es natürlich Angst davor. Besser wäre es doch, wenn die Mutter ihrem Kind in solchen Situationen zeigt, wie es richtig greifen muss, um sich festzuhalten“, erklärt Klaus Seifried. Viele Kinder könnten nämlich durchaus selbst einschätzen, was sie können und was nicht. Deshalb behindern die sogenannten Helikoptereltern die Entwicklung ihrer Kinder eher, als dass sie ihnen helfen.
Auch die Montessori Lehre setzt auf das Prinzip “Hilf mir es selbst zu tun” und setzt mit den “Übungen des täglichen Lebens” einen wichtigen Grundstein für die Selbstständigkeit eines Kindes.
Kinder lernen selbstständig Gefahren zu erkennen
Klar, der Wechsel vom Kindergarten zur Schule ist für die Kleinen ein großer Schritt. Klaus Seifried rät Eltern von Erstklässlern in spe darum, den Weg zur Schule vor dem ersten Schultag ruhig mehrmals mit dem Kind gemeinsam abzugehen und sich beim zweiten oder dritten Mal vom Kind führen zu lassen. So können sowohl Eltern als auch Kinder die bevorstehende Situation und ihr eigenes Können einschätzen.
Das Elternargument, Schulwege zu Fuß seien viel zu gefährlich, widerlegen übrigens sowohl der ADAC als auch die Deutsche Verkehrswacht mit Statistiken. Demnach verunglücken die meisten Kinder im elterlichen Auto, nicht als Fußgänger auf dem Schulweg.

Selbständig die Umgebung erkunden – auch das fördert die kindliche Entwicklung
Kinder, die immer im Auto zur Schule gebracht würden, hätten sogar häufig Probleme im Verkehr, da sie nicht lernen konnten, Gefahrensituationen einzuschätzen und sich mit anderen Verkehrsteilnehmern zu verständigen. Zugleich seien die Kinder, die alleine zur Schule gehen, im Unterricht besser drauf und konzentrierter, fitter und sozial besser integriert. Denn im Gegensatz zu den anderen hätten sie die Möglichkeit, ihre Umgebung auszukundschaften, Umwege und Hinterhöfe zu erkunden, mal einen Abstecher zum Kiosk zu machen. Und sie sind häufig auch mit Freunden in der Gruppe unterwegs.
Alles wichtig für die Entwicklung, befindet Klaus Seifried. „Gehen Kinder allein zur Schule, schaffen sie sich ihren eigenen kleinen Lebensraum, den sie mit ihren Freunden entdecken.“

Helikopter-Eltern verhindern die Entwicklung zur Selbstständigkeit
Noch in den 1970er-Jahren machten sich mehr als 90 von 100 Grundschülern in Deutschland allein auf den Weg zur Schule. Im Jahr 2012 war es einer Forsa-Umfrage zufolge nur noch jeder zweite, laut anderen Umfragen inzwischen nur noch jeder dritte Grundschüler. Der Grund dafür? Die Eltern haben einfach mehr Zeit. Kinder sind nicht einfach „nur da“ und gehören zur Familie. Sie wollen gefördert werden – und natürlich will man als liebende Mama und als liebender Papa alles richtig machen.
„Eltern lieben ihre Kinder und wollen ihnen deshalb Gutes tun. Aber Eltern, die ihre Kinder zu sehr verwöhnen und alles abnehmen, behindern das Kind in seiner Entwicklung zur Selbständigkeit. Kinder müssen lernen, dass sie Dinge auch alleine bewältigen können und dass es Dinge gibt, für die sie sich anstrengen müssen, um sie zu erreichen“, meint der Experte Klaus Seifried.
Kleine Aufgaben im Alltag übergeben
Zurück nach Japan. In „Hajimete no Otsukai“ werden auch die Mütter und Väter befragt, was ihnen durch den Kopf geht, wenn sie ihre Kinder zum ersten Mal alleine zum Einkaufen schicken. Und fast alle sagen das Gleiche: Sie haben natürlich Angst, dass den Kleinen unterwegs etwas zustoßen könnte. Aber sie sagen gleichzeitig auch, dass sie dabei nur über sich sprechen und ihren Kindern vertrauen. Sie also Dinge, die sie bereits selbst tun können, auch selbst tun lassen. Denn sogar eine Zweijährige kann schon – mit ein paar Unterbrechungen – die ein oder andere kleine Besorgung erledigen.
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Bildquelle: Getty





